Unter Mönchen

Unser Autor Mathis Vogel besuchte einen Freund in einem buddhistischen Kloster. Er erwartete Langeweile und unangenehme Esoterik, doch es kam ganz anders

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Philippe Lissac / Godong / akg-images
In der buddhistischen „Plum Village“ im französischen Dieulivol bei Bordeaux sind alle Menschen willkommen, die nach Sinn und Besinnung suchen – so wie unser Autor

Alles begann im Mai 2018, als ein guter Freund von mir nach Afrika aufbrach. Eigentlich wollte er den Kontinent für lange Zeit bereisen. Aber bereits kurz nach seiner Ankunft erkrankte er an einer schweren Malaria und erlitt zu allem Unglück auch noch einen seelischen Zusammenbruch. So stand er bald wieder auf deutschem Boden und wusste nicht, wohin mit sich. Bis er sich daran erinnerte, unterwegs von Thich Nhat Hanh gelesen zu haben, dem vietnamesischen Mönch und Reformer des Buddhismus. Dieser hatte ein Kloster in der Nähe von Bordeaux gegründet, das meinem Freund nun als der richtige Ort erschien, um wieder zu Kräften zu kommen. Irgendwann erreichte mich also sein Anruf aus Frankreich, er werde jetzt für ein paar Monate dort leben. Ich beschloss, ihn zu besuchen.

Meine Vorstellung von einem Kloster beschränkte sich damals auf Kindheitserinnerungen aus Urlauben in Bayern und auf Szenen aus dem Film „Der Name der Rose“: Andächtige Langeweile, umgeben von dicken Mauern, so dachte ich. Was ich außerdem erwartete, als ich in den Zug über Paris nach Bordeaux stieg, war ein trauriger Freund, den es zu trösten galt – und für mich zur Abwechslung wenigstens ein paar Städtetrips nach Bordeaux. Stattdessen holte mich am Bahnhof ein zutiefst zufrieden wirkender Freund ab. Und bereits wenig später war mir klar, dass ich entgegen meinen ursprünglichen Plänen das Kloster für die Zeit meines Aufenthalts nicht mehr verlassen wollte. Und dass ich zukünftig nie wieder auf andere Art reisen wollte. Aber der Reihe nach.

Reisen können Leben verändern. Vor allem dann, wenn sie Anschauungsmaterial zur Selbstreflexion bieten: Aha, so zu leben geht also auch! Nun ist es aber so, dass die allermeisten angeblich lebensverändernden Reisen, von denen man hört und liest, doch recht aufwendig zu sein scheinen: Menschen durchqueren Wüsten, besuchen im tiefsten Regenwald Völker, die eventuell gar nicht besucht werden wollen, oder stellen sich am Fuße des Mount Everest in die Schlange derer, die auch alle auf den Gipfel der Welt wollen. Danach geben sie zu Protokoll, bei sich „angekommen“ zu sein. Ich finde das erstaunlich, halte ich das Reisen doch eher für den sisyphosartigen Versuch, von sich selbst Abstand zu gewinnen. Und überhaupt: so weit fahren, nur um bei sich selbst anzukommen? Mir wäre das zu anstrengend.

Um 22 Uhr war Bettruhe

Zum Glück weiß ich seit meinem vierwöchigen Aufenthalt im Plum Village, dass es nicht die Abenteuer mit spektakulärer Außenwirkung sind, die uns einen Ort intensiv erfahren lassen, sondern eine entspannte Innerlichkeit. Und um nichts anderes ging es im Plum Village, dieser wie hingestreuten Häuseransammlung auf einem Hügel in der französischen Dordogne. Umgeben von einem Wald wanderten dort bei meiner Ankunft Mönche in braunen Kutten schweigend durchs Laub und grüßten freundlich im Vorbeigehen. Ich bezog ein Zimmer in einem grau verputzten, holzgedeckten Gästehaus, gleich gegenüber vom Tee-Pavillon, wo sich Mönche und Besucher treffen konnten. Mein Freund, der sich gerade in eine Meditation verabschieden wollte, wies mich noch darauf hin, wann die gemeinsamen Mahlzeiten stattfanden, dass ich doch mal zur Meditation mitkommen möge und ich ansonsten absolut nichts tun müsse. Dann stand ich da und wusste nicht, wohin.

