×

Ihr Webbrowser ist leider veraltet. Bitte aktualisieren Sie Ihren Browser für mehr Geschwindigkeit und den besten Komfort auf unserer Seite.

Aktuelle und kostenlose Browser sind z.B.

Google Chrome Microsoft Edge Mozilla Firefox

Die Höhe, der Rausch und ich

Am Matterhorn ging Redakteurin Aileen Tiedemann an ihre Grenzen: Körperlich, wenn sie durch Pulverschnee und Pubs tobte – und finanziell, denn Skifahren in der Schweiz ist ein teures Vergnügen. Doch Zermatt war ihr jeden Exzess wert

Von:
Lesezeit: 8 Minuten
imageBROKER/Getty Images/Iris Kuerschner
Blick auf die Gandegg-Hütte auf 3030 Metern Höhe. Von hier hat man einen tollen Blick ins Tal

„Höhenluft macht mich glücklich. Vor allem in Zermatt. Wahrscheinlich liegt es am reduzierten Sauerstoffgehalt der Luft in den Bergen, dass ich nicht mehr rational denken kann. Jedenfalls werde ich von Meter zu Meter glücklicher, wenn ich mit dem Zug von Hamburg in die Schweiz und dann von Brig auf 690 Metern Höhe in den 1600 Metern hohen Skiort hinauffahre. Obwohl ich mir diesen Trip eigentlich nie wirklich leisten konnte, machte ich ihn im Alter zwischen 20 bis 30 mit Freunden fünfmal. Schon die Fahrt im Glacier Express von Brig hinauf in die Berge verschlug uns jedes Mal die Sprache. Verschneite Tannen und steile Felswände zogen vorbei, während uns der ‚langsamste Schnellzug der Welt‘ gemächlich nach Zermatt hinaufbrachte. Gemeinsam mit Touristen aus aller Welt saßen wir da und blickten voller Vorfreude aus dem Fenster.

Am Bahnhof im autofreien Zermatt holte uns natürlich nie eine Pferdekutsche ab, um uns zu einem der vielen teuren Hotels zu bringen – wir stapften stattdessen zu Fuß mit unserem Gepäck zu unserem Apartment am Ende des Ortes. Klar, wir hätten auch nach St. Anton, Galtür oder Saas-Fee fahren können. Aber nein, es musste immer wieder Zermatt sein, weil wir uns in unserem ersten Urlaub hier so sehr in den Ort verknallt hatten – in den süßlichen Duft der Holzhütten, die endlos langen Pisten, das Rauschen des Gebirgsbachs im Tal, die Abwesenheit von Autolärm und natürlich das majestätische Matterhorn, das uns jeden Morgen zurief: ‚Sucht eure Handschuhe, zieht eure Skiunterwäsche an, wachst eure Snowboards und kommt sofort hier rauf!‘ 

Die Anziehungskraft des 4478 Meter hohen Toblerone-Berges war schuld daran, dass wir für einen einwöchigen Skipass so viel Geld hinlegten wie für ein neues Sofa und uns während des gesamten Urlaubs fast nur von Spaghetti mit Tomatensauce ernährten. Aber wer denkt schon an Kontostand oder ausgewogene Ernährung, wenn er mit seinen besten Freunden morgens direkt zum Kleinen Matterhorn auf 3883 Metern hinaufgondeln kann und dann durch einen Tunnel im Berg zu einer Piste mit jungfräulichem Pulverschnee gelangt? Eben! Unsere Ohren knackten wie in einem Flugzeug und wir bewegten uns wegen der dünnen Luft nur langsam, aber dafür konnten wir den Blick über 38 Viertausender und 14 Gletscher schweifen lassen. Wahnsinn! Auf den Fotos vom Gipfelkreuz blicken wir jedenfalls alle strahlend in die Kamera. 

EyeEm/Getty Images/Dario Branco
Blick auf Zermatt

Wir sausten durch die weiße Wüste 17 Kilometer die längste Skipiste Europas hinunter – mit einem Stopp an der Gandegg-Hütte auf 3030 Metern Höhe für eine heiße Schokolade und den Blick auf den Theodulgletscher. Wir wurden so übermütig, dass wir uns mit Bernhardinern vor dem Matterhorn fotografieren ließen und uns die Fotos später kauften. Wir fuhren täglich bis zur letzten Liftfahrt (Zermatt verfügt über insgesamt 360 Pistenkilometer) und nahmen abends immer die Talabfahrt, um im ‚Olympiastübli‘ mit Blick auf den Ort einzukehren. Hier spielte jedes Jahr verlässlich die gleiche walisische Band in Skiklamotten und coverte Songs von Kings of Leon und The Police. Verschwitzt und mit sonnenverbrannten Gesichtern grölten wir mit und schafften es trotz Glühweins im Blut anschließend immer irgendwie heil das letzte Stück in den Ort hinunter. Beschwipst schleppten wir unsere Boards durch die Bahnhofstraße, vorbei an Juweliergeschäften und Oligarchen in Pelzmänteln, kochten in unserer Wohnung Nudeln und zogen dann gleich weiter ins ‚Papperla Pub‘. Das war die Après-Ski-Bar von Zermatt, in der wir trotz Muskelkater zu Coverversionen von Rockklassikern tanzten, vorgetragen vom Pubmusiker Chicago Mike – und jedes Mal glücklich waren, dass in Zermatt nirgendwo anzügliche Après-Ski-Hits laufen. Der Ort ist vielmehr ein Eldorado für Musiker aus aller Welt, die sich mit Auftritten in den Bars und auf den Hütten ihre Skisaison finanzieren. High von der Höhenluft zogen wir unser Party-Sport-Programm jeden Tag durch. Wer will sich schon entspannen, wenn morgens das Matterhorn ruft und abends Chicago Mike?

Bei unserem letzten Zermatt-Urlaub vergaßen wir am letzten Abend, dass die Uhren in der folgenden Nacht von Winter- auf Sommerzeit umgestellt würden. Wir waren viel zu spät im Bett und hetzten morgens verschlafen zum Bahnhof. In letzter Sekunde sprangen wir in den Zug, schlossen die Augen und erwachten erst wieder in Brig. Hier unten, 1000 Meter tiefer als in Zermatt, schmolz bereits der Schnee, drangen uns Vogelgezwitscher und Autolärm in die Ohren. Unser Höhenflug war vorbei, unsere Konten waren leer, aber wir alle waren froh, dass wir unser Geld für dieses Glück ausgegeben hatten.“

Teilen