Planlos

Gewöhnlich pendelt unser Autor mit dem Zug. Nun ging er die Strecke zu Fuß – fünf Tage lang

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Lesezeit: 5 Minuten
Foto: Olaf Tamm
Wo geht’s nach Hause? Hinter dem Hamburger Elbdeich

Der Aha-Effekt kam spät, erst am dritten Tag, irgendwo zwischen Deutsch-Evern und Bienenbüttel, grob geschätzt bei Kilometer 71. Ich ging über einen sandigen Weg, der durch einen dichten, wild anmutenden Wald geschlagen worden war. Das Licht der Sonne stach durch die Baumkronen, die Luft war warm, die Umgebung still, seit etwa anderthalb Stunden hatte ich keinen Menschen gesehen. Der Wald roch intensiv, wie ein Wald nur riechen kann, nach Erde und Blättern. Und plötzlich verlangsamte ich meinen Schritt, wollte zum ersten Mal während dieser Wanderung nicht mehr bloß ankommen. 

In meinem Kopf hatte sich ein Schalter umgelegt. Ich setzte mich auf den Boden, weil es keine Bank gab, ich diesen Moment aber nicht einfach vorbeiziehen lassen wollte, ohne ihn zu würdigen. Begonnen hatte die Wanderung mit Stress, zwei Tage zuvor in Hamburg. Ich ging durch die Innenstadt, stundenlang am Rande sechsspuriger Ausfahrtsstraßen, vorbei an den Elbbrücken, kilometerweit am Elbdeich entlang. Nur Asphalt unter den Füßen, unter Autobahnbrücken hindurch, neben Landstraßen, an denen Autos zentimeternah an mir vorbeidonnerten. Ich suchte nach der inneren Balance, die ich mir als Belohnung selbst versprochen hatte. Aber was ich spürte, waren meine Muskeln, die langsam übersäuerten, und ein Stechen im Knie. Statt es langsam angehen zu lassen, erhöhte ich mein Tempo, weil die Umgebung keinen Reiz auf mich ausübte. Dennoch endete der Tag mit dem Gefühl, kaum vorangekommen zu sein.

Das Hamburger Stadtgebiet hatte ich noch nicht einmal verlassen, die Elbe nicht überquert. Mit platten Füßen mietete ich ein Hotelzimmer nahe der Elbfähre Zollenspieker, die mich am Tag darauf nach Niedersachsen bringen sollte. Am Abend dieses ersten Tages dachte ich an die Aufgabe, die vor mir lag, und da war keine Vorfreude. Etwa 30 Kilometer war ich gegangen, die erste von fünf geplanten Etappen einer 150 Kilometer langen Wanderung. Die Idee schwirrte lange in meinem Kopf. Warum die Strecke, die ich als Wochenendpendler vier Jahre lang mit dem Zug zurückgelegt hatte, nicht einfach zu Fuß gehen? 

Für die große Freiheit muss man kein Draufgänger sein.

Von Hamburg in mein Heimatdorf in der Nähe von Wolfsburg. Einmal quer durch das nordöstliche Niedersachsen, grob gesagt: von Hamburg ein Stück an der Elbe entlang bis nach Winsen an der Luhe, von dort nach Lüneburg und weiter bis Uelzen, tief hinein in den Landkreis Gifhorn. Am Zugfenster flog immer eine wunderschöne Kulturlandschaft an mir vorbei, eine Mischung aus tiefgrünem Wald und endlos goldenen Feldern. Regelmäßig sah ich Rehe, die über die Felder liefen, und Greifvögel, die auf Zaunpfählen nach Beute Ausschau hielten. Ich sah Fachwerkhäuser, Kirchtürme und alte Bauerngehöfte, vor denen Kühe und Pferde grasten – eine Region, direkt vor meiner Haustür, die ich nie versucht hatte, näher zu erkunden. „Nur wo du zu Fuß warst, bist du auch wirklich gewesen“, soll Goethe gesagt haben. Im Freundeskreis wollten sie mir anfangs nicht glauben. Warum sollte man das tun, so eine weite Strecke zu Fuß? Aber ich wollte raus, das Gehen als eine Art Meditation verstehen. Ich war beileibe nicht der Erste, der auf diese Idee kam. Das Gehen ist zu einer Art Volkssport geworden. Überall im Land entstehen Fernwanderwege wie der Rheinsteig, der auf 320 Kilometern Wiesbaden mit Bonn verbindet. In den Buchhandlungen finden sich etliche Regalmeter Wanderliteratur.

