Unter Enten und Mäusen

Für unseren Autor sind Donald Duck und Micky Maus Kindheitshelden. Sein Sohn brennt heute für dieselben Geschichten. Zusammen fahren sie ins Disneyland nach Paris. Und entdecken noch mehr, was sie verbindet

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©Disney

Es knallt und raucht und leuchtet. Am Märchenschloss bricht das Feuerwerk los. Raketen zischen in den Nachthimmel und explodieren in bunten Strahlengewittern. Wasserfontänen schießen empor, Laserstrahlen und Videoprojektionen flirren durch die warme Luft. Tausende Münder stehen offen, Hälse recken sich, Köpfe liegen im Nacken. Niemand spricht, alle schauen, manche stottern ein leises „Oh“. Jeden Abend geht das so im Disneyland bei Paris. Für die Mitarbeitenden bedeutet das laute Lichterspiel: Gleich ist Feierabend. Für die Besucher:innen meint es: Schade, aber dein Tag unter Enten und Mäusen ist bald vorbei. 

Ich bin mit meinem Sohn Theo hier. Acht Jahre jung, blonder Wuschelkopf unter der Basecap, dünne Beine in weiten Jeans. Still steht er neben mir, den Blick auf das Geschehen gerichtet. Ich mustere ihn von der Seite. Zu gerne wäre ich jetzt in seinem Kopf. Ich lege meine Hand auf seine Schulter. Sie ist ganz warm. Eine Woge aus Glück erfasst mich, durchspült meinen Körper. Eine Frage schwimmt darin: Kann das hier die schönste Reise meines Lebens werden? Drei Tage durchgeplanter Spaß in einem Freizeitpark? 

Mit dem TGV nach Paris? Wir sind aufgeregt

Ich habe lange als Reisejournalist gearbeitet. Ich war mit Krokodiljägern in Papua-Neuguinea unterwegs. Ich habe schwarz gebrannten Schnaps in den Wäldern der Appalachen getrunken. Und ich bin höhenkrank geworden bei dem Versuch, den Kilimandscharo zu besteigen. Bitte, verzeihen Sie mir die Angeberei. Eigentlich will ich nur sagen: Ich bin ganz schön rumgekommen. Und trotzdem ist der Besuch im Disneyland für mich eine ganz besondere Reise. Weil ich mit meinem Sohn da bin. Und weil wir beide sonst nicht so viel Zeit miteinander verbringen. Leider. Denn Theos Mutter und ich sind getrennt. Schon lange. Wir leben in verschiedenen Städten. Aber mein Sohn soll möglichst nicht darunter leiden. Deshalb will ich, so oft es geht, spannende Dinge mit ihm unternehmen. Den Trip ins Disneyland habe ich ihm zu Weihnachten geschenkt. Er hat sich gefreut wie der berühmte Schneekönig. 

Nun ist es Frühling, die Aprilsonne wirft warme Strahlen durchs Fenster des ICE. Ich lebe in Hamburg, Theo bei seiner Mutter in Düsseldorf. In der Rheinmetropole steigt er zu. Wir umarmen uns. Lächeln schüchtern. Sein Herz pocht durch die Regenjacke. Auch ich bin aufgeregt. In Mannheim steigen wir aus und um, mit dem TGV geht es auf die letzte Etappe nach Paris. Mit jedem Kilometer Schiene steigt die Erwartung. Bei uns beiden. Mein Sohn ist ein stiller Junge. Manchmal hat man den Eindruck, dass er in seiner eigenen Welt lebt. Und die ist von sprechenden Enten und Mäusen bevölkert. Seine heiligen Schriften sind die „Lustigen Taschenbücher“, dicke Wälzer voller grellbunter Geschichten, in denen ein Mäuserich Verbrecher jagt und ein Erpel in Goldmünzen badet. Wenn ihm einer dieser Comics in die Hände fällt, wie jetzt, während unserer langen Zugfahrt, hört man für Stunden nichts mehr von ihm. Er ist dann in Entenhausen. Ich weiß genau, wie er sich dabei fühlt. Als ich so alt war wie er, las ich die gleichen Geschichten.

2021 ist das Europäische Jahr der Schiene

Zahlreiche Veranstaltungen, viele interessante Aktionen und ein grüner Weg in die Zukunft – dafür steht das „European Year of Rail“, das die Europäische Union 2021 ausgerufen hat. Was dann geplant ist, wie Sie mitmachen können und viele weitere Informationen finden Sie auf den Seiten der Bundesregierung und der Deutschen Bahn.

Eine Filiale der großen Traumfabrik

Vielleicht lüftet sich darin das Erfolgsgeheimnis der Walt Disney Company: Das Unternehmen erzählt Geschichten, die emotionale Brücken zwischen Menschen unterschiedlichen Alters bauen. An immer neuen Storys herrscht dabei kein Mangel. Die Superheld:innen von Marvel, die Sternenkrieger:innen aus „Star Wars“, die witzigen Animationswesen aus den Pixar-Filmen – sie alle gehören zum Portfolio der Traumfabrik aus Los Angeles. Disneyland Paris ist da nur eine Filiale. Wenn auch eine große. Auf 200 Hektar Land wollen 338 Attraktionen erkundet werden, 15 Millionen Besuchende pro Jahr kommen zuletzt in den Park. Theo und ich zählen dazu. 

Wir geben uns das volle Programm. Besuchen einen Schnellkurs für Comic-Zeichner, bewundern die Fahrmanöver echter Stuntmen. Stehen stundenlang an vor der Wildwasserbahn. Springen in jeden Achterbahn-Waggon und besteigen jeden Freifallturm. Fragen uns, warum der böse Darth Vader in der „Star Wars“-Show so gut französisch spricht. Schließlich wird es dunkel. Hungrig streunen wir über das Areal, dann finden wir in Hamburgern und Pommes unser kulinarisches Highlight. Die Nacht verbringen wir im Disneyland-Hotel am Rande des Geländes. Beim Frühstück am nächsten Morgen umarmen wir Menschen im Entenkostüm. Free Hugs für euch alle, Freunde. 

Vielleicht klingt diese Geschichte banal. Vater und Sohn besuchen einen Vergnügungspark. Aber für mich ist das eine große Sache. Denn wichtig ist nicht, was wir hier machen. Wichtig ist, dass wir es zusammen machen. Abends beim Feuerwerk merke ich, wie sich meine Rolle verändert hat. Theo und ich, Vater und Sohn, sind hier zwei Abenteurer auf Augenhöhe, zwei Entdecker auf einer Mission, deren Ziel der maximale Spaß ist. Ich bin jetzt kein Erziehungsberechtigter mehr. Kein Teilzeit-Papa, der seine Zuneigung mit der Geldbörse ausdrückt. Ich bin Gefährte. Ich bin der beste Kumpel, mit dem Theo diese Erfahrung gerade teilen kann. Und genau deshalb wird unser kurzer Besuch, in dieser künstlichen Welt rund 30 Kilometer westlich von Paris, eine der schönsten Reisen meines Lebens werden. Da bin ich mir sicher.

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