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Mein Freund, der Berg

Wie sich unsere Autorin im Berchtesgadener Land buchstäblich frei kletterte – trotz Drahtseil

Von:
Lesezeit: 5 Minuten
Auf dem Gipfel
Privat

„Sich selbst zu besiegen sei der allerschönste Sieg, wusste schon der deutsche Barockdichter Friedrich von Logau. Ob er auch Höhenangst hatte? Mich jedenfalls packt schon seit Kindesbeinen der Schwindel, wenn es höher hinaus geht als über die Esstischkante. Beim Bungee-Jumping und Fallschirmspringen überließ ich immer gerne anderen den Vortritt. Konfrontationstherapien wie eine Runde in der weltgrößten Holzachterbahn machten mich nicht wirklich froh. Doch dann kam der Moment, als der Sommerurlaub geplant wurde und der Gatte meinte: ‚Wie wär’s mit Klettern?‘

KLETTERN. Schon das Wort ließ mich schaudern. Andererseits – ich liebe die Berge, das Skifahren und ausgedehnte Wandertouren. Fahrten in der Gondel sind okay. Weitblick von Almhütten über die Gipfel auch. Also gut, geliebter Schweinehund (mein innerer, nicht der Mann …), lass uns klettern gehen!

Oder besser gesagt: Klettersteiggehen. Das ist ein bisschen wie Reinhold Messner für Arme: Dabei führen vorgezeichnete Kletterrouten, mit Stahlseilen und Eisentritten gesichert, auf den Gipfel hinauf. Allerdings geht es auch hier durchaus knackig so manche steile Wand nach oben – und vor allem hinunter. Oft sind Stellen ‚ausgesetzt‘. Das heißt, die ‚Wege‘ sind schmal und führen nahe am Nichts vorbei.

Stellte sich die Frage: Wie und wo lässt sich das erlernen? Die Wahl fiel auf die Bergsteigerschule ‚Alpine Welten‘. Sie hatte sich bereits bei einer Reisereportage bewährt und bietet regelmäßig Klettersteigkurse für Einsteiger im oberbayerischen Berchtesgaden an. Hier werden in zweieinhalb Tagen die Grundlagen vermittelt, um ‚fit zu sein für selbstständige Unternehmungen an den Eisenleitern in den Alpen‘. Neben Bewegungs- und Sicherungstechnik in der Theorie gehören auch drei praktische Einheiten am Fels zum Kursus.

Das klang gut, denn Berchtesgaden und seine Umgebung zählen zu den beliebtesten und schönsten Urlaubsgegenden Deutschlands. Und auch wenn der Andrang – von Corona-Zeiten abgesehen – meist sehr groß ist: Wer ein wenig abseits der Touristenströme bergwärts geht, kann noch überraschend viele naturnahe Eindrücke erleben, mit Alpensalamandern, Steinböcken oder Kuchen von der Sennerin.

Erster Schritt: Den Übungsfelsen bezwingen

Der Königssee – von bester Wasserqualität, nur mit Elektrobötchen zu befahren und berühmt für sein Trompetenecho – ist von magischer Anziehungskraft. Darum herum gruppieren sich die Berchtesgadener Alpen mit ihrem vielbesungenen Watzmann-Massiv und der 2.713 Meter hohen Mittelspitze als höchstem Punkt. Den Grat zu überschreiten ist eine beliebte Herausforderung bei Bergsteigern. Wir fangen eine Nummer kleiner an, mit dem Übungskletterfelsen Hanauerstein in Schönau am Königssee. Er ist etwa 40 Meter hoch.

Hallooo, wer lacht da? Da muss man erst mal raufkommen! Skeptisch blickt die insgesamt sechsköpfige Anfängergruppe auf die graue Felswand, an der sich Drahtseile nach oben schlängeln. ‚Erst mal legen wir das Klettergeschirr an‘, beruhigt Bergführer Michael ‚Michi‘ Höglauer. Mit den Beinen durch zwei Schlaufen, dann den Hüftgurt festziehen. So sitzt das Geschirr idealerweise wie eine Überhose auf der bequemen Wanderbüx. An einer Schlaufe vorm Bauch werden zwei Seile mit je einem Karabiner eingehängt. Sie werden später in die Drahtseile geklinkt und sind die ‚Lebensversicherung‘ am Berg. Bei einem Sturz fällt man allerdings mehrere Meter tief, und es kann durchaus schwere Verletzungen geben. Daher ist Leichtsinn fehl am Platz. Helm auf gegen Steinschlag, Handschuhe an – los geht‘s!

