Nächstes Jahr in Hildesheim?

Einmal im Jahr trifft unser Autor Helge Hopp seinen alten Freund A. für ein langes Wochenende in einer mittelgroßen deutschen Stadt – doch am Ende landen sie immer im Gartenlokal

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Imago Images / Schoening

„‚Hier ists iezt unendlich schön. Mich hats gestern Abend wie wir durch die Seen Canäle und Wäldgen schlichen sehr gerührt wie die Götter dem Fürsten erlaubt haben einen Traum um sich herum zu schaffen …‘
Brief Johann Wolfgang von Goethes an Charlotte von Stein (1778)

Da saßen wir nun, sonnenbeschienen, etwas müde, aber glücklich, im Gartenlokal am Rande des Wörlitzer Parks. Mein Freund A. und ich waren gewandelt, hatten formidable Sichtachsen auch ganz ohne Guide-Nachhilfe entdeckt, waren schließlich doch in eines der gondelartigen Boote gestiegen und hatten uns durch kleine Kanäle fahren lassen von kräftigen, in adrette Dienstkleidung gesteckten Burschen, die auch allerhand zu berichten wussten über die Entstehung dieser Villa, dieser Brücke und jenes Pavillons. Und diese Namen: Steingrotte, Schlangenhaus, Luisium! Näher konnte man Venedig (transporttechnisch) und Neapel (atmosphäretechnisch) in diesen deutschen Landen nicht kommen. Kurz gesagt: Es war eine einzige sommerliche Wonne! Wir folgten so brav wie streng dem Leitspruch der Anlage, nachdem das Nützliche mit dem Angenehmen zu verbinden sei. Im Gartenreich Wörlitz manifestierte sich das Motto dergestalt, dass die Gärten auch für Obstanbau, Landwirtschaft und Viehzucht genutzt wurden. Wir ehrten es, indem wir nun seit Stunden schon unter riesigen Bäumen saßen (nützliches Ausruhen), eine Berliner Weiße nach der anderen tranken (angenehmer Genuss, mehr Waldmeister als Himbeere) und über die Weltläufte  plauderten. Und darüber, wo wir uns wohl im folgenden Jahr treffen könnten. Die Zeit verflog, wir bemerkten es kaum, und beinahe hätten wir den letzten Zug zurück nach Dessau verpasst.

Ein Freund zieht in die Ferne, der andere reist ihm nach

Das mit unseren Reisen, das ist ganz allmählich gekommen, und es kam so: Mein Freund A., den ich kennengelernt hatte, als wir beide so 17, 18 Jahre alt waren, voll Sehnsucht und voll törichter Gedanken, war nach dem Abitur dorthin gezogen, wo er ursprünglich gar nicht unbedingt hinwollte, jedenfalls nicht so rasch und nicht für so lange, nämlich in die weite Welt hinaus … und ward nicht zurückgekehrt. Was mit einem harmlosen sommerlichen Sprachkurs in der Toskana begann, wo er sich prompt in eine muntere Schweizerin verliebte, die ihn nicht mehr losließ – und er sie erst recht nicht –, diese hübsche Italophilie hatte eine kleine Odyssee zur Folge.

Zunächst studierte er, der Nähe zur Schweiz wegen, in Konstanz. So erfuhr ich von der Existenz Büsingens, einer deutschen Exklave in der Schweiz. Dort hatte sich das Paar nun niedergelassen, um allen aufenthaltsrechtlichen Fragen buchstäblich aus dem Weg zu gehen: auf deutschem Staatsgebiet, vollständig umgeben von Schweizer Grund. Was es nicht alles gab! Also auf nach Büsingen, das dann aber außer seiner geopolitischen Skurrilität, zwei Telefonzellen (eine deutsch, eine schweizerisch) und einem ziemlich verschmusten Freund nicht allzu viel zu bieten hatte. Ich merkte mir: Musst du mal im Sommer wiederkommen, für Ausflüge an den Rhein, da gibt es doch bestimmt Gartenlokale …

Doch dazu kam es nicht. Das heißt, zu Gartenlokalen schon, aber nicht am Rhein. Ach, doch, wieder Jahre später, und dann konnte man endlich mal ausgiebig Rivella trinken, diese sehr spezielle, extrem leckere eidgenössische Limonade, die immer irgendwie verkehrt, anders, seltsam, jedenfalls nicht halb so toll schmeckt, wenn man sie etwa auf Fehmarn oder in Oldenburg trinkt. Selbst in Karlsruhe hat man noch das sichere Gefühl auf der Zunge: Da stimmt was nicht.

