„Ich liebe das Wunder des Unterwegsseins“

Mit drei Jahren nahm ihre Mutter sie mit auf einen Roadtrip nach Spanien, als Jugendliche war sie zweimal in Indien. Und mit 22 gab sie ihre Wohnung in Stuttgart auf, um vier Jahre lang mit einer BahnCard 100 in Zügen der Deutschen Bahn unterwegs zu sein: Mobilität und Bewegung spielen in Leonie Müllers Leben eine wichtige Rolle. Im Gespräch offenbart sie ein überraschend poetisches „Reiseherz“.

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Lesezeit: 6 Minuten
Foto: Marvin Ruppert
Leonie Müller (29) ist eine (digitale) Nomadin, die Vorträge hält über moderne Mobilität, neue Formen des Arbeitens und die Wichtigkeit der persönlichen Sinnhaftigkeit unseres Arbeitslebens.

Leonie Müller, was ist Heimat für Sie?

Heimat, das sind für mich vor allem die beiden Regionen, die ich mit meiner Kindheit verbinde: Bielefeld, wo ich aufgewachsen bin, und Stuttgart, wo ich meine Großmutter oft besucht habe. Anders als andere Menschen bedeutet Heimat für mich aber nicht „Zuhause“. Zu Hause fühle ich mich immer dort, wo ich gerade lebe. 

2015 haben Sie Ihre Studentenbude gegen eine BahnCard 100 getauscht. In welchem Zug der Bahn haben Sie sich am meisten zu Hause gefühlt?

ICE bin ich sehr gerne gefahren, vor allem der ICE 3 gefällt mir vom Aufbau und Design her am besten. Dort gibt es diese gemütlichen Sechserabteile, in die man sich zurückziehen kann oder in denen man mit anderen leichter ins Gespräch kommt als im Großraumwagen. Da ergaben sich im Laufe der Zeit viele interessante Begegnungen. 

Zum Beispiel?

Ich erinnere mich an eine absurd-schöne Reise von Dresden nach Leipzig. Es war Hochsommer, sehr warm, und ich kam als Sechste ins Abteil. Damit war es voll, und anfangs war die Stimmung deshalb eher verhalten. Aber dann wurde es eine sehr lustige Fahrt, weil wir alle einen ähnlichen Humor hatten – den wir auch nicht verloren, als wir länger irgendwo stehen blieben. Wir saßen in einem alten Zug, in dem man im Gang noch die Fenster aufmachen konnte, das gefällt mir sehr. Zu meinen Lieblingszügen zählt der Metropolitan Express Train (MET), der eine Zeit lang zwischen Berlin und Leipzig fuhr. Die Strecke bin ich von 2017 bis 2019 oft gefahren, weil meine Mutter in Berlin lebt und ich in Leipzig studierte, wo ich meinen Master in Kommunikationswissenschaft gemacht habe. Der Zug hat eine Holzvertäfelung, man fühlte sich ein bisschen wie im Orientexpress. 

Das klingt erstaunlich romantisch für jemanden, der Vorträge über New Work hält und keinen festen Wohnsitz oder Arbeitsplatz hat.

Wir sind die mobilste Gesellschaft, die es jemals gab. Wir wohnen multilokal, also an den verschiedensten Orten, und wollen günstig, sauber und effizient von A nach B kommen. Ich nutze dafür gern moderne Mittel wie mein Laptop oder einen ICE, aber ich habe auch ein romantisches Reiseherz. Ich liebe das Wunder des Unterwegsseins. 

Ihre Lieblingsstrecke mit dem Zug?

Die hat auch mit Reiseromantik zu tun: Es ist die Strecke entlang des Rheins zwischen Köln und Mainz, mit all den Burgen und Schlössern. Hier fahren kaum ICE-Züge, deshalb kam ich nicht so oft dorthin. Aber wenn es mal geklappt hat, dann war es größtes Reisekino. 

Sie sind schon als Kind viel gereist. Wohin führte die Reise Ihres Lebens?

Diese Frage möchte ich philosophisch beantworten: Es gibt nicht die eine Reise meines Lebens, sondern mein Leben ist eine Reise – die von vielen Reisen geprägt ist. Zu reisen gibt mir ein neues Bild davon, was ich kann, wer ich bin, was ich lernen möchte. Ich bin unglaublich gern unterwegs, darin fühle ich mich aufgehoben. Alle Menschen, die mir lieb und wichtig sind, leben zudem verteilt in Deutschland, Europa, der Welt. Und schon um mit ihnen in Kontakt zu bleiben, werde ich auch in Zukunft viel reisen. 

