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Im Labor der Wünsche

An 16 sogenannten Zukunftsbahnhöfen werden Ideen getestet, die die Bahnwelt schöner und kundenfreundlicher machen sollen. DB MOBIL hat sich im Hauptbahnhof von Halle/Saale umgesehen

Von:
Lesezeit: 5 Minuten
Fahrradschließfach am Bahnhof
Marco Warmuth, Doreen Dämmrich, DB AG
Ein vertikales Schließfach für Fahrräder – bislang einzigartig in Deutschland – wird in Halle/Saale erprobt

Hier!“, ruft Karsten Kammler und läuft schnellen Schrittes zu einer Säule in der Bahnhofshalle, „hier werden wir einen Tisch anbringen, an dem man sitzen und arbeiten kann. Natürlich mit Steckdose, um Tablets oder andere Geräte aufladen zu können. Und dort“, sagt der Manager des Hauptbahnhofs von Halle an der Saale und eilt schon wieder zurück in die Mitte des Kuppelsaals, „dort legen wir einen neuen Fußboden in Eichenholz-Optik.“ Aus Kammler purzeln weitere Einrichtungsideen, er will zum Beispiel geschwungene Sitzgruppen aus Holz aufstellen, die eine warme Atmosphäre schaffen. Der 54-Jährige hat eine Vision für „seinen“ Bahnhof, und die erläutert er mit Enthusiasmus. Das Konzept sieht nicht nur neues Mobiliar und neue Böden vor – der Bahnhof ist durch viele weitere Ideen in den vergangenen Monaten moderner und kundenfreundlicher geworden. Halle ist ein „Zukunftsbahnhof“ der DB.

Insgesamt 16 gibt es davon in ganz Deutschland. Zu ihnen zählen kleinere Stationen wie die in Haltern am See in Nordrhein-Westfalen und große wie Berlin-Südkreuz, ländliche Bahnhöfe ebenso wie solche an Bahnknotenpunkten oder in Metropolen. Alle haben eins ­gemeinsam: Sie sind so etwas wie Real­labore im Rahmen eines Projekts, mit dem die DB seit 2018 erforscht, wie die Bahnhöfe praktischer und schöner zu gestalten sind, und dafür bisher 14 Millionen Euro investierte.

Bernd Koch, Vorstandsvorsitzender der DB Station&Service AG, erläutert das Projekt: „Die Zukunftsbahnhöfe sind eine Erfolgsgeschichte. Das hat uns den Weg gewiesen, was zukünftig Standard an unseren Bahnhöfen werden kann.“

Für die Erarbeitung konkreter Ideen ist Inga Schlichting, 41, verantwortlich – sie leitet die Produktentwicklung bei DB Station&Service. „Wir stehen jeden Tag vor neuen Fragen: Wie schaffen wir mehr Atmosphäre in den Empfangs­gebäuden? Wie verschönern wir Wartebereiche? Wo können die Kunden ihre Fahrräder sicher abstellen?“

Die Sitzlandschaften und der neue Boden, von dem Karsten Kammler so schwärmt, sollen zum Beispiel die Empfangshallen aufwerten. „Sie sind das Einfallstor zum Bahnfahren“, sagt Projektleiterin Schlichting, „und das sollte von Beginn an als Erlebnis empfunden werden.“ In Halle werden aber auch im Umfeld des Bahnhofs neue Ideen erprobt: Seit November steht auf dem Vorplatz ein silbrig glänzender, automatisierter Fahrrad-Parkturm. Er hat zwölf Schließfächer, die platzsparend in einer Art Paternoster-System rotieren und per Code zugänglich sind. Im Praxistest befinden sich zudem Sitzbänke mit Induktionsfeldern, über die man sein Smartphone mit Solarenergie laden kann.

„Bevor wir eine Idee an einem Bahnhof umsetzen, fragen wir Mitarbeiter und Kunden vor Ort: Was braucht ihr?“, erklärt Schlichting. An anderer Stelle überlege man sich selbstständig: Was könnte an diesem Bahnhof sinnvoll sein?  So stehen seit Anfang 2020 an der ­S-Bahn-Station Bornholmer Straße in Berlin sogenannte Rettomaten. Hier werden Nüsse, Müsliriegel und andere Snacks, die kurz vor Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums stehen oder überschüssig sind, verkauft. Die DB will so einen kleinen Beitrag dazu leisten, dass nicht mehr tonnenweise Lebensmittel weggeworfen werden. In Halle, wo täglich knapp 40 000 Ein- und Ausstiege gezählt werden, wollen die Leute vor allem wissen: Wie komme ich beim Umsteigen am schnellsten zum anderen Gleis? Oder: Wo kann ich Snacks kaufen? Solche Fingerzeige geben jetzt unübersehbare Piktogramme eines neuen Wegeleitsystems – zum Beispiel eine Sandwich essende Figur in Lebensgröße, die zum Foodcourt führt, oder eine Frau mit Handtasche, die den Weg zu den WCs weist.

In Ahrensburg nordöstlich von Hamburg und auch im bayerischen Freising wiederum stehen die Radfahrer im Fokus, denn hier kommen viele Pendler per Velo zum Bahnhof. „Speziell für sie haben wir die App ‚Rad+‘ entwickelt“, sagt Schlichting. „Für jeden Kilometer, den die Nutzer per Rad zurücklegen, werden ihnen Punkte gutgeschrieben.“ Die können sie bei Partnerunternehmen  im Bahnhof oder in der Stadt einlösen und sich etwa einen Kaffee holen.

Lebensgroße Wegweiser
Marco Warmuth, Doreen Dämmrich, DB AG
Lebensgroße Piktogramme weisen auch außerhalb des Bahnhofs den Weg

Es gibt allerdings auch Ideen, die den Praxistest an einem Zukunftsbahnhof nicht bestehen. „In Heilbronn zum Beispiel haben wir Polstermöbel erprobt, doch das hat nicht so gut funktioniert“, berichtet Schlichting. „Sie bekommen leicht Risse und sind anfällig für Vandalismus, daher wird es sie auch künftig nicht in öffentlichen Wartebereichen geben.“ Statt Polster- wurden in Heilbronn Holzmöbel aufgebaut.

Während der zweijährigen Testphase wurden auch die Menschen an den Zukunftsbahnhöfen befragt: Wo wird eine Infostele besonders gut wahrgenommen? Ist das neue Wegeleitsystem verständlich? Nach dem planmäßigen Ende der ersten Projektphase im Dezember 2020 werden diese Ergebnisse detailliert ausgewertet – und erste Erkenntnisse umgesetzt. „Fahrradreparatursäulen waren zum Beispiel ein Renner, sodass wir sie an weiteren Standorten aufstellen werden“, sagt Schlichting. Wie etwa in Halle an der Saale, wo seit Kurzem eine Säule steht.

 

Dieser DB Report erschien erstmals in DB MOBIL 01/2021.

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