So wurde „You’ll Never Walk Alone“ zur universellen Fußball-Hymne

Es gibt dieses eine Lied, das für Zusammenhalt und Hoffnung steht. Überall auf der Welt. Und ganz besonders an einigen Orten. DB MOBIL erzählt ihre Geschichte

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Datum: 14.05.2024
Lesezeit: 10 Minuten
BVB-Fans mit Fanschal, Aufschrift „You’ll Never Walk Alone“
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Einen goldenen Himmel verheißt der Text von „You’ll Never Walk Alone“ – die Fans von Borussia Dortmund singen den Song vor jedem Heimspiel

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Walk on, geh weiter, es sind nur noch wenige Schritte bis zum Stadion und noch mehr als eine Stunde bis zum Anpfiff. Sie strömen aus der Bahn, viele Menschen in Schwarz-Gelb, manche in Rot. Und ein Trompeter steht an diesem Samstagnachmittag im Frühjahr breitbeinig am Rande des Torwegs, im Schatten der mächtigen Tribüne des Dortmunder Stadions, und spielt dieses Lied.

Im Vorübergehen formen die Schwarz-Gelben und die Roten ihre Lippen, sie flüstern und singen. Walk on, with hope in your heart. Fußball ist gemeinschaftlich geteilte Hoffnung. Vielleicht hält heute die Siegesserie, vielleicht endet die Durststrecke, vielleicht ist heute der Tag des Außenseiters. Alles ist möglich – wie oft hat der Fußball das bewiesen. Und wenn die Hoffnung enttäuscht wird? Komm schon, Kopf hoch, unterhaken, und walk on.

Wenn es eine universelle Hymne des Fußballs gibt, dann ist es „You’ll Never Walk Alone“. Universell nicht nur, weil sie in Stadien auf der ganzen Welt bekannt sein dürfte. Sondern auch, weil sie immer passt. Im Triumph. In der Niederlage. In Momenten der Glückseligkeit – und der Trauer. Kaum dass die erste Zeile aus einem Lautsprecher klingt – „When you walk through the storm“ – recken Fans ihre Schals in die Höhe und stimmen mit ein.

Wenn das Lied läuft, stellen Gästefans das Pfeifen ein

In manchen Stadien ist das längst ein Ritual, vor jedem Spiel. In Liverpool und Glasgow, in Braunschweig und Mainz. Im Stadion von Borussia Dortmund gleicht es einer Messfeier, wenn das Lied über die Lautsprecher ertönt. Oder wie Norbert Dickel, Stürmerlegende und Stadionsprecher des BVB, es gegenüber DB MOBIL ausdrückt: „Jeder nimmt etwas Schwarz-Gelbes in die Hand und hält es in den Dortmunder Himmel.“ Und dann singen mehr als 70.000 Menschen. Manchmal stimmen sogar die Gästefans ein, dann also mehr als 80.000. 

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BVB-Stadionsprecher Norbert Dickel obliegt es seit 1996, pünktlich zehn Minuten vor Anpfiff immer das gleiche Lied anzusagen

Und selbst wenn die Gäste nicht mitsingen, enthalten sie sich der üblichen Verhaltensweisen, mit denen die Rituale der Heimmannschaft gestört werden. Warum schimpfen, schmähen, pfeifen die nicht? „Das hat etwas mit Anstand zu tun“, sagt Dickel. Der 62-Jährige meint nicht Anstand gegenüber dem BVB und seinen Fans. Sondern gegenüber dem Lied.

Es scheint wie ein Naturgesetz, dass dieses Lied, komponiert im schicksalhaften Jahr 1945, diesen Status erlangte. Aber es gibt Evolutionsstufen. Momente, die das Lied erblühen ließen. Sie trugen sich zu in Liverpool, Glasgow, Dortmund und Mainz. DB MOBIL zeichnet sie nach.

Legenden aus Liverpool und Glasgow

Über die Ursprünge des Rituals kursieren verschiedene Legenden. Eine sehr mächtige geht so: Anfang der 1960er-Jahre liefen im Stadion des FC Liverpool vor dem Anpfiff die Top Ten der aktuellen Hitparade, zur Unterhaltung des Publikums. Im Oktober 1963 erklomm eine Interpretation von „You’ll Never Walk Alone“ die Spitzenposition, eingespielt von der Liverpooler Band Gerry & the Pacemakers. Die Fans trällerten es sogleich mit. 

Dass der Song aus dem Broadway-Musical „Carousel“ aus dem Jahr 1945 stammte und zu jener Zeit als Single von Frank Sinatra in den USA reüssierte, dürfte damals wenige interessiert haben.
 

