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Müssen Mütter immer Vorbilder für ihre Kinder sein?

Rund um den Weltfrauentag im März fragen sich Lisa Harmann und Katharina Nachtsheim, was es heutzutage heißt, Frau und Mutter zu sein. In dieser Folge macht sich Katharina Nachtsheim darüber Gedanken, ob man als Mutter auch mal Schwäche zeigen darf

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Lesezeit: 4 Minuten
Lisa Harmann und Katharina Nachtsheim

Neulich war wieder so ein Morgen, an dem einfach alles schiefging. Die Milch für meinen Kaffee war sauer, die Kinder kloppten sich schon beim Zähneputzen, und meine Lieblingsjeans hatte plötzlich ein dickes Loch. Als am Frühstückstisch auch noch ein Saftglas umkippte und alle Schulsachen nass wurden, schlug ich auf den Tisch und rief: „Bin ich denn hier im Irrenhaus? Ich hab die Schnauze voll!“ Dann legte ich einen filmreifen Abgang hin, indem ich die Türen knallte und mich im Badezimmer einschloss. Dort atmete ich erst mal tief ein und aus und beruhigte mich wieder. Ich ging zurück an den Frühstückstisch, trank einen großen Schluck schwarzen Kaffee, sah meine Kinder an und entschuldigte mich. „Sorry für den Ausbruch. Heute ist nicht mein Tag.“ Die Kinder nickten und aßen einfach ihr Müsli weiter.

Mir ist klar, dass man diese Situation auch anders hätte lösen können. Ich hätte geduldig den verschütteten Saft aufwischen und mit den Kindern über ihren Streit beim Zähneputzen reden können. Wahrscheinlich wäre dann die Supernanny aus einer Ecke gesprungen und hätte mir einen Orden verliehen, weil ich mich so vorbildhaft verhalten habe.

Klar, wir Eltern haben eine große Vorbildfunktion. Karl Valentin drückte es so aus: „Wir brauchen unsere Kinder nicht erziehen, sie machen uns sowieso alles nach.“ Heißt ganz praktisch: Wenn ich möchte, dass meine Kinder freundlich zu ihren Mitmenschen sind, sollte ich die Omi, die etwas länger braucht, um die Straße zu überqueren, nicht aus dem Autofenster anbrüllen. Wenn meine Kinder begreifen sollen, wie wichtig Umweltschutz ist, schmeiße ich das Bonbonpapier eben nicht in die Büsche und nehme öfter das Rad oder die Bahn als das Auto. Und wenn Kinder sehen, dass ihre Eltern regelmäßig und gerne Sport machen, wird auch die Gefahr geringer, dass sie selbst nur auf der Couch herumgammeln.

Ich frage mich aber: Bedeutet das, dass wir Eltern uns rund um die Uhr fehlerlos verhalten müssen, damit wir unseren Kids möglichst viel Gutes mit auf den Weg geben können? Dass wir nie mehr ausrasten dürfen, wenn uns nach Ausrasten zumute ist? Natürlich sollte das nicht laufend passieren, aber ist es nicht menschlich, ab und zu auch einfach mal nicht makellos zu sein? Meine Antwort lautet: Nein, Vorbild zu sein heißt nicht, ohne Fehler zu sein. Kinder brauchen keine perfekten Eltern, Kinder brauchen authentische Eltern. Kinder müssen ganz unbedingt sehen, dass auch Mama und Papa Macken haben, dass auch sie sich vertun können, dass auch sie mal ans Limit kommen.

Manchmal lernen Kinder mehr durch den Moment, wenn Mama erschöpft ihren Kopf auf die Tischkante legt und Tränen in den Augen hat, als durch all das Gerede vorher. Dann ist es plötzlich nicht mehr abstrakt, sondern ganz real: Huch, Mama hat auch schlechte Tage – und Grenzen. Dann können sie so reagieren, wie sie es von uns kennen: mit Verständnis, Trösten und In-den-Arm-nehmen. Wenn man sich anschließend noch gemeinsam auf die Couch kuschelt und einen Becher Eis löffelt, bis das Herz wieder leichter ist, ist das für alle Seiten sicher bereichernd.

Stellen wir uns nur mal vor, Kinder würden ihre Eltern immer nur gut gelaunt, arbeitsam, glücklich und gerecht erleben. Wäre das nicht ein unglaublicher Druck, den wir da an unsere Kinder weitergeben? Wenn sie denken würden, dass unser Weg nie steinig wäre, unsere Entscheidungen nie falsch wären: Wie würden sie dann ihr eigenes Handeln bewerten? Mit welchem Anspruch an sich selbst würden sie ins Abenteuer Leben starten? Genau, mit einem Anspruch, dem niemand gerecht werden kann.

Kinder müssen sehen, dass ihre Eltern Menschen mit Emotionen jeder Spielart sind. Dass wir begeistert, tieftraurig, genervt, überfordert und mutig, liebend und ungeduldig, albern und ernst sind. Kein Gefühl schließt ein anderes aus, alle sind wichtig und erlaubt. Wer will schon Kinder, die ihre Emotionen unterdrücken oder im schlimmsten Fall gar nichts fühlen?

Wenn ich also die Frage beantworten soll, ob wir Eltern immer Vorbilder sein müssen, kann die Antwort nur so lauten: Wir müssen Vorbilder darin sein, ehrlich und echt zu sein. Ehrlich mit unseren Mitmenschen, ehrlich mit uns selbst. Wir dürfen und sollten zu uns stehen, mit all unseren Stärken und Schwächen. Wir dürfen zeigen, dass auch wir mal ins Straucheln geraten und uns manchmal für unser Verhalten entschuldigen müssen.

Denn ist es nicht das, was wir unseren Kindern mitgeben wollen? Fehler machen wir alle. Und nur wer das weiß und es sich eingesteht, hat nach einem „Fall“ auch den Mut, sich wieder aufzuraffen und aufzustehen. Beim nächsten Mal vielleicht ohne Wutanfall, wer weiß? Aus Fehlern lernt man schließlich. Nicht nur unsere Kinder – sondern auch wir.

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