Sie ergaben sich dem allabendlichen Genuss

Ach, Gartenlokale. Und zwar solche – endlich passt diese furchtbare Floskel aus unzähligen Reiseberichten mal –, ‚die zum Verweilen einladen‘. Die fanden wir, wundersam und wunderbar, wirklich überall. Und wir verweilten. Und verweilten … Es gab sie überreichlich in Bamberg, wo das allabendliche Massen-Trinken auf der Straße schon in Mode war, als man andernorts lange noch nicht wusste, was das sein sollte, dieses Cornern, oder ein Späti. In Bamberg, obschon reich gesegnet an Brauereien samt angeschlossenen Kellern und Schänken, hätte man anders gar nicht gewusst, wie man die ganzen japanischen und amerikanischen Tourist:innen stabil mit dem begehrten Stoff versorgen sollte. Also stand die ganze Welt draußen und soff, meist friedlich. Nein, wir sind keine Geschichts- und Kulturbanausen! Wir mochten auch den Kaiserdom mit der Alten Hofhaltung nebenan, das Fischerviertel, die vielen Buchhandlungen mit den vielen, vielen Remittenden; wir liebten besonders die kleine, per Hand betriebene Flussfähre über die Regnitz unterhalb der in Künstlerkreisen berühmten Villa Concordia, wo die zauberhafte Nora Gomringer als Hausherrin amtiert. Diese Seilfähre ersetzt eine 1960 abgerissene Fußgängerbrücke und wird seit 2012 von benachteiligten Jugendlichen unter der Obhut des örtlichen Don-Bosco-Jugendwerks betrieben – so soll das sein. Wir staunten über die nicht auf Anhieb einleuchtende Verbindung der fränkischen Stadt zu den üppigen Frauenskulpturen Fernando Boteros, die einem hier in großer Zahl auf quasi gutmütige Art auflauern. Wie gesagt, jede Menge Gartenlokale, dazu das Haus vom Sams: gute Stadt.

Mein Freund A. hatte sich bald per Heirat legitimiert, war derart tüchtig und korrekt eingeschweizt geworden, dass die Einheimischen ihn an das heranließen, was ihnen heilig war. Ich persönlich hätte Käse oder Schokolade vorgezogen, Chronometer noch akzeptiert, doch nein, es ging um Geld. Freund A. fand Gefallen daran, große Summen von Dollars, Pfund, D-Mark (ja, so jung waren wir, so alt sind wir heute!) und natürlich Franken in der Gegend herumzuschieben. Er trat in die Dienste Schweizer Banken, die ihn wiederum zum kaum kaschierten Zwecke der Welteroberung und -beherrschung immer noch weiter in die Welt hinausschickten, an sehr entfernte und oft auch sehr teure Orte: New York, London, Tokio, Luxemburg (okay, nicht so weit, aber echt teuer). Klar, ich besuchte ihn, wenn es mein Kontostand erlaubte, er musste mich dann fast immer zum Essen einladen. Mir war es ein wenig unangenehm, selbst mit der allergünstigsten Pizza Margherita landete man bei 32 Euro. Andererseits: Wer scheffelte denn nun die Vermögen, und das gewiss auch nicht für einen Hungerlohn?

Jährliche Auffrischung der Freundschaft

Wenn ich mich recht erinnere, gab es sogar in Emden passable Gartenlokale. Und wenn nicht dort, dann doch in Greetsiel, wo wir eines Abends im Innenhof eines Edelrestaurants nicht profan aßen, sondern, ja, man muss es so sagen, formvollendet speisten. Jedenfalls bemühten wir uns. In Emden hatten wir echt großen Kindskopfspaß im Otto-Huus, erwachsenere Freude in der von Henri Nannen gestifteten Kunsthalle – und eine Bootsfahrt durch die überraschend kanal- und schleusenreiche Stadt gab es auch. Wir machten einen Tagesausflug nach Borkum, wo eine Inselkleinbahn allerliebst vom Hafen zum Hauptort tuckerte, voll plappernder, nach Sonnencreme riechender Menschen, voll erwartungsfroh quietschender Kinder, mit Eimern, Netzen und Schaufeln ausgestattet, von so rauschhafter Munterkeit, dass man sich doch noch mal in Saltkrokan wähnte.