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Seit 1982 trägt dieses Stadiontor an der Anfield Road in Liverpool den Schriftzug „You’ll Never Walk Alone“

Als der Song nach einigen Wochen wieder aus der Hitparade herausrutschte und also nicht mehr zum Vorprogramm an der Anfield Road gehörte, protestierten die Fans. Sie hatten das Lied liebgewonnen und stimmten es einfach selbst an. Die Stadionregie reagierte, nahm den Song wieder ins Repertoire auf – und schuf damit ein Ritual.

Manche Chronist:innen des schottischen Klubs Celtic Glasgow führen an, sie hätten das Lied ebenfalls zu jener Zeit entdeckt. Als gesichert gilt, dass Anhänger:innen den Song spätestens nach einem Europapokal-Halbfinale in Liverpool 1966 mit nach Hause nahmen – es wird seither vor jedem Anpfiff eines Europapokal-Spiels angestimmt.

30 Jahre brauchte das Lied bis nach Deutschland

Es sollte noch weitere 30 Jahre dauern, bis der Song auch durch deutsche Arenen zog. Mitte der 1990er-Jahre, ein Zeitalter vor Youtube. Kurvenchöre aus der dritten italienischen Liga verbreiteten sich noch nicht binnen Stunden über den Globus, so wie heute. 

Fußballfans dichteten eigene Texte auf bekannte Songs, manchmal übernahmen Auswärtsfahrer:innen neue Melodien, die sie in fremden Stadien aufschnappten. „Go West“ war so eine Weise. „Olé, jetzt kommt der BVB“ machten Borussia-Fans aus dem Refrain. Oder „Zwei mal drei macht vier“, das Pippi-Langstrumpf-Lied: Es erhielt den Text „Wer wird Deutscher Meister? BVB, Borussia“.

Wir waren erst gar nicht angetan von dem Song

Matthias Kartner, Dortmunder Sänger von „You’ll Never Walk Alone“

Die Dortmunder Band Pur Harmony goss diese Adaptionen zielgerichtet in eigene Studioproduktionen, die zu Heimspielen bald zum Repertoire im Stadion gehörten. Ihre Aufnahme von „Olé, jetzt kommt der BVB“ wird bis heute nach jedem Torerfolg des BVB gespielt. 

„Wir verstanden uns eigentlich als englischsprachige Band“, erinnert sich der Sänger Matthias „Kasche“ Kartner. Pur Harmony war schon in England auf Tour gewesen, „aber die BVB-Fans wollten immer die deutschen Songs hören.“ Sie wollten mal wieder etwas Englisches aufnehmen, ein Bekannter kramte den alten Hit von Gerry & The Pacemakers hervor. „Unser anderer Leadsänger Thomas Henneböhl und ich waren erst gar nicht so angetan, wegen der vielen Harmoniewechsel“, sagt der heute 60-Jährige.

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Immer wieder singt Matthias Kartner das Lied seines Lebens, hier in der Dreifaltigkeitskirche in Dortmund

Andererseits: Warum nicht? Der Sängerkollege sang eines Tages im Studio „You’ll Never Walk Alone“ ein, Kartner stieß hinzu und nahm die Begleitstimme auf, beides „einfach mal aus der Hüfte geschossen“. Dazu etwas Stadionatmosphäre, Synthesizer, „rotzige Gitarren“, wie Kartner sie nennt. Der Song landete auf einer CD, die Plattenfirma schickte eine Promo-Version raus. „An alle großen Vereine im Land, erste und zweite Liga. Fußball, Handball, Eishockey.“

BVB-Stadionsprecher Norbert Dickel gehörte zu den Ersten, die hineinhörten. „Sehr, sehr schön“ habe er die Version gefunden, sagt Dickel, also lud er die Band ein, den Song auf dem Rasen vor der Südtribüne zum Besten zu geben. Am 16. November 1996, vor dem Heimspiel gegen den Karlsruher SC, war es so weit.

Der Songtext lief auf der Anzeigetafel mit

Kartner und seine vier Bandkollegen streiften die neongelben BVB-Trikots über, bauten sich vor der Südtribüne auf und spielten „You’ll Never Walk Alone“ im Halb-Playback. Auf der Anzeigetafel wurde der Text eingeblendet. „War ja im Prinzip ein neues Stück“, sagt Kartner. „Aber viele Fans kannten das offenbar, sie sangen mit und haben das gefeiert.“
 

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Chor aus 25.000 Kehlen: die Südtribüne im Westfalenstadion

Bei den folgenden Heimspielen sorgte Dickel dafür, dass der Song wieder erklang. Jedes Mal lösten die ersten Takte einen Reflex im Publikum aus: „hold your head up high“, Kopf und Schal hoch, mitsingen. 

