„Das war mein emotionaler Killer und mein amerikanischer Musikertraum“

Christoph Karrasch ist Moderator, Fernsehreporter, TV-Reiseexperte und Buchautor. Für DB MOBIL erzählt er von der Reise seines Lebens. Und er erklärt, wie man in Zeiten der Corona-Pandemie sein Fernweh mitten in Deutschland stillen kann

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Lesezeit: 6 Minuten
Porträtfoto von Christoph-Karrasch
Tristan Arfi

"„Walking in Memphis“, der Hit von Marc Cohn aus den 1990er-Jahren, ging mir nicht mehr aus dem Kopf. 2014 war ich allein auf der Route 66 unterwegs. Ich sollte meinen Roadtrip von Chicago bis hinunter nach New Orleans für ein Reisemagazin porträtieren. Aber natürlich wollte ich außerdem all diese musikalischen Städte der USA erkunden, denn ich bin nicht nur Reisejournalist, sondern auch Musiker. Deshalb fuhr ich in die Country-Metropole Nashville in Tennessee und nach Memphis, die Hauptstadt von Blues und Rock ’n’ Roll. Ich wandelte auf den Spuren von Johnny Cash, und ich besuchte Graceland, das Anwesen von Elvis Presley. The King hatte dort einst sehr luxuriös etwas außerhalb von Memphis gewohnt. Während dieser ganzen Zeit trieb mich so eine romantische Vorstellung davon um, dass ich Cohns berühmtes Schwarz-Weiß-Musikvideo zu seinem besagten Hit für mein eigenes Reise-Videoblog nachdrehen wollte: „Walking in Memphis“ à la Karrasch. So ein Streifzug zu den wichtigsten Musikstationen der Stadt wie der Beale Street, wo sich ein Blues-Klub an den nächsten reiht und Livemusik aus jeder Bar schallt.

Als Musikfan ist Memphis ein heiliges Pflaster, und das Sun Studio gehörte somit zum Pflichtprogramm. So unternahm ich eine Touristentour durch dieses legendäre Studio und hatte währenddessen plötzlich die Idee, dort einen Song für mein Videoblog einzusingen. Schließlich ist es das Tonstudio, wo sowohl Elvis als auch Jerry Lee Lewis und Johnny Cash in den 1950er-Jahren einige ihrer Songs aufgenommen hatten. Doch dieser Wunsch ging für mich leider nicht in Erfüllung. Ich suchte weiter und fand unweit von Memphis in dem schon von Johnny Cash besungenen Ort Jackson eine Möglichkeit: das Jaxon Records Studio.

Von außen wirkte es eher unspektakulär: ein einfaches Haus aus rotem Backstein, auf dem in weißen Lettern der Name „Jaxon Records“ prangte. Ich wusste also, dass ich hier richtig war. Innen bestand das Studio aus einem Regieraum mit einem Mischpult mit Tausenden von Knöpfen – genau wie man sich ein Tonstudio vorstellt. In dem anderen großen Raum warteten bereits meine Mitmusiker für den Tag, darunter welche, die schon mit Carl Perkins auf der Bühne gestanden hatten!

Ich stellte mich ans Mikrofon und sang Marc Cohns Hymne auf Memphis: „Put on my blue suede shoes. And I boarded the plane. Touched down in the land of the Delta Blues. In the middle of the pouring rain …“ Das Lied steckt voller Anspielungen. Schon die ersten Zeilen verweisen auf Carl Perkins‘ Klassiker „Blue Suede Shoes“. Er schrieb den Song Mitte der 1950er-Jahre. Elvis coverte ihn, und er wurde ein Hit. Perkins lebte auch in Jackson. Paul McCartney soll mal gesagt haben, dass es ohne Perkins keine Beatles gegeben hätte.

Und nun sang ICH mit diesen Musikern, die bereits mit dem Pionier des Rockabilly zusammengespielt hatten, „Walking in Memphis“ ein! Das war so ein besonderer Moment für mich, den ich noch heute schwer in Worte fassen kann.

Danach ging es wieder zurück auf die Straße. Ich fuhr immer am Ufer des Mississippi entlang, vorbei an ganz viel Farmland. Die Landschaft dort ist angenehm unspektakulär. Im Ground Zero Blues Club in Clarksdale in Mississippi legte ich noch einen Stopp ein. Der Liveklub gehört dem Schauspieler Morgan Freeman. Er war leider nicht da. Also ging es weiter zu meinem Ziel: New Orleans.

