„In der Transsib kann man ganz in Ruhe die Dimensionen der Erde auf sich wirken lassen"

Viele Menschen suchen auf Weltreisen nach Orientierung und nach ihrer Bestimmung. Julia Finkernagel fand sie auf einem Trip durch Südostasien. Seitdem verdient sie ihr Geld mit Reisereportagen fürs Fernsehen und hält ihre Erlebnisse in Büchern fest. Mit DB MOBIL teilte sie einige ihrer schönsten Anekdoten

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Lesezeit: 9 Minuten
picture alliance / Kirsten Nijhof

Montenegro, Mongolei, Russland – für Ihre TV-Doku-Reihe „Ostwärts“ bereisen Sie seit 2008 regelmäßig Länder östlich von Deutschland. Welche Reise aber war für Sie bisher die Reise Ihres Lebens?

Das war ganz sicher mein Rucksacktrip durch Südostasien während meines Sabbatjahres – den würde ich als Reise meines Lebens bezeichnen, weil er so viel ins Rollen gebracht hat. Ich habe damals als Managerin am Frankfurter Flughafen gearbeitet und wollte einfach mal aus dem Hamsterrad aussteigen. Nicht weil mir der Job keinen Spaß machte, sondern weil ich herausfinden wollte, welche Leidenschaften noch in mir schlummern. Ich bin monatelang durch Indonesien, Thailand und Malaysia gereist – und als ich nach Kambodscha kam, war ich bereits ein neuer Mensch. In Internetcafés habe ich regelmäßig meine Erfahrungen aufgeschrieben und sie über einen Verteiler an Freunde und Bekannte in Deutschland geschickt. In einem der Cafés erzählte mir eine südafrikanische Abiturientin, dass sie bereits genau wüsste, was sie werden wolle – nämlich DJane, weil es sie so glücklich mache, andere zu ihrer Musik tanzen zu sehen. In dem Moment fragte auch ich mich: Wann bin ich eigentlich am glücklichsten, habe ich noch verborgene Talente? Ein paar Tage später schrieb ich gerade an einem meiner Reiseberichte, als mir klar wurde: Moment mal. Ich mache das ja bereits, Reisen und davon erzählen. Genau das ist es!

Wie ist es Ihnen gelungen, dieser Erkenntnis folgend eine neue berufliche Laufbahn einzuschlagen?

Über meinen E-Mail-Verteiler landeten meine Reiseberichte auf Umwegen bei der Kulturchefin des MDR. Sie vermittelte mir einen Praktikumsplatz beim Sender. Wie es der Zufall wollte, wurde gerade zu der Zeit eine Autorin und Protagonistin für eine Reisesendung gesucht. Ich machte ein Casting, gab einen Testfilm ab und bekam den Job.

Julia Finkernagel

Welches Land hat Sie auf Ihren Reisen für die „Ostwärts“-Reihe besonders begeistert?

Grundsätzlich begeistert mich ja fast jedes Land. Aber nach Georgien würde ich sofort wieder fahren. Die Menschen dort sind wahnsinnig gastfreundlich. Dort ist es Tradition, dass man selbst seinen Feind wie einen König bewirtet. Das ist großartig, denn Georgien ist ein wahres Genussland. Die georgische Küche ist kreativ und frisch – ich liebe zum Beispiel die mit Knoblauch und Walnuss gefüllten und mit Granatapfelkernen garnierten Auberginenröllchen. Außerdem ist die Landschaft extrem abwechslungsreich: Auf einer Fläche von der Größe Bayerns gibt es mehr als 5000 Meter hohe Berge, Meeresstrände, Canyons und fruchtbare Ebenen, in denen Zitrusfrüchte wachsen. Ein kleines Paradies.

Welche Begegnung ist Ihnen von dieser Reise besonders in Erinnerung geblieben?