Echte Begegnungen bleiben also wichtig?

Unsere digitalen Möglichkeiten sind großartig, um in Kontakt zu bleiben, ersetzen aber keine persönlichen Begegnungen. Analoge Treffen müssen ab und an einfach sein. Wir sind analoge Menschen mit einem Körper. In Vorträgen weise ich oft darauf hin, dass wir nicht nur digitaler werden, sondern auch analog bleiben müssen. Orte und Menschen prägen uns und sind Ressourcen. Wenn jemand zum Beispiel gut im Park arbeiten kann, sollte er oder sie das tun. Ich selbst brauche Bewegung, Impulse und Input von Orten und Menschen, dann fühle ich mich lebendig. Und es ist wichtig für meine Arbeit, um aus verschiedenen Perspektiven die Dinge zu betrachten. Ist der Körper in Bewegung, fällt es meinem Geist auch leichter. Im Zug kann ich außerdem einfach aus dem Fenster schauen und meinen Gedanken nachhängen. Das ist entspannend und anregend zugleich, weil es ständig neue Ausblicke gibt, anders als aus dem immer gleichen Wohnzimmerfenster. 

Sie erforschen Mobilität im digitalen Zeitalter. Was macht das für Sie aus?

Mobilität ist heute mehr als nur die Mobilität von Menschen. Wir schicken immer mehr Güter umher, noch wichtiger wird jetzt die Mobilität von Daten. Das ermöglicht uns, nicht mehr physisch irgendwo anwesend sein zu müssen. Wer körperlich eingeschränkt ist, kann trotzdem mitarbeiten. Arbeit und Familie lassen sich leichter vereinbaren. Dazu brauchen wir aber auch mehr Betreuung und eine Arbeitswelt, die familienfreundlicher ist. Und auch wenn ich selbst sehr gern unterwegs bin und das sogar brauche, so möchten viele andere das nicht. Studien haben gezeigt, dass unfreiwilliges Pendeln sogar sehr ungesund ist. Die Zukunft der Arbeit und die der Mobilität werden aber meist getrennt erforscht und nicht zusammen „gedacht“. 

Wenn Sie sich in diesem Zusammenhang etwas wünschen dürften, was wäre das?

New Work bedeutet mehr als agile Teams und zwei Tage Homeoffice im Monat. Ursprünglich ging es dem Begründer Frithjof Bergmann um ein Gefühl von Sinn und Freude bei der Arbeit. Dies erlangt man seiner Ansicht nach nicht mit 100 Prozent Lohnarbeit, sondern mit 30 Prozent Arbeit für Geld, 30 Prozent Zeit für Hightech-Eigenversorgung und 30 Prozent Zeit für Sinnsuche. Was will ich wirklich? Unser Bildungssystem hält uns allerdings nicht dazu an, eigenverantwortlich unser Leben in die Hand zu nehmen und zu entscheiden, wie wir arbeiten wollen. Wenn man für eine Klausur fünf Dinge wissen muss und das zuvor gesagt bekommt, ist man später im Job überrascht, wenn man nach eigenen Ideen gefragt wird. Zudem ist die Arbeitswelt komplexer geworden. Denn oft wird übersehen, dass bei allen Neuerungen, allem „Change“, auch Altes und Vertrautes erhalten bleiben muss. Die Unternehmenskultur zum Beispiel. Deshalb spreche ich weniger von Transformation als von Dilatation, also von Verbreiterung und Ausdehnung. Jede:r von uns braucht ein gewisses Maß an Freiheit und Sicherheit. Ich selbst bin eher freiheitsfokussiert und brauche Sicherheit und Stabilität, um die Freiheit leben und genießen zu können. 

Was gibt Ihnen Sicherheit?

