Melodie Michelberger: Wie man lernt, sich selbst zu lieben

Wieso sich Melodie Michelberger dicke Disney-Prinzessinnen wünscht, verrät sie im Interview

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Lesezeit: 5 Minuten
Julia Marie Werner

Die Körperaktivistin Melodie Michelberger aus Hamburg setzt sich dafür ein, dass Frauen positiver mit ihrem Körper umgehen. Auf Instagram präsentiert sich die 44-jährige Modejournalistin und PR-Expertin mit Kleidergröße 42 in Unterwäsche, um damit ein Zeichen gegen traditionelle Schönheitsideale zu setzen. Warum es dafür an der Zeit ist, beschreibt sie in ihrem Buch „Body Politics“.

Melodie Michelberger, aus welchem Bedürfnis heraus haben Sie das Buch „Body Politics“ geschrieben?

Eigentlich ist es logisch, dass es nicht nur schlanke Menschen gibt – und dass dünn zu sein nicht der "Normalzustand" für alle ist. Trotzdem ist ein schlanker Körper noch immer das vorherrschende Ideal, nach dem wir alle streben sollen. Man braucht nur Zeitschriften durchzublättern, um das festzustellen. Ich will damit brechen, deshalb zeige mich auf meinem Instagram-Kanal, wie ich bin: nämlich dick! Ich möchte erreichen, dass dick zu sein in unserer Gesellschaft als Teil der vielfältigen Körperrealität akzeptiert wird.

Sie waren jahrelang magersüchtig und haben exzessiv Sport getrieben. In welchem Moment haben Sie sich dazu entschlossen, nicht mehr länger gegen Ihren Körper anzukämpfen?

Vor ein paar Jahren hatte ich einen Burn-out und musste mich damit auseinandersetzen, wie ich mit meinem Körper umgehen will. Mein Therapeut fragte mich immer wieder: „Wofür sind Sie Ihrem Körper dankbar?“ Ich hatte keine Antwort darauf, denn mein Körper nervte mich einfach nur. Egal, wie viel Sport ich trieb und wie wenig ich aß: Ich sah nie so aus, wie ich es wollte. Eines Tages wurde mir klar, wie schlecht ich meinen Körper jahrelang behandelt hatte – und er funktionierte trotzdem weiter. Dafür war ich plötzlich unheimlich dankbar. Das war der Moment, in dem ich anfing, mich mit ihm anzufreunden. Ich ließ den Gedanken zu: Was wäre möglich, wenn ich aufhörte, mich ständig ändern zu wollen.

Sogar die Biene Maja wurde verschlankt!

Das Thema „Diversity“ ist derzeit in aller Munde. Sogar bei „Germany‘s Next Topmodel“ nehmen Plus-Size-Models teil. Sorgt das für mehr Akzeptanz für die unterschiedlichen Körperformen?

Es ist ein guter Schritt, aber was mich ärgert, ist, dass bei denen immer wieder hervorgehoben wird, wie stark und selbstbewusst sie sind. Das betont ihre Sonderrolle – sie sind zwar nicht so dünn wie herkömmliche Models, und trotzdem mutig genug, in so einer Show mitzumachen! WOW! Schlanken Menschen wird selbstverständlich zugestanden, ihren Körper zu zeigen und mit dessen Präsentation Geld zu verdienen. Dicke Menschen müssen sich dieses Recht erarbeiten, müssen doppelt beweisen, dass sie "trotz" ihres Bauchfetts glücklich sein können. Vielleicht lachen sogenannte "Plus Size Models" deswegen in vielen Magazinen auch oft über beide Ohren. Letzten Sommer habe ich Selbstporträts von mir gemacht, die ich ganz toll fand, auf denen ich aber nicht lache, sondern neutral schaue. Ich habe sechs Monate gebraucht, die zu veröffentlichen – das und das erstaunte Feedback darauf, zeigten mir, wie festgefahren unsere Sehgewohnheiten oft sind.

