Louisa Dellert: Wie man von anderen lernen kann

Warum Moralkeulen so wichtig sind, verrät Louisa Dellert im Interview

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Lesezeit: 5 Minuten
Julia Breuer

Ihre Karriere begann mit Sport-Selfies und Sixpack-Fotos, doch nach einer überstandenen Herzoperation widmete sich die Influencerin Louisa Dellert anderen Themen und lernte viel Neues über sich und ihre Umwelt. Heute setzt sich die 32-jährige Wahlberlinerin für Nachhaltigkeit und politische Bildung ein, schreibt einen Blog und betreibt einen Laden für nachhaltige Produkte in Braunschweig.

Louisa Dellert, von welcher Person in Ihrem Leben haben Sie am meisten gelernt?

Es gibt nicht die eine Person. Es waren viele Menschen, auch solche, die ich gar nicht persönlich kenne. Ich finde es immer interessant, vielen Menschen zuzuhören und von ihnen zu lernen. Es ist eine Lebenseinstellung, mit offenen Ohren durch die Welt zu gehen.

Was haben Ihnen die Menschen beigebracht?

Auf Instagram habe ich gelernt, mehr zuzuhören und nicht gleich so harsch auf Kritik zu reagieren. Ich bin früher nicht mit negativer Rückmeldung klargekommen, fand sie immer scheiße und wollte sie einfach nicht hören. Heute bin ich für Kritik sehr dankbar, zumindest für konstruktive. Ich gehe noch einmal in mich, überlege, ob ich etwas falsch gemacht oder jemanden vergessen habe. Ich bin froh, dass ich mich in diese Richtung entwickelt habe.

Fühlen Sie sich in Ihrer Rolle als Influencerin auch als Vorbild?

Mir sagen viele, dass ich eine Vorbildfunktion habe oder dass ich für sie ein Vorbild bin. Ich würde es aber eher so sagen: Ich trage sehr viel Verantwortung in meiner Rolle, weil mir fast eine halbe Million Menschen zuschauen und zuhören. Ich weiß, dass ich meine Follower:innen bewusst und unbewusst beeinflusse. Es ist eine große Herausforderung, noch Lou zu sein und gleichzeitig Verantwortung für andere zu übernehmen und zu tragen.

Meine Moralkeulen nerven, aber sie lösen auch etwas in den Leuten aus.

Verbieten Sie sich Dinge, weil Sie wissen, dass Ihnen eine halbe Million Menschen zusehen würde?

Nein, da hört es bei mir auf. Es gibt Menschen, die es doof finden, wenn ich einen Gin Tonic trinke, weil sie meinen, ich würde damit jüngere Follower:innen beeinflussen oder Alkohol verherrlichen, was überhaupt nicht der Fall ist. Ich möchte ich selbst bleiben. Und wenn Lou mal am Wochenende einen Wein trinkt und das auf Instagram zeigt, dann erwarte ich so viel Pflichtbewusstsein und Eigenverantwortung von den Menschen, dass sie wissen, ob ein Wein ihnen selbst guttun würde oder nicht.

Zeigen Sie bei Instagram alles von sich?

Ich mache all das, was ich im Offline-Leben mache, auch online. Ich zeige, wenn ich weine, ich zeige, wenn ich einen Coffee-to-go-Becher verwenden muss, weil ich meinen vergessen habe. Ich finde, solche Dinge gehören dazu. Es gibt Menschen, die zwar über so etwas meckern, aber ich habe ein reines Gewissen, wenn ich das zeige, was ich auch im Privatleben tun würde.

Gibt es andersrum den Effekt, dass Sie etwas tun, weil Sie wissen, dass Ihnen so viele Menschen zuschauen? Motiviert Sie das manchmal, über Ihre Grenzen hinauszugehen?

Nicht wirklich. Klar, ich kann auch zeigen, wie ich einen Marathon laufe, weil ich es noch nie gemacht habe. Aber ich finde es genauso wichtig, zu zeigen, wenn etwas scheiße gelaufen ist, und dafür Verantwortung zu übernehmen. Das ist ja vielleicht auch eine Inspiration für Menschen. Mir ist es sehr wichtig, dass ich meine Fehler ganz öffentlich kommuniziere und mich dann auch entschuldige. Mich mit Fehlern auseinanderzusetzen ist für mich die richtige Art und Weise, wie man Instagram nutzt.

Was für Fehler wären das?

Mal überlegen … Ich glaube, wenn man sich mit dem Thema Rassismus auseinandersetzt, macht man öfter mal unbewusst etwas Alltagsrassistisches. Das ist mir auch schon passiert, auch in der Öffentlichkeit. Aber dann muss man rausgehen und sagen: Das ist mir passiert, es tut mir leid, dass ich jemanden verletzt habe.

Haben Sie das Gefühl, dass Frauen in Ihrer Branche sich gegenseitig genug unterstützen?