Ich finde sie in mir und darin, mich in verschiedenen Kontexten und an unterschiedlichen Orten zu erleben. Während der BahnCard-Zeit fand ich sie in meinem 40-Liter-Rucksack, in bestimmten Büchern, in meiner kuscheligen Jacke, meinem Tagebuch. Es gibt mir Struktur, diese Dinge dabeizuhaben. Und mir helfen feste Termine für Vorträge oder Coachings mit Kund:innen. Wenn ich weiß, in eineinhalb Wochen um 13 Uhr habe ich dafür eine Buchung in Hamburg oder München und vorher nur digitale Termine, kann ich die Zeit bis dahin frei und spontan gestalten. Demnächst geben mir auch die 8,5 Quadratmeter meines Vans Stabilität und Sicherheit. 

Leonie Müller reist also demnächst auch im Van umher. Wie können wir uns das vorstellen?

Im Frühjahr habe ich mir einen Van gekauft, ich nenne ihn den New-Work-Van. Gerade baue ich ihn noch aus, mit Küche, Bad, Dusche, Sofa, Schrankbett. Ab Ende März will ich damit losziehen, open end, durch Deutschland, Österreich, die Schweiz, aber im Winter auch mal nach Portugal zum Beispiel, wenn ich nur digitale Termine habe. Dazu brauche ich dann nur eine Handyverbindung, mit der ich mir selbst einen Hotspot einrichten kann. Und der Van hat einen Coaching-Bereich und ist zugleich ein mobiles „Zentrum für neue Arbeit“, für Open-Air-Events. Ich kann mir nicht vorstellen, noch mal „normal“ zu wohnen. 

Und fahren Sie damit auch mal weiter weg?

Gut möglich. Mit 20 war ich neun Monate auf Weltreise und wollte das mit jedem runden Geburtstag wiederholen. Nächstes Jahr werde ich 30. Mal sehen, wie die Beschränkungen dann sind und was möglich sein wird. 

Nennen Sie uns bitte fünf Punkte, die für digitale (Neu-)Nomad:innen wichtig sind. 

1. Minimalismus. Was brauche ich überhaupt? 
2. Sozialleben. Kann ich gut alleine sein? Wie kann ich in Kontakt kommen, wie leicht oder schwer fällt es mir, Leute kennenzulernen? 
3. Job. Wie verdiene ich meinen Lebensunterhalt, wie arbeite ich? 
4. Damit verbunden: Geld. Mein Tipp: vorsichtig anfangen. Nicht gleich kündigen, auswandern und dann mal gucken. Erst mal ausprobieren, vielleicht für einen Monat oder ein Sabbat-Halbjahr. Das ist wie ein Campingurlaub. Man stellt es sich toll vor, aber es gibt auch anstrengende Momente. 
5. Sich die große Frage des Lebens stellen: Wie will ich leben? Welche Probleme will ich damit lösen? Was erhoffe ich mir davon, wenn ich als digitaler Nomade oder digitale Nomadin unterwegs bin? Damit auf keinen Fall bis zur Rente warten und das Leben nicht aufschieben, sondern von dem, wie man wirklich leben möchte, jetzt etwas in den eigenen Alltag holen, um schon heute zufriedener zu sein.  

Was darf eine digitale Nomadin, ein digitaler Nomade auf keinen Fall tun?

Respektlos gegenüber anderen Kulturen sein. Das gilt für alle Reisenden. Sich dessen bewusst sein, dass man immer zu Gast ist, an einem Ort, in einer anderen Kultur. Nett zu anderen Menschen sein, die einem dort begegnen, neugierig und offen. Keinen Müll hinterlassen. Das gilt auch für Bahnfahrten. Unterwegs lernt man, dass die Art, wie man lebt, denkt und arbeitet, nur eine von vielen ist. 
 

Reisetipp für Deutschland von Leonie Müller

Die Orte an den äußersten Randlagen Deutschlands besuchen und binnen vier Jahren den „Zipfelpass“ dafür bekommen: Im „Zipfelbund“ haben sich List auf Sylt (nördlichste Stadt Deutschlands), Görlitz (östlichste), Oberstdorf (südlichste) und die Gemeinde Selfkant (westlichste, nördlich von Aachen) zusammengeschlossen. In der Zeit mit der BahnCard 100 habe ich alle vier kennengelernt und erlebt, wie vielfältig Deutschland ist.

Hinweis
Die beschriebenen Reisen von Leonie Müller haben vor der Pandemie stattgefunden. Bitte informieren Sie sich vor ihrer nächsten Reise über die aktuell geltenden Regelungen. Hier erfahren Sie mehr über Bahnfahren in Zeiten von Corona.

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