An meinem letzten Abend dort besuchte ich ein Konzert und lernte den Radiomoderator Sam kennen. Er war ein lustiger Vogel, trug ein buntes Hawaiihemd und eine viel zu große, runde Brille – so eine, wie man in den 1970er-Jahren gerne getragen hat. Ich traf ihn zufällig, als wir uns beim Luftschnappen vor dem Klub gleichzeitig auf eine Bank setzten. Sam war so ein Typ, der andere Leute sofort anquatscht, und so kamen wir ins Gespräch. Er schien ein absoluter Nachtmensch zu sein. Nach dem Konzert zogen wir zusammen über die Partymeile von New Orleans, die Bourbon Street, tingelten von Bar zu Bar und nahmen in jeder zweiten einen Drink. Wir ließen uns einfach treiben und tauchten tief ins Nachtleben von New Orleans ein. Irgendwann sagte Sam, dass er jetzt langsam mal mit dem Trinken aufhören müsse, da um drei Uhr morgens seine Radioshow beginnen würde. Und dann lud er mich in seine Sendung ein, um von meinem Roadtrip zu erzählen. Wenig später saß ich also wieder vor einem Mikrofon und plauderte über meine Reiseerfahrungen. Sam legte dazu Jazz und Blues auf. Er war so ein richtiger DJ der alten Schule, der noch einen Plattenspieler bediente. Dann fragte er auf einmal: „Du, sag mal, diesen Song, den du da in Jackson aufgenommen hast – soll ich den in der Sendung spielen?“

Nie wäre ich auf die Idee gekommen, dass ich auch einen musikalischen Teil zu seiner Radioshow beitragen würde.

Als die ersten Töne von meiner Version von „Walking in Memphis“ ertönten, lief es mir kalt den Rücken hinunter. Tränen stiegen auf, die ich gerade noch unterdrücken konnte. Aber dass mein Coversong über Memphis, den ich erst eine Woche zuvor aufgenommen hatte, nun mitten in der Nacht durchs Radio schallte: Das war mein emotionaler Killer und mein amerikanischer Musikertraum."

Weltreise durch Deutschland

2020 wollte Christoph Karrasch wieder in die USA reisen. Die Corona-Pandemie machte seine Pläne jedoch zunichte. Stattdessen hörte er „Walking in Memphis“ also auf seinem Weg nach Amerika – Amerika in Ostfriesland: Um sein Fernweh zu stillen, unternahm der Reisejournalist in diesem Jahr nämlich eine besondere Reise mitten durch Deutschland. Dabei besuchte er lediglich Orte, die nach weiter Welt klangen. Karrasch empfiehlt:

privat

Brasilien & Kalifornien an der Ostsee

Was sonst nur durch einen zwölfstündigen Flug miteinander kombiniert werden kann, ist im Ostseebad Schönberg im Kreis Plön in zwölf Gehminuten zu meistern: Die beiden Ortsteile Kalifornien und Brasilien liegen ganz dicht beieinander und besitzen zwei wunderbar weiße Sandstrände. Zudem werden die Caipirinhas am Strandkiosk in Brasilien stilecht mit grüngelben Strohhalmen serviert. Auch mit norddeutschen Temperaturen wird es in Brasilien dank Surfschule und der immer gut gelaunten Besitzerin Angie von der Strandbar „Buhne 31“ ein perfekter Strandurlaub.

https://www.schoenberg.de


Island am Rhein

Wer Geysire ausschließlich in Island oder Neuseeland verortet, sollte mal nach Andernach auf die Halbinsel Namedyer Werth am Rhein fahren. Der Geysir im rheinland-pfälzischen Landkreis Mayen-Koblenz wurde bei der Suche nach Heil- und Mineralwasser im letzten Jahrhundert entdeckt. Die Wasserfontäne, angetrieben durch vulkanisches Kohlendioxid, steigt noch heute alle zwei Stunden bis zu 60 Meter hoch in den Himmel. Als höchster Kaltwassergeysir hat diese Fontäne seit 2008 sogar einen Eintrag im Guinness-World-Records-Buch. Mit dem Schiff geht es von Andernach direkt zum Geysir, der ein echter Superlativ ist.

https://www.geysir-andernach.de


Tokio im Ruhrgebiet

Es sind bloß wenige Schritte vom Düsseldorfer Bahnhof bis nach Tokio: Das japanische Viertel in der Landeshauptstadt ist der perfekte Ort, um in eine komplett andere Welt einzutauchen. Es befindet sich zwischen Hauptbahnhof und Stadtmitte entlang der Immermannstraße und der Klosterstraße. Nach London und Paris ist hier Europas drittgrößte japanische Gemeinde zu finden. Vom Ramen-Imbiss über Karaokebars bis hin zu einem Manga-Café bietet das Stadtviertel alles, was Tourist:innen an Japan so lieben. Wer einmal Soba probieren will, die handgemachten Buchweizennudeln von der nordjapanischen Insel Hokkaido, kommt an Little Tokyo nicht vorbei.

https://www.duesseldorf-tourismus.de/erleben/essen-und-ausgehen/little-tokyo

Das Buch „San Francisco liegt am Rhein. Eine Weltreise durch Deutschland“ von Christoph Karrasch erscheint am 31. Mai 2021 im Ullstein Taschenbuch Verlag.
ullstein-buchverlage.de

Christoph Karrasch, Jahrgang 1984, ist Moderator, Fernsehreporter und TV-Reiseexperte. Er steht regelmäßig für das ProSieben-Magazin „Galileo“ vor der Kamera. 2015 erschien sein erstes Buch „#10Tage“, der dazugehörige Film wurde mit dem Columbus-Filmpreis ausgezeichnet. Karrasch lebt in Kiel.

christophkarrasch.de
instagram.com/christophkarrasch

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