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David Wagner: Vergessene Ehrensache

Täglich landen rund 650 verlorene Dinge im zentralen Fundbüro der Deutschen Bahn. Wir bitten Schriftsteller, sich eines davon auszusuchen und uns dessen fiktive Geschichte zu erzählen. Diesmal: David Wagner.

Von:
Lesezeit: 5 Minuten
Bundesverdienstkreuz
Marina Rosa Weigl
Mehr als 17 600 Verdienstorden hat die Bundesrepublik Deutschland allein von 2009 bis 2019 verteilt. Da kann schon mal eine der Auszeichnungen verloren gehen.

„Was machst du denn hier, Freund?“ Mein Vater steht neben dem Obststand am Hamburger Hauptbahnhof, hinter ihm ist das Schauspielhaus zu sehen. Er hat den Mantel über dem Unterarm, Koffer und Tasche zu seinen Füßen. Sein Haar ist weiß, fast lang, und seine Haut im Gesicht ein bisschen rosig. Er lächelt.

„Wir sind verabredet“, sage ich.
„Ach ja? Und woher kommst du?“
„Aus Berlin.“  
„Mit der Bahn?“
„Ja, gerade eben.“
„Und was machen wir?“
„Wir fahren nach Bonn, Papa.“
„Mit dem Auto?“
„Nein, mit dem Zug.“
„Brauche ich eine Fahrkarte?“
„Du hast schon eine. Sie steckt in deinem Portemonnaie.“  

Jedenfalls hat meine Schwester Miriam mir das am Telefon gesagt. Wie immer, wenn ich meinen Vater sehe, wundere ich mich, dass er noch da ist, dass er doch noch da ist, dass es ihn noch immer gibt. Über Jahre, über zwei Jahrzehnte, haben wir uns kaum gesehen. Er hat sich nie sonderlich für mich und meine Familie interessiert – umgekehrt aber genauso, er war verheiratet, immer beschäftigt.  

Unser Zug, ein Intercity, die Waggons sind unter der neuen Lackierung leicht verbeult, steht schon am Gleis. Wir finden zwei freie Plätze im Großraumabteil; mein Vater braucht Platz für seine Beine und setzt sich an den Gang, ich sitze lieber am Fenster.

„Wohin fahren wir?“, fragt er.
Der Zug hat sich noch nicht bewegt.  
„Nach Bonn, Papa.“
„Und wo sind wir gewesen?“
„Du warst in Hamburg. Bei Vivienne.“  
Er schaut mich fragend an.
„Bei Claires Tochter. Die letzten beiden Wochen. Sie hat dich nach der Beerdigung mitgenommen.“  
„Ach ja, sie wohnt in Hamburg. Und wohin fahren wir jetzt?“  
„Nach Bonn.“
„Und ich war in Hamburg.“
„Ja, seit der Beerdigung.“
„Seit welcher Beerdigung eigentlich, Freund?“

Ich nehme seine Hand, die mir nun gar nicht mehr so groß vorkommt wie früher. Sie war mal riesig, jetzt fühlt sie sich an wie eine Kinderhand. Ich drücke sie, halte sie fest.

„Claire ist doch gestorben, Papa. Deine zweite Frau. Viviennes Mutter.“
„Die arme Claire. Und das war vor drei Wochen?“
„Ja.“
„Nun ist mir schon die zweite Frau weggestorben. Ich muss ja schwer auszuhalten sein.“
„Nein, eigentlich bist du ganz gut auszuhalten. Alle sind immer gern mit dir zusammen.“

Der Intercity schiebt sich aus dem Bahnhof, die Waggons quietschen und ächzen, als hätten sie keine Lust auf die Reise. Hamburg zieht vorbei, mein Vater schlägt die Sonntagszeitung auf und pflückt sie auseinander, er liest, aber ich weiß nicht, ob er wirklich liest oder sich nur ein Wort nach dem anderen ansieht und sich an dasjenige, das er gerade vor Augen hat, beim nächsten schon nicht mehr erinnert.  
Nicht weit hinter Wilhelmsburg schäle ich die erste Mandarine, auch er nimmt sich eine und lässt sie von einer Hand in die andere wandern.

„Ich vergesse leider alles“, sagt er und zieht die Nase hoch.  
„Nicht alles. Ein paar Dinge weißt du schon noch. Du weißt, wo du wohnst und wie deine Kinder heißen.“  
„Miriam und Hanna. Und du.“
„Siehst du.“
„Trotzdem, ich verblöde langsam. Tante Gretl hat gesagt, die Dublany sind sehr intelligent, im Alter aber werden sie alle blöd.“  
„Hat sie das wirklich gesagt? Es gibt in deiner Familie doch einige, die sind nicht verblödet. Und so alt bist du noch gar nicht. Du bist erst einundsiebzig!“  
„Die Dublany sind sehr intelligent, im Alter aber werden sie alle blöd.“  
„Hast du kein Taschentuch?“  
„Doch“, sagt er, nimmt ein Stofftaschentuch aus der Hosentasche und schnäuzt hinein.  

