Me, myself – und nichts als die Sterne

Unsere Autorin ist noch nie allein in den Urlaub gefahren – aus Sorge vor Einsamkeit und Langeweile. Als sie eines Tages doch ohne Begleitung zum Wandern in den Harz aufbricht, verlässt sie dort der Mut aus einem ganz anderen Grund

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Es war ein später Freitagabend, als ich nach einer anstrengenden Uni-Woche wach im Bett lag und darüber nachdachte, dass ich noch nie allein verreist war. Irgendwie hatte mich die Idee immer gereizt, zugleich aber auch eingeschüchtert: Ich hatte Angst vor der Einsamkeit und vor den mitleidigen Blicken der anderen Reisenden. Klar war aber auch, dass ich dringend mal meine Ruhe und vor allem etwas Bewegung brauchte. Am besten gleich morgen, dachte ich, schlug mir jedoch im selben Moment im Geiste auf die Finger. Nicht so voreilig. Eigentlich hatte ich gar keine Zeit: Am nächsten Tag waren noch ein paar Dinge für die Uni zu erledigen, die ungelesenen Mails und das ungespülte Geschirr stapelten sich. Und normalerweise plante ich Urlaube lange im Voraus. Oder waren das alles bloß Ausreden, nur um nicht herausfinden zu müssen, ob ich es mit mir allein aushalten würde?

Zumindest eine Nacht, überlegte ich, sollte ich es doch schaffen. Ein Kurztrip, nur für mich. Mein Fahrrad war allerdings nicht im Zustand für eine Tour. Mein Blick fiel auf die Wanderstiefel. Fürs norddeutsche Flachland waren die etwas übertrieben, also musste ich wenigstens in den Harz hinauffahren. Ein Griff zum Handy und eine kurze Recherche im DB Navigator verrieten mir, dass die Fahrt nach Bad Harzburg im Regionalverkehr dreieinhalb Stunden dauerte. Und was den Schlafplatz anging: Will man im Harz außerhalb des Nationalparks in den kleinen, halb offenen Schutzhütten im Schlafsack übernachten, wird das meist geduldet.

Am nächsten Tag stieg ich frohen Mutes in Bad Harzburg aus der Bahn. Während der Zugfahrt hatte ich noch meine Mails abgearbeitet – und mir eine Wanderroute herausgesucht. Kurze Zeit später war ich im Wald allein mit dem gedämpften Geräusch meiner Schritte. Anfangs warf ich noch regelmäßig einen Blick auf die Navi-App, um den Weg zu überprüfen; immerhin waren es 18 Kilometer bis zu der Hütte, die ich für die Nacht angepeilt hatte. Weil der Weg gut ausgeschildert war, packte ich das Handy bald in den Rucksack. Kurz vor Torfhaus mündet der Blochschleifenbach in einen anderen Wasserlauf, den Dammgraben. Hier füllte ich meine Flasche mit frischem Wasser und einer Chlortablette auf. Die Blaubeeren am Wegrand machten den Festschmaus perfekt. Nun gab es kein Halten mehr, auch wenn die Sträucher meine Beine zerkratzten. Alles juckte, schmerzte, klebte. Großartig!

Irgendwann hatte ich auch die letzten Kilometer bis zu meinem Biwak geschafft. Als ich meinen Rucksack schließlich auf der Bank vor der Hütte absetzte, glühte deren Giebel in den letzten Sonnenstrahlen. Nach einem Bad im eiskalten Dammgraben dippte ich Knäckebrot in Aufstrich und trank chloriges Wasser. Ich war echt stolz auf mich – zumindest bis es wirklich dunkel wurde. Dann glaubte ich plötzlich, Geräusche zu hören. War das wirklich nur das Rauschen des Wassers, oder pirschten sich irgendwelche Tiere an? Wartete hinter den Bäumen jemand nur darauf, dass ich mich in Sicherheit wiegte?

Plötzlich begriff ich, dass ich die Nacht allein im Wald verbringen würde. Weil ich jetzt gern jemanden zum Reden gehabt hätte, schickte ich eine kurze Sprachnachricht an eine Freundin. Aber das ungute Gefühl ließ sich nicht wegplappern. Angst kroch meine kurzen Hosenbeine hoch. Gab es hier eigentlich Wildschweine? Was wäre, wenn mir die Zehen vor Kälte abfrieren würden? Und wann hatte ich eigentlich das letzte Mal die Batterien meiner Taschenlampe ausgetauscht?

Ich zwang mich, das Handy wegzulegen, breitete Luftmatratze und Schlafsack aus, putzte mir die Zähne. Dann lag ich in der Hütte und starrte an die Decke. Mit Freund:innen hatte ich schon die eine oder andere Nacht in ähnlichen Hütten oder auf Wiesen verbracht. Aber nun war es eine echte Herausforderung, nicht einfach aufzuspringen, die sechs Kilometer hinunter nach Altenau zu laufen und dort ein Zimmer zu buchen. Trotz müder Glieder schlief ich daher unruhig und wachte schon nach ein paar Stunden wieder auf. Ich beschloss, mir ein wenig die Beine zu vertreten. Vor der Hütte empfing mich, so fern von den Lichtern der Stadt, ein wolkenloser Sternenhimmel. Eigentlich ganz schön hier, schoss es mir durch den Kopf. Ein Gedanke, der mir vor drei Stunden noch unglaublich fern erschienen war. Einige Minuten lang stand ich reglos da und bewunderte das Blitzen und Funkeln über mir. Dann huschte ich fröstelnd wieder in meinen Unterschlupf. Den Rest der Nacht schlief ich wie ein Baby.

Am nächsten Morgen wanderte ich zunächst mit klammen Knochen weiter. Doch das Laufen wärmte mich auf, und nach wenigen Minuten fühlte ich mich topfit. Auf der Strecke zum Wurmberg, dem mit einer Höhe von 971 Metern höchsten Berg Niedersachsens, kamen mir Paare, Freundesgruppen und Familien entgegen. Ich begegnete ihnen mit stolzgeschwellter Brust und blaubeerverschmierten Händen.

Auf dem Gipfel angekommen war es mit meiner wohligen Einsamkeit allerdings endgültig vorbei: Kinder sprangen um mich herum, überall sah ich zum Selfie gezückte Kameras, Pommesgeruch lag in der Luft. Also kehrte ich dem Wurmberg nach einer kurzen Mittagspause den Rücken. Nach Braunlage ging es steil bergab, parallel zu der Seilbahn, die Mountainbiker:innen und Tourist:innen auf den Berg brachte. Mit jedem Schritt wurde mir schmerzlich bewusst, dass sich mein kleines Abenteuer seinem Ende näherte.

Während ich in Braunlage auf den Bus wartete, ließ ich die vergangenen 24 Stunden Revue passieren. Seit meiner Ankunft in Bad Harzburg am Vortag hatte ich etwas gelernt: Ich kann auch allein etwas erleben, und das sogar ziemlich spontan. Ich hatte meinen inneren Schweinehund zum ersten Mal besiegt. Und ich denke, dass es auch nicht das letzte Mal war.

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