„Jede Abfahrt ist etwas Neues, eine neue Geburt“

Er wurde in Tokio geboren, wuchs in Frankreich und Deutschland auf und lebte als ARD-Korrespondent in Paris, Washington und New York. Die Reise seines Lebens aber führte Ulrich Wickert nach China und Tibet – und inspirierte ihn zu einer späteren Reise nach Burma, bei der sein Flugzeug beinahe abstürzte. Mit DB MOBIL blickt der Journalist und Buchautor zurück auf besonders abenteuerliche Momente

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Lesezeit: 5 Minuten
Foto: Markus Tedeskino

Sie sind viel herumgekommen. Was machte Ihren Besuch in China und Tibet zur „Reise Ihres Lebens“?

Das begann schon damit, dass ich 1979 mit viel Glück eine der ersten Genehmigungen erhielt, in China und Tibet zu drehen. Die Proteste auf dem Tian’anmen-Platz lagen drei Jahre zurück, China öffnete sich langsam, ebenso Tibet. Zuerst besuchte ich die Wüste Gobi, nicht mit einem Team, sondern wie ein früher Videojournalist, also allein mit Kamera, Tonband und Mikrofon. Es war sehr beeindruckend, zu sehen, wie die Menschen in einer Oase versuchten, breit wurzelnde Pappeln anzupflanzen, um so karge Erde in fruchtbares Land zu verwandeln. Von dort fuhr ich zwei Tage mit dem Zug nach Ganzhou, um das Flugzeug nach Tibet zu besteigen. Im Zug gab es vier Klassen. Ich hatte die beste gebucht, mit Schlafwagenbett, das mit seinen 1,90 Meter für chinesische Verhältnisse schon sehr lang und für mich dennoch zu kurz war. Trotzdem, es war absolut luxuriös, zumal einem das Essen im Abteil serviert wurde.

Und von dort ging es nach Tibet. Wie haben Sie die Höhe vertragen?

Ich hatte zuvor in Peking eine medizinische Untersuchung absolvieren müssen, um sicherzustellen, dass mir die Höhe nichts ausmacht. Das war aber kein Problem. Als wir in der Nähe der tibetischen Hauptstadt Lhasa auf etwa 4.000 Metern Höhe landeten, holte mich ein Bus ab, in dem trotz allem eine Sauerstoffflasche mit einem Schlauch parat stand, für alle Fälle. In Lhasa brachte mich der Bus zu einem „Freundschaftshaus“ – Hotels gab es keine. Tibet war offiziell noch geschlossen für Tourist:innen. Zu dieser Zeit durften die Mönche in die Klöster zurückkehren. Ihnen folgten zahllose Menschen aus noch höher gelegenen Bergregionen. Sie pilgerten in die Stadt, warfen sich der Länge nach in den Straßenstaub, standen auf, warfen sich wieder nieder. Nicht nur wegen dieses archaischen Ritus fühlte ich mich wie im Mittelalter, als würde ich Geschichte live erleben: Da waren noch die uralten Klöster, der Potala-Palast des Dalai-Lama, der am Berghang klebt, und die Menschen, die wegen der Kälte in Schaffelle gekleidet waren. Häufig trugen sie noch einen langen Dolch am Gürtel. Für eine kleine Summe, die in Tibet vermutlich einem Halbjahreseinkommen entsprach, habe ich mir einen solchen Dolch mitgebracht. Das ging damals noch im Flugzeug als Handgepäck.

Was hat Sie an Tibet besonders beeindruckt?

Zum einen der Potala-Palast, der einstige Sitz des Dalai-Lama. Er war gänzlich erhalten, und ich durfte darin auch drehen. Zerstörte Klöster bekam ich auf dieser Reise natürlich nicht zu sehen. Stattdessen eine Ausstellung, in der das Leben vor der Machtübernahme durch China als sehr feudalistisch dargestellt wurde: Wer vor der Herrschaft der Dalai-Lamas und der Mönche fliehen wollte, der wurde etwa mit einem Arm eingemauert; das zeigte schon ein sehr religiös-autoritäres Bild, auch wenn es Propaganda war. Zum anderen aber wurde mir dort oben klar, dass die großen Flüsse Asiens alle im tibetischen Hochland entspringen: der Gelbe Fluss, der Huang He, der zweitlängste Fluss Chinas, aber etwa auch der Mekong. Und das Licht ist in Tibet ein gänzlich anderes: Die Sonne schien in breite Täler hinein wie ein Scheinwerfer, ganz hell, leuchtend und weiß. Mir hat dann jemand erklärt, dass es in dieser Höhe keinen Staub gibt. Staubpartikel in der Luft lassen überhaupt erst Rottöne entstehen.