So lief das in Stadien im ganzen Land, Kartner zählt aus dem Kopf auf: „Wolfsburg, Bochum, Kickers Offenbach, Stuttgart, MSV Duisburg, Mainz 05, alle haben unsere Aufnahme gespielt.“

Das Ritual für alle, die es nicht kennen

In Mainz tun sie das noch heute. Andreas Bockius, 38, Radiomoderator und seit 2019 Stadionsprecher bei Mainz 05, führt für alle, die es noch nie erlebt haben, durchs Ritual. Zunächst begrüßt er die Zuschauer:innen auf allen vier Tribünen. „Den Song muss man dann gar nicht mehr ansagen. Die Leute wissen, was kommt“, sagt Bockius. „Sie recken ihre Schals in die Höhe. Wenn jemand seinen Schal vergessen hat, bekommt er ein Stück vom Nebenmann.“ Spätestens beim ersten Takt ein Meer von Schals im ganzen Stadionrund, „ein einmaliges Gefühl, eine Äußerung des Zusammenhalts“.

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Für Andreas Bockius, Stadionsprecher von Mainz 05, drückt der Song „1000 Prozent Hoffnung“ aus

Und zwar ganz gleich, ob die Zeiten triumphal sind oder betrüblich. Der Song passt immer. „Nachdem dieser schreckliche Ukraine-Krieg ausbrach, haben wir das Lied den Menschen dort gewidmet“, sagt Bockius, „überall waren Ukraine-Fahnen zu sehen. Das war ein besonderer Moment.“

So sehr ist das Ritual eingeprägt, dass Fans gleich aufmerken, wenn eine Kleinigkeit nicht stimmt. Das musste Norbert Dickel im ersten Winter des Songs erfahren. Einmal dachte er sich: Die Leute sind textsicher, spielen wir mal die Version von Gerry & the Pacemakers, das Liverpooler Original sozusagen. „Kam nicht so gut an, das hat keine Bässe. Manche Traditionalisten sagen, das ist das wahre Lied. Aber ich finde es nicht stadiontauglich.“

Vereine können sich aus fast 100 Coverversionen bedienen

Das sieht man in Liverpool bekanntlich anders – und in vielen deutschen Stadien auch. Mit der Zeit sickerte durch, dass die Version von Pur Harmony sehr mit dem Dortmunder Stadion verbunden ist. Da ist etwas dran. Für Matthias Kartner, der seit Jahren um den Fortgang seiner Schlagerkarriere kämpft, ist es der Song seines Lebens. Wo immer er auftritt, ob auf Marktplätzen, auf Mallorca, bei Hochzeiten, auf Trauerfeiern oder in der Dortmunder Dreifaltigkeitskirche: Das Publikum erwartet „You’ll Never Walk Alone“. 

Es gibt reichlich Alternativen. Musikdatenbanken listen fast 100 Coverversionen auf. Darunter solche von Elvis Presley, Aretha Franklin, DJ Ötzi, Johnny Cash, Lana Del Rey, Dropkick Murphys, Roy Orbison. Howard Carpendale wagte eine Eindeutschung: „Allein bist du nie“.

Unvermeidlich wohl, dass die Toten Hosen eine Punk-Fassung einspielten, sie erschien 2000. Leadsänger Campino ist glühender Fan des FC Liverpool und Stammgast an der Anfield Road. Die Interpretation seiner Band gehört heute zum Vorprogramm im Stadion von Eintracht Braunschweig.

Es ist zu erwarten, dass Fans aus ganz Europa während der UEFA EURO 2024 vielerorts gemeinsam dieses Lied zelebrieren – in den EM-Stadien und außerhalb. Die Deutsche Bahn setzt es in einem Clip ein, um die Vorfreude auf das Turnier auszudrücken. Derart erhebend ist die Geschichte von „You’ll Never Walk Alone“ als weltweite Fußballhymne, dass der deutsche Dokumentarfilmer André Schäfer daraus 2017 einen Kinofilm machte. Mit Schauspieler und BVB-Fan Joachim Król, der sich an Schauplätze in Dortmund, Budapest, New York, Liverpool und zur Hamburger Elbphilharmonie begibt.

Spätestens da fanden manche: Reicht auch mal. „Nachdem der Song in deutschen Stadien sehr oft gespielt wurde, verlor er gleichzeitig ein bisschen an Attraktivität“, erklärt Patrick Gensing, Sprecher des FC St. Pauli, stellvertretend für so manchen Profiklub im Land.

