Die anstrengendste Tour seines Lebens

Fotograf Enno Kapitza hielt sich für einen ausdauernden Wanderer. Doch bei einem 24-stündigen Marsch durch den Schwarzwald ging ihm diese Gewissheit verloren

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Lesezeit: 3 Minuten
Foto: Enno Kapitza

67 Kilometer, 2.000 Höhenmeter, 24 Stunden. Dieser Marsch durch den Schwarzwald bringt Fotograf Enno Kapitza an seine körperlichen und mentalen Grenzen, beschert ihm aber gleichzeitig auch viele unbezahlbare Momente echten Glücks. Gemeinsam mit Autor Oliver Keppler begibt er sich für DB MOBIL auf die Reise seines Lebens.

Als der Startschuss für die 24-Stunden-Wanderung um 15 Uhr in Wittlekofen fällt, ist dem ausdauernden Wanderer nicht mal annähernd bewusst, auf was für eine Berg-und-Talfahrt der Emotionen ihn die Strapazen der Tour schicken werden. Anfangs wandern die Teilnehmer:innen frisch und gut gelaunt durch grüne Schluchten, neben ihnen schießen links und rechts Bäume schnurstracks in den Himmel. Überall riecht es nach Erde und Baumharz. Jeder Schritt auf dem Waldboden knackt und raschelt. Noch können alle die Schönheit der Natur genießen.

Sechs Stunden später sieht das Ganze schon etwas anders aus. Pausen sind zwar eingeplant, aber ohne Schlaf. Das macht auch die erfahrensten Wandernden früher oder später mürbe. Mentale Stärke hin oder her. Füße und Rücken schmerzen, die Knie zwicken. In der Abenddämmerung erreicht die Gruppe den Schluchsee, den größten See des Schwarzwalds. Knapp 25 Kilometer haben sie zu diesem Zeitpunkt bereits hinter sich. Das anfängliche Hochgefühl gibt sich mit Zweifeln und Verzweiflung die Klinke in die Hand. Doch zwischendurch gibt es sie immer wieder – diese einmaligen Momente, die einen genau im richtigen Augenblick, kurz bevor die Stimmung endgültig kippt, pushen und zum Weitermachen bewegen.

Foto: Enno Kapitza

Seither habe ich nie wieder auf einer Reise binnen 24 Stunden eine derartige Bandbreite der Gefühle erlebt

Enno Kapitza erinnert sich an den Übergang von Tag zu Nacht zurück: „Nach ein paar Stunden brach die Nacht herein, und wir knipsten unsere Stirnlampen an. Ich lief der Gruppe ein Stück voraus, um sie mit ihren Kopflichtern in der Dunkelheit einzufangen. Einmal musste ich auf einer Lichtung besonders lang warten und fing schon an zu frösteln. Doch dann sah ich unten im Tal die Lichter des Dorfes leuchten, über mir die Sterne und in der Ferne eine zwergenhafte Lichterparade, die sich mir langsam näherte. Das war ein Moment echten Glücks. Einige Stunden später war ich völlig abgekämpft. Erst als blasse Sonnenstrahlen den Himmel erhellten, fasste ich neuen Mut und konnte zu mir selbst sagen: ‚Bald habe ich es geschafft!‘ Seither habe ich nie wieder auf einer Reise binnen 24 Stunden eine derartige Bandbreite der Gefühle erlebt.“

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