„Warum muss ich mich an etwas hindern lassen, nur weil ich keine Arme und Beine habe?“

Der Bochumer Janis McDavid reist um die Welt. Weil er es kann. Und weil es sein Leben bereichert. Wie genau, das erzählt der Motivationstrainer, Blogger und Buchautor im Interview mit DB MOBIL

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Lesezeit: 3 Minuten
Sven Hasse

Was hat Ihre Liebe zum Reisen geweckt?

Als ich 14 Jahre alt war, bin ich drei Monate lang im Rahmen eines Austauschprogramms auf eine Waldorfschule in Namibia gegangen. Mein Rollstuhl war dort natürlich die große Attraktion. Meine Mitschüler:innen wollten immer hinten drauf mitfahren. So haben wir schnell einen guten Umgang miteinander gefunden. Während der Zeit dort hat mein 14 Jahre älterer Bruder mich besucht, und wir haben zusammen das Land bereist. Eines Morgens bei Sonnenaufgang kletterte er mit mir auf dem Rücken auf die Sossusvlei-Dünen, die größten Sandberge der Welt. Oben angekommen, blickte ich in den rosa Morgenhimmel und dachte: „Wow, ich kann reisen!“ Da oben auf dieser Düne wurde mir plötzlich klar: Auch für mich ist sehr vieles möglich. Viel mehr, als ich mir bislang zugetraut hatte. In der öffentlichen Wahrnehmung gelte ich als behindert. Ich bin also an etwas gehindert oder zumindest mobilitätseingeschränkt. Beide Begriffe stören mich, weil ich denke: Warum muss ich mich an etwas hindern lassen, nur weil ich keine Arme und Beine habe? Das Reisen hat mich gelehrt, wie wenig eingeschränkt ich in Wahrheit bin. Eigentlich kommt es bloß darauf an, alles gut vorzubereiten.

Gab es trotzdem brenzlige Situationen für Sie?

Ein Erlebnis hat mir tatsächlich etwas Angst eingejagt. Das war auf einer Safari. Mein Bruder und ich übernachteten in einem Zelt auf dem Dach unseres Jeeps, und nachts hörten wir immer, wie Schakale um unser Auto streiften. Eines Abends wurde meinem Bruder plötzlich speiübel, und er musste aus dem Zelt klettern, um sich zu übergeben. Da habe ich mir schon kurz Sorgen gemacht. Wenn ihm etwas passiert wäre, wäre ich aufgeschmissen gewesen. In meiner Situation muss ich mich auf andere Menschen verlassen können.

Welches war das größte Abenteuer, das Sie bis jetzt gemeistert haben?

Das war ganz sicher meine Reise nach Indonesien, zusammen mit meinen Freunden Sven und Torsten. Auf Lombok haben wir den Vulkan Rinjani bestiegen, um in den Krater hineinzuwandern. Allerdings kam dann alles anders als geplant: Wir mussten von 1.600 auf 2.600 Meter hinaufwandern, was vor allem für Torsten, der mich auf dem Rücken trug, sehr kräftezehrend war. Erschöpft lagen wir am Abend in der Nähe des Kraters unterm Sternenhimmel und gingen früh schlafen, um fit für den nächsten Tag zu sein. Am Morgen wachte ich schon mit einem komischen Gefühl im Magen auf. Wir marschierten ein paar Meter, und plötzlich stürzte Torsten und brach sich den Knöchel. Der Vulkankrater interessierte in dem Moment natürlich keinen von uns mehr. Wir fragten uns nur noch, wie wir den Berg wieder runterkommen. Einer der Träger, der für das Equipment zuständig war, erklärte sich schließlich bereit, mich zu tragen. Wer mich kennt, weiß, dass ich mich eigentlich nie von Fremden tragen lasse. Denn ich lege in so einem Moment ja mein Leben in die Hände des anderen. In der Situation aber hatte ich keine Wahl. Der Träger ist dann in Flip-Flops mit mir auf dem Rücken über das Geröll den Vulkan hinuntergestiegen. Sven stützte Torsten, und die beiden waren natürlich viel langsamer. Deshalb hatte ich Angst, dass sie mir nicht helfen könnten, falls mir etwas zustoßen sollte. In dem Moment habe ich mich schon gefragt, warum ich mir solche Grenzerfahrungen antue. Ich bin jemand, der viel vorausschaut, plant und reflektiert, aber ich musste lernen, dass ich nicht jede Situation beeinflussen kann.

Welche Begegnungen auf Reisen werden Sie nie vergessen?

Vor ein paar Jahren hat mich ein buddhistischer Mönch eingeladen, in seinem Kloster auf Sri Lanka einen Vortrag zu halten. Er hatte Videos von mir auf Facebook gesehen, in denen ich meinen Alltag dokumentiere. Deshalb wollte er unbedingt, dass ich in seinem Kloster davon erzähle, wie positiv ich mit meiner Behinderung umgehe. Dazu muss man wissen, dass auf Sri Lanka viele Menschen glauben, eine Behinderung sei eine Strafe dafür, dass man im vorherigen Leben ein schlechter Mensch war. Die Begegnung mit dem Mönch war auf jeden Fall sehr besonders. Auch deshalb, weil sie viele weitere beeindruckende Begegnungen angestoßen hat. Zum Beispiel mit einem Mädchen im Rollstuhl, das mich nach meinem Vortrag ansprach. Sie sagte, sie habe erst durch meinen Vortrag verstanden, dass sie das Recht hat, in die Schule zu gehen. Solche Begegnungen mit Menschen auf Augenhöhe sind für mich das, was das Leben lebenswert macht.

Sie dokumentieren alle Ihre Reisen mit Blogbeiträgen und Videos. Was ist Ihre Botschaft?

Ich möchte zeigen, dass man Vorurteilen keinen Raum geben darf. Ich habe mit 17 Jahren eine Entscheidung getroffen: mich selbst und meinen Körper so zu akzeptieren, wie er ist. Das nicht zu tun wäre nur Energieverschwendung, denn es lässt sich ja doch nicht ändern. Die viel spannendere Frage lautet doch: Was kann ich selbst verändern?

Bücher von Janis McDavid

„Alle anderen gibt es schon: Die Kunst, du selbst zu sein“, Herder, 20,00 Euro

„Dein bestes Leben: Vom Mut, über sich hinauszuwachsen und Unmögliches möglich zu machen“, Herder, 12,00 Euro

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