Saša Stanišić: Der Ackerschnacker

Täglich landen rund 650 verlorene Dinge im zentralen Fundbüro der Deutschen Bahn. Wir bitten in jeder Ausgabe eine:n Schriftsteller:in, sich eines davon auszusuchen und uns dessen fiktive Geschichte zu erzählen. Diesmal: Saša Stanišić

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Lesezeit: 5 Minuten
Heinrich Holtgreve für DB MOBIL

Als Werner Kleinschmidt seinen Platz nehmen wollte, saß dort schon jemand. Hier sitzt ja schon jemand, dachte Werner Kleinschmidt und lächelte, weil dieser Jemand ein Etwas war und dieses ­Etwas ein uraltes Feldtelefon und dieses Feldtelefon jenem ähnelte, das sein Vater – Funker auf französischen Schlachtfeldern – 1918 aus dem Krieg nach Hause mitgebracht hatte, wo es auf der Anrichte zwischen Mutters Vasen 27 Jahre lang liegen sollte: eine lädierte Holzkiste, merkwürdig und unnütz, aber irgendwie auch denkwürdig und notwendig, als wäre sie Kunst. Ein Ackerschnacker – so nannte sein Vater das Gerät zärtlich fast, über das sich selten einmal keine Blumen aus Mutters Vasen beugten.

Werner Kleinschmidt sah sich um. Er war allein im Abteil, der Zug würde noch ein paar Minuten im Bahnhof stehen bleiben, bevor die Fahrt nach Stuttgart begann. Der alte Mann war unterwegs, um die Familien seines Sohns und seines Enkels zu besuchen, eine Reise, die ihm Kraft abverlangen würde und Geduld, die Hüfte meuterte bei jedem Schritt, und von seinem Platz sah ihn ein Feldtelefon aus dem Ersten Weltkrieg an, zwei große, neugierige Augen aus Metall – der Hörer. Dann noch der Kurbelinduktor und, etwas zerschlissen, das Kabel: alles da.

Ackerschnacker. Werner Kleinschmidt hatte den Binnenreim als Kind gemocht, hatte gemocht, dass es etwas gab, das Vater aus dem Krieg mitgenommen hatte, wo er so viel anderes lassen musste, den rechten Arm und die längste Zeit der Kindheit, auch jede rechte Freude.

Werner Kleinschmidt setzte sich neben den Ackerschnacker, weil warum nicht, und er wünschte dem Ackerschnacker Guten Morgen, weil Werner Kleinschmidt ein höflicher Mann war. In der Holzkiste klickte es. Er rief: „Aha!“ und sprang vor Schreck wieder auf. Werner Kleinschmidt ist kein abergläubischer Mann, aber als er nun die Muschel ans Ohr hielt, erwartete er fast, etwas zu hören, doch da war natürlich nichts. Da war deswegen nichts, weil er die Kurbel nicht gedreht hatte. Er holte es nach, im Hörer knisterte und knackte es – und einer räusperte sich.

„Ist da jemand?“, sagte Werner Kleinschmidt im Bahnhof Hamburg-Altona am 14. Oktober 2018, seine Stimme war heiser und der Tag sein 91. Geburtstag. In Hamburg hatte er seit Gretes Tod niemanden mehr, mit dem er feiern wollte, und sowohl Peter als auch Lukas hatten gerade Projekte, Projekte, Projekte um die Ohren, sodass sie ihn gebeten hatten, zu ihnen zu kommen, damit gemeinsam in Stuttgart gefeiert werden konnte. Also nicht gebeten, sondern gefragt, ob er ­sich die Reise körperlich zutraute, und da konnte Werner Kleinschmidt auf keinen Fall Nein sagen, nicht zum Körperlichen, und im Hörer sagte die Stimme eines Mannes: „Ja, hier Werner Kleinschmidt. Mit wem spreche ich?“

„Mit Werner Kleinschmidt“, sagte Werner Kleinschmidt und konnte sich nicht erinnern, dass er jemals mit Werner Kleinschmidt gesprochen hätte. Er hätte sich aber erinnern müssen, glaubte er, wenn es wirklich er selbst sein sollte in dem Knistern und Knacken, und das war seine allererste Vermutung, dass es sich um ein jüngeres Er-Selbst handelte: Einen Anruf aus der Zukunft vergisst man ja nicht einfach so.

„Wollen Sie mich verarschen?“, sagte der knisternde Kleinschmidt, und durch das Knistern drang das warme Tuten eines Schiffshorns, und da wusste Werner Kleinschmidt, wie er gleichzeitig den anderen davon überzeugen könnte, dass er kein anderer war, sondern er selbst, und wie er selbst herausfinden könnte, ob der andere wirklich er selbst sei.