Wie kam es dann zu der Reise nach Burma, bei der Ihr Flugzeug beinahe abstürzte?

Schon als ich aus Tibet zurückkam, hatte ich den unglaublichen Wunsch, so etwas noch einmal zu erleben: die Welt, wie sie einst war, unverfälscht und ohne westlichen Einfluss. Bisher ist es für mich eine unerfüllte Sehnsucht, einmal nach Bhutan zu reisen, wobei sich das Land sicher inzwischen auch verändert hat. Aber 1984 fuhr ich dann nach Burma oder Myanmar, wie es seit 1989 heißt. Das Land war noch sehr verschlossen und ursprünglich, ich durfte mich dort nur als Tourist für maximal eine Woche aufhalten. In der Hauptstadt Rangun gab es keine Werbung, wie wir sie kannten; allerdings fuhren dort Autos aus den 1950er-Jahren: Einheimische Matrosen durften einmal im Jahr ein Auto einführen, wie auch immer sie das bezahlt haben. Eigentlich wollte ich zu den berühmten Pagoden von Pagan, dort stehen Tausende, aber das war verboten. Stattdessen bestieg ich ein kleines Propellerflugzeug in die Stadt Mandalay. In der Luft fiel erst ein Motor aus, und ich dachte, sie sparen Sprit. Als auch noch der zweite aufgab, ging die Maschine in einen Sturzflug über. Ich saß in der ersten Reihe, auf einmal sprang die Tür zum Cockpit auf, und ich sah die Reisfelder auf uns zurasen und dachte: „Hoffentlich tut’s nicht weh.“ Es war vollkommen still an Bord, als das Flugzeug plötzlich einen Bogen flog, die Motoren wieder ansprangen und wir an Höhe gewannen – der Pilot hat uns mit diesem gewagten Manöver das Leben gerettet. Und schließlich landeten wir in Pagan, was ja ursprünglich mein Ziel war. Ich bezog ein Zimmer in einem Gästehaus und mietete mir anderntags eine Pferdekutsche, um zu den Pagoden zu fahren.

Wie war dann der Rückflug?

Der Flughafen war nur eine Piste mit einem Holzturm als Tower. Wenn es von dort klingelte, hieß das „Achtung, Flugzeug im Landeanflug“. Ich dachte mir, zweimal wird es nicht passieren, dass ich fast abstürze, wobei ich schon ein wenig Flugangst hatte. Aber mit der Zeit verlor sich das, zumal ich beruflich viel geflogen bin.

Sind Sie immer gerne gereist?

Aber ja! Das liegt mir buchstäblich in den Genen. Als ich für die ARD in Paris arbeitete, habe ich mir natürlich überlegt, dass Martinique oder Guadeloupe als französische Überseegebiete gerade im Winter unbedingt auch in der Berichterstattung vorkommen müssen. Und einen Raketenabschuss von der Weltraumstation Kourou auf Französisch-Guayana musste ich selbstverständlich auch einmal begleiten.

Was ist für Sie am wichtigsten auf Reisen?

Ich kann auch einfach mal ein paar Tage nur ein paar Bücher lesen, etwa in unserem Haus in Südfrankreich. Aber im Grunde bin ich nicht der Typ, der irgendwo hinfährt und sich an den Strand legt. Ich möchte etwas erleben, ich bin neugierig. Gerade als Journalist hat man immer ein Ziel. Um über etwas zu berichten, muss man mit Menschen Kontakt aufnehmen, man muss sich umschauen und etwas entdecken, das ist das Spannendste am Reisen. Ich halte es da mit dem berühmten französischen Dramatiker Eugène Ionesco, der häufig wegfuhr, wie man so schön sagt. „Reisen Sie gern?“, habe ich ihn einmal gefragt. Er antwortete: „Es gibt den Spruch, jede Abfahrt sei ein Abschied. Aber das stimmt nicht. Jede Abfahrt ist etwas Neues, eine neue Geburt.“

Welche Reise haben Sie als nächste geplant?

Ich war schon lange nicht mehr bei unseren Freund:innen in New York. Und in den USA reist es sich überhaupt gut. Meine spannendste Tour dort war ein zwölftägiger Ritt durch die Rocky Mountains. Aber das ist eine andere Geschichte …

Von Reiseerlebnissen über Politikgeschehen bis hin zu Wettergeschichten: Mehr über die Bücher von Ulrich Wickert erfahren Sie auf seiner Website. Neben der Literatur finden sich dort auch Videobeiträge – wie beispielsweise die ARTE-Produktion „Vom Glück, Weltbürger zu sein“.

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