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Wie können wir uns aus vermeintlich peinlichen Situationen mit Kindern retten?

An dieser Stelle schreiben abwechselnd Lisa Harmann und Katharina Nachtsheim rund ums Unterwegssein mit Kindern (und Mann) – sofern das in diesen Zeiten möglich ist. Heute erklärt Katharina Nachtsheim, was hilft, wenn sie eigentlich im Erdboden versinken möchte

Von:
Lesezeit: 4 Minuten
Lisa Harmann und Katharina Nachtsheim

Die Frau stieg in Leipzig ein. Schon bevor ich sie sehen konnte, hörte ich sie. Ihre Atemgeräusche klangen irgendwie ungesund. Jedenfalls stand sie bald vor unserem Abteil. Sie wollte rein, auf ihren Platz, zu uns also. Ich sah, dass etwa 250 Kilo Körpergewicht der Grund für ihre Kurzatmigkeit waren. Wir lächelten uns an, sie fragte, ob ich ihr mit dem Gepäck helfen könne, was ich gerne tat.

In meinem unbedingten Willen, ihr ja keinen Blick zuzuwerfen, den sie missdeuten könnte, nahm ich mir vor, die Frau in den nächsten Stunden zu ignorieren. Mein Sohn dagegen starrte sie die ganze Zeit an. Ich stupste ihn an, zog die Augenbrauen hoch, wollte ihm irgendwie klarmachen, dass er damit aufhören soll. Als er nach einer halben Stunde zur Toilette ging, blieb er neben der Frau stehen und sagte freundlich: „Ich habe noch nie eine Frau mit so vielen Muckis gesehen wie dich.“

Wie hätte ich mir in diesem Moment eine Vollbremsung des Zuges gewünscht, um mir schnell irgendwo draußen ein großes Loch zu buddeln, in das ich mich samt Schamgefühl stürzen könnte. Stattdessen bekam ich einen knallroten Kopf, stammelte irgendwas von „Du wolltest doch aufs Klo gehen“ und vermied den Blickkontakt zu besagter Frau. Unser Abteil war bis oben hin angefüllt mit meiner Unsicherheit.

Nun haben wir Erwachsene uns ja angewöhnt, in Situationen, in den wir nicht wissen, wie wir reagieren sollen, unsere Reaktion einfach auszuknipsen. Wir tun dann so, als sei gar nichts passiert, als könnten wir nichts sehen oder hören. Vor kurzem pupste beispielsweise ein alter Mann hinter uns an der Supermarktkasse, was ich natürlich ignorierte, bei meinen Kindern aber einen gigantischen Lachanfall auslöste. „Mamaaaaaaa, der Mann da hat gefurzt“, krähte die Kleinste. Ich aktivierte meinen „Bloß nicht reagieren“-Knopf und legte unbeirrt die Einkäufe aus Band. „Maaamaaaa, hast du auch gehört, dass der Mann da gefurzt hat?“ Eine offizielle Durchsage über den Supermarkt-Lautsprecher hätte weniger Aufsehen erregt als das Lachen und Rufen meiner Kinder. Himmel, war das peinlich.

Aber für wen eigentlich? Ehrlich gesagt schämte ich mich offenbar als einzige. Meine Kinder fanden es nur lustig, der ältere Mann schien sein Hörgerät nicht angestellt zu haben und freute sich über die grinsenden Kinder vor ihm. Nur ich stand wieder mal da, schwitzte und wusste nicht, was ich tun soll. In meinem Kopf all die erlernten Konventionen.
 
Wie es im Zug weiterging? Als mein Sohn von der Toilette zurückkam, berührte die Frau ihn am Arm und fragte: „Findest du es schlimm, dass ich so dick bin?“ Ich, zwei Sitze weiter, erstarrte. Mein Sohn sah sie verwirrt an und sagte: „Dick? Ich hab’ doch Muckis gesagt.“ Die Frau lachte aus voller Kehle.

Wahrscheinlich sind es gar nicht unsere Kinder, die uns in peinliche Situationen bringen. Sie sehen die Welt eben mit ihren eigenen Augen. Sie wissen noch nicht, was man sagt und was man nicht sagt. Peinlich wird die Situation oft erst durch unsere Unsicherheit, weil wir nicht wissen, wie wir mit dem Ausgesprochenen umgehen sollen. Vielleicht ist es also besser, das Unangenehme anzunehmen und so aufzulösen statt es zu ignorieren.

Daher heißt die Antwort wohl: locker bleiben. Dem Gegenüber ins Gesicht sehen und daraus schließen, wie es ihm geht. Ob es wirklich verletzend war und wenn ja: in die Situation eingreifen. Meist ist das aber gar nicht nötig und man kann sich einfach befreit zurücklehnen und lächeln. Über die Unbedarftheit der Kinder. Ganz ohne Scham.

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