Als A. schließlich, nicht zuletzt auf Wunsch der verehrten Gattin, doch wieder europäisches Festland nicht nur betrat, sondern auch dauerhaft bewohnte, nun über die Fantastilliarden eines Schweizer Konzerns wachend (welcher, tut nichts zur Sache, suchen Sie sich einfach einen aus), drängte es uns zu einem Neuanfang in unseren allzu gelockerten freundschaftlichen Beziehungen. Zunächst war es bloß ein Versuch, ein Vorhaben. Einmal im Jahr mindestens, so das Versprechen, wollten wir uns für ein langes Wochenende treffen. Und zwar in einer mittelgroßen, beiden bis dato unbekannten deutschen Stadt. Das Vorschlagsrecht sollte jährlich wechseln, auf dass uns beiden das schöne Vaterland wieder vertrauter würde. Mittelgroß musste der Ort sein, damit kein übermäßiger Besichtigungsdruck auf uns lasten würde. Wir wollten kein umfangreiches touristisches Programm absolvieren. Am Ende wären wir gehetzt, beeindruckt, aber erschöpft, und hätten nichts vom anderen erfahren. Wir wollten ja vor allem reden, über das Leben, die Liebe, über alles, was binnen Jahresfrist geschehen und nicht zu verhindern gewesen war.

Ich gestehe, das kaputte Knie ist schuld daran, dass ich kein Freund großartiger Wanderungen und ausgedehnter Spaziergänge bin. Das bedeutet, ich schätze – neben Gartenlokalen natürlich – Orte mit ungewöhnlichen Transportmitteln. Von der Borkumer Kleinbahn und den Triebwagen, die Dessau und Wörlitz verbinden, war schon die Rede, ebenso von der Seilfähre in Bamberg. Das ist alles ganz nach meinem Geschmack. Während man sanft durch die Gegend geschaukelt und hier und da auf Sehenswürdigkeiten hingewiesen wird, ob nun auf dem Main bei Bamberg oder dem Rhein von Speyer aus, fast überall kann man – ein Zug oder Schiff ist ja eigentlich nichts anderes als ein mobiles Gartenlokal – feste oder flüssige Nahrung bestellen, genießen und noch dazu weiterplaudern. In diesem Sinne war eine Fahrt mit der Brockenbahn von Wernigerode aus (ja, hin und zurück, ihr protzigen Wandernden!) zwar gastronomisch unergiebig, kommunikativ aber äußerst lohnend: Die Holzklasse zeigte sich in ihrer possierlichsten Form, die Fahrt dauerte ewig. Ansonsten liebe ich Städte mit weit ausgreifenden Straßenbahnnetzen (Braunschweig, Potsdam!), deren Linien auch mal bis in die trüberen Vorstädte fahren, damit man kein völlig falsches, da romantisch verträumtes, geradezu süßliches Bild vom bereisten Ort erhält.

Mein Freund A., der freiwillige Exilant, hat durch diese jährlichen Reisen ein neues, ein anderes Bild von seinem Geburtsland gewonnen, das er vor so vielen Jahren aus dem besten aller Gründe (wir erinnern uns: die Liebe!) verließ. Und ich auch, der ich blieb (die Liebe!); und jedes dieser Treffen hat uns wieder näher zueinander gebracht. Gelobt seien also die Freundschaften freundlich alternder Männer, gelobt seien die mittelgroßen deutschen Städte, die zur Pflege derselben beitragen. Man muss gestehen, dass einige von ihnen sich im Sinne unserer Auswahl doch als ein Stück zu interessant erwiesen. Wir haben trotzdem das Reden über das Sightseeing gestellt. Pardon, Görlitz und Wernigerode, Schwerin und Regensburg, wo wir beim ersten Besuch gewiss vieles verpasst haben. Die Lösung: Wir werden steinalt und kommen noch mal wieder. Aber vorher müssen wir erst noch nach Wiesbaden, Krefeld, Magdeburg, Hildesheim …“

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DB MOBIL-Text: privat
 

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