Fünf Minuten später, wir rollen durch die Nordheide, muss ich ihn wieder an sein Taschentuch erinnern.  
„Schau mal, was ich gefunden habe.“ Er hält ein kleines schwarzes Etui in der Hand.  
„Was ist das?“
„Mein Bundesverdienstkreuz“, sagt er und öffnet das Kästchen.
„Hast du das irgendwo eingesteckt, Papa?“
„Nein, was denkst du! Habe ich gefunden. Oder bekommen. Weiß ich nicht mehr.“
„Du hast ein Bundesverdienstkreuz bekommen? Wofür?“
„Habe ich vergessen. Weißt du Freund, ich vergesse alles. Eigentlich sind die Dublany sehr intelligent, nur im Alter werden sie leider alle blöd.“
„Du doch nicht. Du weißt, wie du heißt und wie deine Kinder heißen.“
„Du heißt, du heißt ... du bist doch mein Sohn, oder?“
„Soweit ich weiß, ja. Du warst immer da. Wenn du mein Vater bist, bin ich dein Sohn.“
„Und ich dachte, du wärst mein Bruder.“
„Wirklich? Warum?“
„Weil du so alt aussiehst! Du hast ja graue Haare! Wie alt bist du eigentlich?“
„Was schätzt du?“
„Dreißig? Vierzig? Nein, warte, du bist 1971 geboren, ich kann es ausrechnen: Von einundsiebzig bis zweitausend sind es neunundzwanzig, neunundzwanzig plus ... – welches Jahr haben wir?“
„2020.“
„Was, 2020? Das ist ja unglaublich. So weit sind wir schon? Wo fahren wir eigentlich hin?“
„Nach Bonn, Papa.“
„Und was machen wir?“
„Du wohnst dort.“
„Stimmt, ich wohne in Bonn. Am Rhein, nicht wahr?“
„Ja.“
„Wohnen wir zusammen?“
„Nein, ich wohne doch in Berlin.“
„Ach ja, du wohnst in Berlin. Ich muss dich mal wieder besuchen.“
„Mach das, Papa.“
„Sag mal, Freund, ist das hier dein Orden? Hast du irgendwo mal was geleistet?“
„Nein, das ist angeblich dein Bundesverdienstkreuz.“
„Ja? Und wofür soll ich das bekommen haben?“
„Weiß ich nicht. Du hattest ja immer ein paar Geheimnisse.“
„Wirklich? Wenn das stimmt, dann habe ich die alle vergessen. Was habe ich früher gemacht?“
„Du hast in einem Büro in Bonn gesessen. Nicht weit vom Bundeskanzleramt.“
„Mit schöner Aussicht, ja, die sehe ich noch vor mir!“
„Immer wenn ich dich als Kind dort besucht habe, hattest du Zeit. Das fand ich gut. Dein Telefon wurde umgestellt.“
„Habe ich viel telefoniert? War ich vielleicht ein Bonner Sesselfurzer?“
„Könnte sein, Papa. Später warst du oft in Indien. Vielleicht hast du dort irgendwas Gutes getan?“
„Ich war in Indien? Davon weiß ich ja gar nichts.“
„Dafür hast du doch jetzt mich. Ich kann’s dir erzählen.“
„So ganz genau scheinst du dich aber nicht auszukennen in meinem Leben.“
„Wo ist dein Verdienstkreuz, Papa?“

Wir sind ausgestiegen und stehen auf dem Bahnsteig, der Bonner Hauptbahnhof wird noch immer renoviert.  
„Welches Verdienstkreuz? Habe ich eins bekommen?“
„Du hast es mir doch vorhin gezeigt. Hast du es eingesteckt?“
„Was denn?“
„Dein Bundesverdienstkreuz.“
„Ich habe ein Bundesverdienstkreuz bekommen? Wofür denn? Wieso?“
„Weiß ich auch nicht, Papa.“
„Na, so wichtig kann es dann ja nicht gewesen sein. Sonst würde ich mich doch erinnern.“

Illustration Autor David Wagner
Anje Jager

Der Autor

David Wagner kam 1971 in Andernach auf die Welt. Er studierte Literaturwissenschaft und Kunstgeschichte in Bonn, Paris und Berlin. In seinem Debütroman „Eine nachtblaue Hose“ schildert er eine Kindheit im Rheinland der 70er- und 80er-Jahre. Laut Wagners Twitteraccount schrieb schon seine Ururgroßtante. Im Jahr 1901 gab sie Frauen Verhütungstipps. Wagner selbst konzentriert sich auf Kurzgeschichten, Gedichte und Romane. Seine Autoimmunkrankheit, die zu einer Lebertransplantation führte, verarbeitete Wagner in seinem Buch „Leben“, ausgezeichnet mit dem Preis der Leipziger Buchmesse. Sein Roman „Der vergessliche Riese“ erschien 2019 und brachte ihm den Bayerischen Buchpreis ein. Zuletzt veröffentlichte er „Nachtwach Berlin. Spaziergänge mit Schildkröte“.

Ist das Ihr Bundesverdienstkreuz? Schreiben Sie uns. Wir bewahren alle vorgestellten Fundstücke gesondert auf, damit sie ihren Eigentümer doch noch finden. fundstueck@dbmobil.de

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