Nackt unter Kollegen

Erst frieren im Schlafsack, dann schwitzen in einer Jurte: Fotograf Stephan Pramme machte mit zwei Autor:innen eine ungewöhnliche Reise

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Lesezeit: 2 Minuten
Stephan Pramme

„Greta Taubert rief mich an und fragte: ‚Willst du mit mir und einem Kollegen unter dem Sternenhimmel übernachten und später in eine Schwitzhütte nach Brandenburg fahren?“ Was für eine Frage?

Greta kannte ich zwar bereits, aber Thilo Mischke war mir neu. Er machte es einem leicht, ihn zu mögen. Und so saßen wir ein paar Wochen später tatsächlich auf der einsamen Insel Werder im Gudelacksee am Lagerfeuer, leerten eine Flasche Rum, ich kaute Tabak und alles kam mir sehr ursprünglich vor. In dieser Atmosphäre gab es keine doofen Fragen oder Themen, die wir nicht hätten besprechen können. Ich fabulierte mit den beiden also über Unterschiede zwischen Ost und West und über abstrakte Dinge wie Identität. Es war in dem Moment das natürlichste von der Welt mit halbwegs Bekannten über so etwas Tiefsinniges zu sprechen. An dem Abend gab es nur uns Drei, das Feuer und ein Brot mit Harzer Roller. Wenig später legte ich mich in mein Zelt, tatsächlich draußen zu schlafen, war mir dann doch zu kalt.

Ein paar Tage später brach ich mit den beiden zu einer Schwitzhütte auf. In Brüssow wurde eine schamanische Reinigungszeremonie abgehalten. Nackt. Das störte uns nicht. Mit Greta gemeinsam hatte ich auch schon beruflich eine Tour durch die deutschen Saunalandschaften gemacht und als Kinder des Ostens sind wir mit FKK groß geworden.

Stephan Pramme

Als die Ersten anfingen zu stöhnen wusste ich: Hier bin ich falsch

Und dann saßen wir da. Pobacke an Pobacke mit anderen, wirklich fremden Menschen in einer stickigen Hütte. Man sah die Hand vor Augen kaum oder nur, wenn der Zeremonienleiter etwas in die Glut warf, die in der Mitte des Zelts loderte. Bald fingen die ersten Teilnehmer um mich herum an zu stöhnen, aus Anstrengung vielleicht oder, weil sie das das Ganze so toll fanden. Das wusste ich nicht und fand es sehr befremdlich.

Etwas Gutes hatte die Szenerie allerdings: Es war viel zu dunkel und viel zu stickig, um Fotos zu machen. Es wäre mir auch unangenehm gewesen. Schließlich waren hier viele Menschen, die während der Zeremonie nicht nur ihr Äußeres, sondern auch ihr Inneres entblößten.

Spirituell konnte ich der ganzen Sache wenig abgewinnen, nie im Leben hätte ich mich zu so etwas freiwillig angemeldet, aber der Ablauf der Reise war perfekt. Der Abend am Lagerfeuer hatte uns enger zusammengeführt, als ich es bisher beruflich erlebt habe. Und das gemeinsame Zergehen in der Schwitzhütte hatte uns im wahrsten Sinne des Wortes zusammengeschweißt. Als Kolleg:innen haben wir uns kennengelernt und als Freunde sind wir heute verbunden.“

Zum Nachmachen hier lang:
https://schwitzhuettenrituale.de
https://www.inselkind-lindow.de

 

Hier geht's zum Nachlesen der ganzen Geschichte in DB-MOBIL-Ausgabe: Mai 2018.

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