Eines Tages fuhr ich mit meinem georgischen Gastgeber George in einer uralten Seilbahn über ein Tal hinweg. Obwohl er unter starker Höhenangst leidet, ist er mir zuliebe mitgekommen. Auf halber Strecke fing es an zu stürmen, und die Gondel blieb für längere Zeit stehen. Neben uns stand eine ältere Dame, die George zwar nicht wirklich beruhigen konnte, uns aber durch ihre und seine Mimik sehr zum Lachen brachte. Sie fragte ihn, ob ich verheiratet sei. War ich zu der Zeit noch nicht – daher lud sie mich zu sich nach Hause ein, damit ich ihre vier Söhne kennenlerne. Vielleicht wäre da ja was dabei. Als wir ausstiegen, war die Höhenangst vergessen. Zum Abschied umarmte sie mich und drückte mir zwei schmatzende Küsschen auf die Wangen. Diese Nähe berührt mich sehr, aus solchen Momenten ziehe ich sehr viel. Bis heute haben mein Team und ich in Georgien viele Freunde.

Julia Finkernagel

Nach welchen Erlebnissen suchen Sie noch auf Ihren Reisen?

Das Prinzip von „Ostwärts“ ist ja, nicht nur zeigen, was toll ist, sondern auch, was schiefläuft. Wenn wir mit einem Laster bei Regen im Schlamm stecken bleiben, dann filmen wir das. Schließlich ist es immer spannender, wenn jemand von der größten Spinne erzählt, die ihm im Urlaub begegnet ist, als von einer schönen Landschaft. Wir möchten zeigen, wie die ganz normalen Menschen leben.

Russland etwa kennen viele nur aus den Nachrichten, und auch ich hatte deshalb natürlich Vorurteile im Gepäck. Sobald man aber selbst erlebt, wie unglaublich herzlich die meisten Menschen dort sind, dann merkt man, wie ungerecht es ist, die ganze Bevölkerung über einen Kamm zu scheren. Im Kaukasus sind wir mal in der Nähe von Sotschi mit unserem alten Lada auf einer Gebirgsstraße in 3000 Meter Höhe liegen geblieben. Wir dachten schon, wir wären verloren, als ein Auto mit drei jungen Männern stoppte, die sofort einen befreundeten Mechaniker anriefen. Sie sagten uns: Lasst euer Auto stehen, legt den Schlüssel unter den Reifen, morgen ist das repariert. Da kann man ja nichts anderes tun, als den Leuten zu vertrauen. Am nächsten Tag fuhr der Wagen wieder – und der Schrauber wollte nicht einmal Geld für seine Arbeit. Ich muss sagen: Auf all meinen Reisen habe ich wesentlich mehr gute und herzliche Menschen getroffen als Stinkstiefel.

Julia Finkernagel

Im Winter 2020 sind Sie für „Ostwärts“ mit der Transsibirischen Eisenbahn von Moskau bis an den Baikalsee gefahren. Welche Geschichten geben Sie von dieser Reise am liebsten zum Besten?

Ich erzähle immer gern, dass wir auf dieser Fahrt unsere Uhren fünfmal vorstellen mussten und jeder Tag deshalb nur 23 Stunden hatte. Und dass es sich bei der Transsib nicht bloß um einen Zug handelt, sondern um ein ganzes Streckennetz mit vielen Abzweigungen. Man kann über die Mongolei bis nach Peking fahren oder bis nach Wladiwostok im östlichsten Zipfel Russlands.
Entweder reist man im russischen Regelzug oder in einem der Sonderzüge wie dem „Zarengold“, den aber fast nur ausländische Touristen buchen. Beides kann ich sehr empfehlen, wenn man einmal ganz in Ruhe die Dimensionen unserer Erde auf sich wirken lassen will. Mit einer Tasse Tee in der Hand im Warmen zu sitzen und durch die verschneite Weite Sibiriens geschaukelt zu werden ist einfach magisch. Besonders gut hat mir die für den regulären Zugverkehr stillgelegte Strecke entlang des zugefrorenen Baikalsees gefallen.

Julia Finkernagel

An welchem Ort fühlten Sie sich emotional am weitesten entfernt von Ihrem Leben in Deutschland?