Das Lied ist wie ein Gebet

Jürgen Klopp, Trainer des FC Liverpool

Allerdings, räumt Gensing ein, wurde im Millerntorstadion hin und wieder eine Interpretation einer vereinsnahen Punkcombo gespielt. Anfang April trauerten die St.-Pauli-Fans beim Heimspiel gegen den SV Elversberg um einem verstorbenen Vorsänger. Für diesen Moment hatten sie sich von der Stadionregie ein Lied gewünscht: „You’ll Never Walk Alone“, von Gerry & the Pacemakers.

Beispiel Betzenberg, das Stadion des 1. FC Kaiserslautern. Dort gehörte das Lied lange zum Ritual. Doch vor Jahren wurde es vom „Palzlied“ abgelöst. Wenn die FCK-Fans sich danach fühlen, stimmen sie „You’ll Never Walk Alone“ einfach selbst an. Auch in vielen anderen Arenen hebt man sich das Lied für besondere Momente auf. Das letzte Spiel der Saison. Oder um verdiente Spieler zu verabschieden. Um Rückschläge zu verarbeiten.

Ein Ritual in Mainz, Dortmund, Liverpool – genau die Trainerstationen von Jürgen Klopp

Anders als hierzulande hat sich in England „You’ll Never Walk Alone“ ausschließlich mit der Geschichte und dem Schicksal eines Vereins verschmolzen: des FC Liverpool. Davon ist ein Eingangstor zum Stadion eisengeschmiedeter Beleg, seit 1982 überspannt der Songtitel das Shankly Gate. Nach der Katastrophe im Hillborough-Stadion, bei der 97 Fans ihr Leben ließen, spendete die Hymne einer trauernden Stadt und ihrem großen Verein Trost.

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Seit 1963 singen Liverpool-Fans „You’ll Never Walk Alone“ (links); Trainer Jürgen Klopp kannte das Ritual schon von seinen Stationen in Mainz und Dortmund

„Das Lied ist wie ein Gebet“, sagte Liverpool-Trainer Jürgen Klopp 2023 in einem Video, das der Klub anlässlich „60 Jahre You’ll Never Walk Alone“ veröffentlichte. Darin stellte er fest, dass der Song auch bei seinen früheren Trainerstationen in Mainz und Dortmund zum Stadionritual gehörte. Darüber habe er sich Gedanken gemacht, bevor er in Liverpool zugesagt habe.

Wenn die Toten Hosen das Lied auf Konzerten als letzte Zugabe spielen, so sagt Campino in der besagten Dokumentation, „dann mache ich das immer im Geheimen, ziehe ich meinen Hut immer vor Liverpool, vor der Anfield Road“.

So kam es einmal zu Irritationen um diesen Song, der doch hierzulande als überparteilich gilt. Mainz 05 trat im August 2023 in einem Testspiel vor Saisonbeginn gegen den FC Burnley an. Die englischen Gäste empfanden es als Affront, dass im Mainzer Stadion „You’ll Never Walk Alone“ erklang. Denn der Klub aus der Premier League interpretierte dies als frechen, fernen Gruß des Liga-Konkurrenten FC Liverpool. Die Mainzer verwiesen auf ihr eigenes Ritual, die Wogen ließen sich glätten.

Einmal für „You’ll Never Walk Alone“ ins Stadion 

Ganz gleich, wie ein Fan oder sein Klub zur größten Hymne des Fußballs steht: Mindestens einmal würde man doch gern dabei sein, wenn ein ganzes Stadion die Harmonien von „You’ll Never Walk Alone“ darbietet. Die Aussichten, an Karten für ein Heimspiel des FC Liverpool oder von Borussia Dortmund zu kommen, sind leider gering. Bei Mainz 05 oder Eintracht Braunschweig sieht es schon besser aus.

Sollten Sie keine Karten ergattern und doch in der Gegend sein, wenn in Dortmund ein Spiel angepfiffen wird: Walk on, gehen Sie weiter Richtung Stadion, es gibt hier viel zu sehen. Zehn Minuten vor Anpfiff werden Sie ihn hören: den größten Chor der Welt, der dieses Lied verlässlich im Repertoire hat.

Hinkommen mit dem „DB Ticket EURO 2024“ 

 
Die Deutsche Bahn ist Nationale Partnerin der UEFA EURO 2024™. Inhaber:innen einer Eintrittskarte für eines der Spiele können für 29,90 Euro in der 2. Klasse mit dem Fanticket zu den Spielstätten fahren. 
Mehr zur Partnerschaft und zum „DB Ticket EURO 2024“ der Deutschen Bahn finden Sie unter bahn.de/em2024

 

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