Ja, voll. Frauen netzwerken immer mehr. Man hilft sich gegenseitig, wenn man einen Kontakt braucht oder man eine Frage zu einem Thema hat, in dem man selbst nicht so tief drinsteckt. Das funktioniert sehr gut. Ich glaube, Frauen unterstützen sich gegenseitig immer mehr.

Haben Sie einen Tipp für Frauen, die aktiv nach Netzwerken oder Mentor:innen suchen?

Ich liebe Karrierenetzwerke wie zum Beispiel LinkedIn. Da kann man sehr gut neue Leute kennenlernen. Gerade während Corona ist es sehr hilfreich, dort sichtbar zu sein, Fragen zu stellen, mitzudiskutieren. So eine digitale Plattform ist ja auch super für eher introvertierte Menschen, um erst mal einzusteigen. Wenn man eine Branche gefunden hat, die einen interessiert, sieht man, wer dort aktiv ist – mit Veranstaltungen, Beiträgen und Kommentaren. Da sollte man ein bisschen mitmachen, dann werden wieder andere auf einen aufmerksam. Einfach sichtbar sein und seinen Senf dazugeben, wie man so schön sagt, das hilft auf jeden Fall.

Es kostet Überwindung, fremde Leute um Unterstützung zu bitten, auch im Internet. Welche Erfahrungen haben Sie damit gemacht, wie reagieren Menschen darauf?

Ich habe keine schlechten Erfahrungen gemacht. Ich glaube, der Ton macht immer die Musik. Und wer auf sympathische und nette Art Kontakt aufnimmt, wird nicht zurückgewiesen.

Nach einer Operation am Herzen haben Sie sich viel mit einem nachhaltigeren und achtsameren Leben beschäftigt. Gibt es Dinge, die Ihnen früher sehr wichtig waren, von denen Sie aber gemerkt haben, dass Sie sie gar nicht brauchen?

Früher habe ich auf dem Dorf gewohnt und war abhängig vom Auto. Jetzt in der Stadt brauche ich es nicht mehr, in Berlin komme ich mit den öffentlichen Verkehrsmitteln alle drei Minuten überall weg. Das spiegelt aber gleichzeitig die unterschiedlichen Lebensrealitäten und zeigt mir, dass man Leute, die auf dem Dorf leben, nicht dafür verurteilen kann, dass sie ein Auto besitzen, weil die oft anders gar nicht mobil sein können. Ansonsten achte ich inzwischen viel mehr auf Verpackungsmaterialien. Aber ich komme nicht komplett ohne aus. Man sollte Kunststoffe an sich ja auch nicht verteufeln. Wir müssen eher dahin kommen, dass wir sie wirklich in einen Kreislauf einbauen und wieder und wieder benutzen, damit wir nicht neues Erdöl verwenden müssen, um Verpackungen herzustellen.

Kann es sein, dass die Themen Nachhaltigkeit und Achtsamkeit in der Öffentlichkeit eher weiblich besetzt sind?

Ich in meiner Bubble kann es nicht bestätigen, weil es auch ganz viele Männer gibt, die sich mit Nachhaltigkeit, Feminismus und Politik auseinandersetzen. Ich glaube, das holt langsam auf. Aber ich kann mir vorstellen, dass es außerhalb dieser Bubble so wirkt. Vielleicht liegt es daran, dass Frauen eher dazu neigen, Themen wie Achtsamkeit und Selbstliebe nicht auf sich selbst zu projizieren, sondern auf die ganze Welt. Ich merke das bei mir selber: Ich habe immer das Bedürfnis, allen Menschen zu helfen, und bin sehr harmoniebedürftig. Ich glaube, dass Frauen sich tiefergehend mit solchen Themen beschäftigen, als es Männer im ersten Moment tun. Aber ich würde nicht sagen, dass Männer sich nicht damit beschäftigen.

Wie erreicht man Menschen außerhalb der eigenen Bubble?

Im Internet sende ich einfach meine Botschaft nach draußen und weiß nie, wer sie empfängt. Die Themen, über die ich spreche, erreichen aber auch Leute, die sich noch nicht damit auseinandergesetzt haben oder die sich erst mal auf die Füße getreten fühlen. Das Feedback lautet oft, dass meine Moralkeulen nerven, aber sie lösen auch etwas in den Leuten aus. Die fühlen sich auf die Füße getreten, beschäftigen sich in der Konsequenz aber mit dem Thema. Und das ist das Ziel.

Das erwartet Sie im 30-minütigen Videochat mit Louisa Dellert

Louisa Dellert: „Ich würde gerne mit euch über das Thema Nachhaltigkeit sprechen und euch ein paar Tipps aus eigener Erfahrung mit auf den Weg geben. Wie fängt man eigentlich an, nachhaltig zu leben – und muss man dafür wirklich auf alles verzichten?“

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