In der Mongolei habe ich mal mit einer ganzen Familie in einer Jurte übernachtet. Wie die Orgelpfeifen lagen wir nachts nebeneinander. Mich faszinierte dabei vor allem, wie eng die verschiedenen Generationen dort zusammenleben. So etwas kennen wir in Deutschland ja gar nicht. Umgekehrt staunte meine Gastfamilie sehr über meine Größe von knapp 1,80 Meter. Sie tuschelten und lachten über mich, und mein mongolischer Gastgeber übersetzte fröhlich:

„Du siehst aus wie ein Avatar!“ Gewöhnungsbedürftig für mich war es dagegen, als die Familie uns zu Ehren eine Ziege schlachtete. Alles, was in dem Tier drin war, wurde kurz in heißes Wasser geworfen und uns Deutschen zu Ehren angeboten. Ich konnte nicht wirklich verbergen, dass das nicht meine Leibspeise werden würde, aber die mongolischen Nomaden nahmen es mit Humor. Kurz vor unserer Abfahrt legten sie uns noch den Ziegenkopf als Geschenk in den Fußraum. War natürlich lieb gemeint, aber das Auto stand in der Sonne, und als wir einsteigen wollten, roch es so unfassbar, dass ich kurz die Fassung verloren habe. Entweder die Ziege oder ich. Ich weiß nicht, wie mein mongolischer Gastgeber das übersetzt hat. Sie musste jedenfalls leider draußen bleiben.

Julia Finkernagel

An welche Kultur-Clashs erinnern Sie sich noch?

In Tadschikistan wurden wir bei der Durchreise auf eine Hochzeit im Dorf eingeladen. Männer und Frauen feiern dort voneinander getrennt. Ich aß und tanzte also mit den Frauen und Kindern. Auf jeder Reise und in jedem Land wird gefragt, ist sie verheiratet? Und hat sie Kinder? Dann wollen sie wissen, mit welchem meiner beiden Teamkollegen ich denn verheiratet sei, dem Kameramann oder dem Tonmann. Mit keinem von beiden, antwortete ich, da gingen die Augen schon auf. Dass eine verheiratete Frau mit zwei anderen Männern verreist, ist schon sehr emanzipiert. Auf die Frage nach Kindern wird oft sofort gebetet, dass Allah (oder wo wir gerade sind) mir noch Kinder schenken möge. Auf besagter Hochzeit war das auch so. Ich habe die Frauen beruhigt, das sei zwar sehr lieb, aber wirklich nicht nötig, in Deutschland hätten eben nicht alle Paare Kinder, manche hätten sogar stattdessen einen Hund. Ich erntete betretenes Schweigen, und mir war nicht klar, was das für ein Fauxpas war. Meine tadschikische Gastgeberin (selber mit Ende Dreißig unverheiratet und kinderlos) nahm mir daraufhin das Versprechen ab, das nie mehr zu sagen. Ich fragte, was denn genau. „Das mit dem Hund.“ In Tadschikistan gelten Hunde als unrein, und niemand hält sie als Haustiere. Muss man halt wissen.

Wohin führt Sie Ihre nächste Reisereportage?

Wieder an den Baikalsee. Wir drehen für den Fernsehsender Arte in einem kleinen Dorf, das man nur mit dem Boot über den See erreichen kann. Knappe fünfzig Menschen leben dort noch, und es gibt nur ein Geschäft, das von zwei lustigen Schwestern betrieben wird. Ein faszinierender Ort am Rande der Welt, auf den ich mich sehr freue.

Julia Finkernagels Bücher „Ostwärts. Oder wie man mit den Händen Suppe isst, ohne sich nachher umziehen zu müssen“ und „Immer wieder Ostwärts. Oder wie man in der Transsibirischen Eisenbahn duscht, ohne seekrank zu werden“ sind im Knesebeck Verlag erschienen. In der ARD-Mediathek sind mehrere Videos ihrer Reise-Doku „Ostwärts“ als Stream zu finden.

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