Die ersten Tritte sind noch mühsam, von Felskante auf Stahlschraube, dann den nächsten Halt suchen. Meine Güte, wie soll ich nasser Sack da bloß raufkommen? Wollte ich das wirklich? ‚Kleine Tritte machen. Und es muss immer mindestens ein Karabiner am Sicherungsseil sein‘, mahnt Michi. Gewicht verlagern, Hände und Füße koordinieren … Puh … und das alles in Wanderstiefeln. Wobei ich später lerne, dass im Sommer bei manchen Klettersteigen auch leichtere Schuhe mit kurzem Schaft ausreichen.

Langsam ziehe ich mich hoch. ‚Das kostet unnötig Energie. Arme besser lang lassen‘, rät Michi. Bloß gut, dass wir zu Hause regelmäßig joggen und ein bisschen Krafttraining absolvieren. Das zahlt sich jetzt aus. Für Couch-Potatoes ist dieses Hobby ungeeignet. ‚Auffi, auffi muaß i aufn Berg‘, murmele ich. Die Aussicht reduziert sich auf Gräser, Steine und kleine Bäume in Felsspalten vor meiner Nase. Nach etwa 20 Minuten ist die erste leichte Miniroute geschafft. Vom Hanauerstein führt ein kurzer Fußweg nach unten. Und sonst so? Vor lauter Konzentration aufs Ein- und Aushaken der Karabiner hatte ich gar keine Zeit, nach unten zu schauen …

Zweiter Schritt: Die Schlingen-Theorie verstehen

Am Abend weist Michi die Anfänger in die Grundzüge des Klettersteigwesens ein. Wozu braucht man eine Rastschlinge? Für Pausen bei längeren Routen, man hängt sich damit in kurzem Abstand ans Drahtseil. Was ist ein Zustieg? Die Strecke zum Klettersteigstart. Wie unterscheiden sich die Routen? Üblicherweise von Grad A bis E, von leicht bis schwer, wobei schon D mit Überhängen recht anspruchsvoll ist. Dazu gibt er Sicherheitstipps. Dass man unbedingt vorm Start gegenseitig die Ausrüstung kontrollieren soll zum Beispiel.

Am nächsten Morgen hängen die Wolken tief überm Jenner (1.874 Meter). Mit der neuen Gondelbahn geht es hinauf, ein Stück zu Fuß wieder hinunter, dann liegt der Schützensteig vor uns. 330 Meter lang ist die Route, etwa eine Stunde wird die Kletterei dauern. Mit mulmigem Gefühl greife ich zum ersten Drahtseilstück, schiebe mich langsam vor und nach oben. Vorsichtig, denn nach dem Regen der Nacht sind einige Tritte rutschig. Dann wage ich den Blick nach unten. Und atme durch. Wie gemalt liegt der tiefblau-grüne Königssee am Fuße der felsigen Hänge, die in Wiesen münden. Atemberaubend! Und ich merke – nichts. Kein Schwindelgefühl, der Berg gibt mir buchstäblich Halt. Meine Fingerspitzen spüren den kühlen Kalkstein. Voller Glücksgefühl steige ich weiter, nehme sogar mit Schwung den Flying Fox, eine kleine Seilbahn über einem Abgrund. Tschüss, Höhenangst!

Dritter Schritt: Schwitzen und Spaß haben

Am Schlusstag erwartet uns mit dem Grünstein (1.304 Meter) eine neue Herausforderung. Der Isidorsteig hat bereits Schwierigkeitsgrad C und führt uns insgesamt 800 Höhenmeter hinauf. Doch mein Selbstvertrauen ist inzwischen fast so groß wie der Watzmann. ‚Schau nur nach oben, Silvia‘, feuere ich mich im Stillen an. Aus vielen Tritten wird der Aufstieg. Nach unten blicke ich nur dann, wenn ich weiß, dass mich die Aussicht begeistern wird und diese positiven Gefühle stärker sind als nahender Schwindel. Oben angekommen, bin ich schweißüberströmt, das Gesicht ist gerötet. Mein Mann und ich lächeln uns an und umarmen uns. Geschafft! Und nächstes Jahr klettern wir wieder.“

Zum Nachmachen hier entlang:
www.alpinewelten.com/klettersteigkurs-einsteiger

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