Wenn es überhaupt einen tieferen Grund für das Reisen gibt, dann den, dass wir uns später daran erinnern. Diese Erinnerungen kann man grob in zwei Kategorien unterteilen: Bilder und Gefühle. Und weil wir mit unserer Sozialisation durch Bildmedien und im ständigen sozialen Abgleich durch die Welt gehen, wollen wir große Bilder, starke Reize. Ob wir den dafür nötigen Situationen gewachsen sind oder uns darin überhaupt wohlfühlen, hinterfragen wir oft nicht. Auch ich wollte das Nachtleben von Bordeaux, geschäftiges Treiben, Kunst und Kultur und vielleicht einen Ausflug ans Meer. Diese ganze planbare Oberfläche. Stattdessen schritt ich während der Gehmeditationen schweigend durch einen Wald in der französischen Provinz, aß – ebenfalls schweigend – mit anderen Besuchern und den Mönchen um 7 Uhr mein Frühstück, um 12 mein Mittagessen und um 18 Uhr mein Abendessen. Ab 22 Uhr war Nachtruhe, die ich zumeist ausreichend bettschwer und freudig antrat.

Im Plum Village saß ich Geschäftsfrauen und -männern, Studierenden, Pensionär:innen, Weltreisenden und Ärzt:innen gegenüber, die in den offenen Gesprächsrunden – deren einzige Regeln waren, andere ausreden zu lassen und nicht zu werten – von ihren Ängsten und Freuden erzählten. Ich traf Menschen ohne ihre sozialen Masken. Da war zum Beispiel Paul, der englische Unternehmer, der sich dazu bekannte, ein Leben in den Extremen „Monaco, Koks und Nutten“ geführt zu haben. Jetzt stand er am Komposthaufen der klostereigenen Farm, an dessen Beispiel ihm ein anderer Besucher den Kreislauf des Lebens erläuterte. Und Paul sagte ihm mit Tränen in den Augen: „Bevor ich vor sechs Jahren das erste Mal im Plum Village war, hätte ich dir nicht einmal zugehört.“

Mir gefiel das Hippietum

Verstehen Sie mich nicht falsch: Das Plum Village ist kein Kurhotel für gestresste Hedgefonds-Manager:innen. Jeder, der nach Sinn und Besinnung sucht, darf kommen. Ich erkannte, dass ich viele falsche Ideen von Esoterik und Hippietum im Kopf hatte und ich nun lernte, diese Lebensart zu lieben. Ich liebte es, die Menschen unverstellt reden zu hören. Ich liebte die Fokussierung, die sich einstellt, wenn man sich in Stille übt. Und ich liebte es, fast den ganzen Tag draußen zu sein. Es gab hier keinen großen Überbau, die Einsicht war simpel: Wenn man ein paar höchst gestresste Bürotiger bei viel Auslauf, ausschließlich pflanzlicher Kost und viel Ruhe miteinander sprechen lässt, zieht das den meisten bereits den emotionalen Teppich unter den Füßen weg. Denn das Leben in einer Gemeinschaft, in Ruhe, mit gesundem Essen und bewusstem Atmen steht in unserer Individualgesellschaft nicht auf dem Plan. Woher also wissen, wonach man sich sehnt?

Klar, diese behütend gerahmten Verhältnisse des Plum Village haben etwas von einem buddhistischen Disneyland. Und dennoch wird jede Besucherin und jeder Besucher einen Teil der hier gelebten Praxis mit in den Alltag nehmen können. Mein Freund fand in dieser Umgebung wieder Bodenkontakt und Lebensfreude. Und wenn ich am Anfang davon sprach, nie mehr anders reisen zu wollen, dann meinte ich damit nicht, dass ich nur noch in Klöstern absteigen werde. Vielmehr möchte ich meine Reisen von Menschen und ihren Geschichten ausgehend planen. In eine anonyme Stadt fliegen, um das millionste Foto irgendeiner Kirche zu machen und im örtlichen Starbucks Kaffee zu trinken? Ich würde mich einsam fühlen – und das kann ich jetzt auch so benennen. Überhaupt ist mir das geografische Reiseziel unwichtiger geworden. Dass sich das Plum Village in Südfrankreich befindet, ist zweitrangig. Auf das dazugehörige Gefühl kommt es an, und das hätte sich auch in Bielefeld oder Nowosibirsk eingestellt. Ich reise noch immer gern in ferne Länder. Aber eine Erkenntnis hilft mir sehr: Nähe muss ich nicht mehr in der Ferne suchen.

Zum Nachmachen hier lang:
www.plumvillage.org

Text in DB MOBIL-Ausgabe: privat

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