In einem Interview im Deutschlandfunk haben Sie sich kürzlich eine dicke Disney-Prinzessin gewünscht. Die Folge war ein mehrtägiger Shitstorm auf Instagram. Warum regt das die Leute so auf?

Viele haben Angst vor dicken Menschen, weil sie in ihnen eine gesellschaftliche Last sehen. Die Idee, dass wir mit unseren “faulen” Körpern die Gesundheitssysteme überproportional belasten, wird gern propagiert. In dieser Sichtweise schulden wir der Gesellschaft also etwas, und wenn man sich dem nicht ergibt, werden viele wütend. Oft stecken, denke ich, auch die Angst selber dick zu werden und die gleiche Diskriminierung zu erfahren, dahinter.

Wie kann man kleine Mädchen davor beschützen, sich nicht gängigen Schönheitsidealen zu unterwerfen? Die sind ja schon früh von dünnen Disney-Prinzessinnen umgeben …

Ich würde mir wünschen, dass wir Kinder, besonders Mädchen, in ihrem Können bestärken und nicht in ihrem Aussehen. Also anstatt "wie hübsch du bist!" lieber sagen, "wie mutig / smart / lustig du bist!" Mädchen lernen oft schon im Kindergarten, sich über ihr Aussehen zu definieren. Ich selber litt als Kind sehr unter den Äußerungen meiner Eltern. Ständig sagten sie mir, ich solle nicht so viel essen und meinen Bauch einziehen. Einmal wollte ich unbedingt einen Volantrock haben, meine Mutter sagte mir dann ins Gesicht: "Den kannst du nicht tragen, der betont deinen dicken Hintern." Da war ich sieben!

Was hat sich verändert, seit Sie Kind waren?

Dank Smartphones und Internet ist der Zugang zu Fotos und Videos enorm erleichtert worden, dazu kommen die vielfältigen Möglichkeiten dank Filtern und Apps das eigene Aussehen zu verändern. Der Druck auf Kinder nimmt zu. Der Schlankheitswahn geht sogar so weit, dass die Biene Maja für die neuen Folgen im ZDF verschlankt wurde und Bob der Baumeister keinen Bauch mehr haben darf. Mein Sohn sagte kürzlich zu mir: "Ich weiß ja, dass jeder Körper auf seine Art schön ist, aber in meiner Schule werden die Dicken trotzdem gehänselt." So etwas zu hören bricht mir das Herz.

Was können wir von Ihnen lernen?

Mir ist es wichtig, den Druck rauszunehmen. Auch ich bin nicht im Land der ewigen Self Love und Bodypositivity angekommen, denn das gibt es leider nicht – ich lebe immer noch in einer Gesellschaft, die von Fettfeindlichkeit und Diätkultur bestimmt wird. Ich gehe durch Hochs und Tiefs, mal liebe ich meinen Körper, mal nicht, und das ist okay. Ich will mir selber so oft wie möglich wohlwollend und mit Akzeptanz begegnen, das ist mein Ziel.

Wie lautet Ihre Botschaft zum Weltfrauentag an alle Frauen da draußen?

Traut euch, laut zu sein und mehr Raum einzunehmen. Feministische Forderungen und Ideen helfen uns allen – denn es geht darum, eine Welt zu schaffen, die für alle Geschlechter offen und fair ist. Die strukturelle Diskriminierungen erkennt und abbaut. Und an diesem Ziel müssen wir alle gemeinsam arbeiten.

Das erwartet Sie im 30-minütigen Videochat mit Melodie Michelberger

Melodie Michelberger: „Ich freue mich darauf, darüber zu sprechen, wie ich aus der Spirale aus Selbsthass und obsessiver Kontrolle herausgekommen bin. Mir persönlich hat es sehr geholfen, mit anderen über überzogene Ideale, unsinnige Ziele und erdrückende Disziplin zu sprechen. Weil ich so gemerkt habe, ich bin nicht allein. Es geht vielen so. Das war der Beginn meiner Heilung und das möchte ich gern weitergeben.“

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