Hape Kerkeling ging vor Jahren schon auf dem Jakobsweg. Mich persönlich hat der Autor Wolfgang Büscher inspiriert, der vor 16 Jahren ein Buch über seinen 3000 Kilometer langen Fußmarsch von Berlin nach Moskau geschrieben hatte. „Eines Tages, als der Sommer am tiefsten war, zog ich die Tür hinter mir zu und ging los, so geradeaus wie möglich nach Osten.“ Dieser erste Satz zog mich damals in den Bann. Dieses Lakonische, Unbekümmerte war es, das mich faszinierte. Für die große Freiheit musste man kein Draufgänger sein. Man konnte die Haustür hinter sich zuziehen und einfach losgehen. Und so ging ich los, ohne große Planung, mit dem einzigen Ziel, den mehr oder weniger direkten Weg zu suchen. 

Zwischen zwei Dörfern war ich häufig der einzige Mensch, der nicht in einem Wagen saß.

Die Realität sah anders aus. Deutschland ist, das merkte ich nun, ein zersiedeltes Land. Gefühlte Stunden lief ich entlang der Ausfallstraßen in Winsen oder Uelzen, vorbei an Beerdigungsinstituten, Autowerkstätten, Tattoostudios und Asia-Imbissen. Von den 150 zurückgelegten Kilometern ging ich wahrscheinlich die Hälfte auf asphaltierten Wegen. Ständig stand ich an Weidezäunen oder Entwässerungsgräben, die ich nicht überqueren konnte. Versperrten mir Zäune den Weg und zwangen mich, Umwege zu laufen. Meine Wanderung glich einem Zickzackkurs. Mehrmals musste ich umkehren, weil an einer Landstraße plötzlich der Fußweg endete und ich nicht am Straßenrand gehen wollte. 

Zwischen zwei Dörfern war ich häufig der einzige Mensch weit und breit, der nicht in einem Wagen saß. Autofahrer, die mir entgegenkamen, musterten mich neugierig, Fußgänger waren sie anscheinend nicht gewohnt. Außerhalb der Orte sah ich nur selten Menschen, meist waren es Hundebesitzer oder Bauern im Traktor, die ich in der Ferne ihre Äcker pflügen sah.  

Anfangs war ich irritiert, wie schwer es mir fiel, allein in der Natur unterwegs zu sein. Ich war in Habachtstellung, hörte in den Wald hinein. So muss es in früheren Jahrhunderten gewesen sein, als die Leute zu Fuß über weite Strecken von Ort zu Ort wandern mussten. Allerdings fürchtete ich mich nicht vor Räubern, sondern vor Wildschweinen, unschlüssig, ob ein Zusammentreffen großes Glück oder einfach nur Pech bedeuten würde. Ich sah Wolfsspuren auf dem Boden und geriet kurz in Panik, als ich plötzlich ein Tier in der Ferne über den Weg trotten sah. Letztlich war es nur ein Hund.  

Während ich ging, hatte ich nicht das Gefühl, ständig in mich hineinhören zu müssen. Und wer fragt, was ich über mich auf diesen 150 Kilometern herausgefunden habe, wird kaum etwas Weltbewe- gendes hören. Nur, dass es mir guttat, für eine kurze Zeit aus dem Alltag auszubrechen. An der frischen Luft zu sein. Sich nicht immer über die großen Probleme des Lebens den Kopf zerbrechen zu müssen, sondern einfach mal neugierig zu sein, was hinter der nächsten Waldlichtung wartet.  

Am Nachmittag des fünften Tages bog ich auf eine lange Rechtskurve ein, in der Ferne sah ich das Dorf, in dem ich lebe. Eine halbe Stunde später stand ich vor meinem Haus. Stolz. Körperlich todmüde, geistig erfrischt. Ich wusste, dass ich mich an diese Wanderung noch in Jahren gern erinnere. Und war erleichtert, dass ich die Strecke künftig wieder in zwei Stunden zurücklegen werde.  

VOR DEM SCHUHESCHNÜREN

  • Planen Sie nichts oder zumindest nicht zu viel. Anders als im Hochgebirge kommen Sie häufig an Tankstellen oder Supermärkten vorbei. Da kann man jederzeit Wegzehrung kaufen.
  • Packen Sie leicht, denn eine Regenjacke oder ein Schirm reichen für den Notfall vollkommen. Dazu ein paar leichte Turn- oder Wanderschuhe. Wichtig: Sie müssen gut eingelaufen sein! Notfalls können Sie immer noch ein öffentliches Verkehrsmittel nehmen. Schweres Marschgepäck ist bei diesen Touren unnötig.
  • Lesen Sie Wolfgang Büscher: „Berlin–Moskau. Eine Reise zu Fuß“, Rowohlt, Restauflage erhältlich. Wer klein anfangen möchte, schaut in Wanderführer über deutsche Ballungsgebiete. Mit GPS-Daten zum Download. Etwa „Rund um München“, Rother, 16,90 €. 

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