Er sagte: „Werner, hör zu. Du stehst in deiner Wohnung in der Bleickenallee 15. Stehst, weil wir nie einen Stuhl hatten beim Telefonapparat. Das Tuten gerade kam von einem Schiff an der Elbe. Du bist am 14. Oktober 1927 geboren in Stade. Du warst mit Grete Burjack verheiratet, die eine Narbe im linken Handrücken hatte von einem Fahrradunfall. Du hast Gretes Hand gern festgehalten und gern über die Narbe gestreichelt.“ Die Stille, die auf der anderen Seite der Leitung folgte, unterbrach erst erneut der Ruf eines Horns, dann die Frage des knisternden Kleinschmidts: „Warum‚ warst verheiratet‘?“

„Ach, gut“, sagte Werner Kleinschmidt auf Platz Nummer 75 in Wagen 14 und fügte schnell hinzu: „Pass auf, Werner: Grete ist gut für dich. Halt dich stets an Grete.“

„Grete ist einkaufen. Soll ich ihr etwas ausrichten?“

„Ja. Ja, sollst du! Dass du das nächste Mal mitgehen wirst. Sie wird dann sagen: ‚Aber Werner, du hasst einkaufen!‘“

„Stimmt ja auch.“

„Ich weiß. Aber wir lieben doch Grete.“ Werner Kleinschmidt setzte sich, seine Hüfte wollte aber lieber stehen, also stand er wieder auf, und im Hals, du wirst doch jetzt nicht weinen, Werner, war dieser Druck, als er das jüngere Ich fragte: „Das stimmt doch, dass du Grete liebst, Werner?“

Und Werner sagte, dass er seine Grete natürlich liebte.

„Dann zeig ihr das, du Hund. Mach es besser als ich. Und noch was. Peter?“

„Ja …“

„Ist Peter noch in Hamburg?“

„Ist er. Hat aber ein Stellenangebot von Daimler vorliegen. Nimmt es wohl an. Gute Aussichten. Karriere, Geld.“

„Rede es ihm aus.“

„Was?“

„Das ist nichts für ihn, der Job. Wird ihn fertigmachen. Keine Freizeit und gar nix. Er wird eine Familie gründen, um die er sich drei Wochen im Jahr ernsthaft kümmern wird können. Werner, rede Peter Stuttgart aus.“

„Er macht doch, was er will.“

„Lass es nicht unversucht, Werner. Sag, dass du an ihn glaubst, aber nicht an diesen Job.“

„Nein, das mache ich nicht. Er ist sein eigener Mann.“

„So? Ja, dann stell dich auf viele Reisen nach Stuttgart ein. Willst du wirklich viel in Stuttgart sein, Werner?“

„Wie viel?“ Die Stimme im Knacken verlor an Klarheit, ein Rauschen wurde lauter.

„Weihnachten 1976 und 1981 in Hamburg. Sonst alle Weihnachten in Stuttgart, Werner. Ich hör dich – wir müssen …“

„Warte. Welches … welches Jahr haben wir – hast du?“, fragte der knisternde Kleinschmidt, „und wie steht es um den HSV?“

„2018“, und jetzt musste man aber nicht weiter die Nerven seines jungen Ichs strapazieren, also sagte Werner Kleinschmidt: „HSV ist deutscher Meister.“

Das Rauschen verschluckte die Stimme im Apparat.

Der Zug hatte sich in Bewegung gesetzt, bald käme Bahnhof Dammtor, das Abteil des alten Mannes war nach wie vor menschenleer. Er hatte nichts zu lesen dabei, schüttelte über die eigene Vergesslichkeit den Kopf, früher hatte Grete an so was gedacht.

Er hob den Ackerschnacker und stellte ihn auf einem reservierten Platz ab, zwei Reihen weiter. Auf den Fahrplan schrieb er: kann Vergangenheit. Kurbeln notwendig. Legte ihn zum Hörer.

Am Dammtor stieg ein Mann mit Aktenkoffer ein, grüne Krawatte, lautes Telefonat, sein Sitz war der mit dem Ackerschnacker. Hielt inne, als er die Kiste sah. Versetzte sie auf einen anderen Platz und setzte sein Gespräch fort.

Jan Steins

Saša Stanišić wurde 1978 in Višegrad (Jugoslawien, heutiges Bosnien-Herzegowina) geboren. Die Familie floh vor dem Bürgerkrieg und kam 1992 nach Deutschland. Sein Debütroman „Wie der Soldat das Grammofon repariert“ wurde in 31 Sprachen übersetzt. „Vor dem Fest“ war ein „Spiegel“-Bestseller und ist mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet worden. Stanišić lebt in Hamburg – und schreibt liebend gern im Zug. Für seinen letzten Roman „Herkunft“ (btb, 12 €), der von den Zufällen unserer Biografien handelt, wurde ihm der Deutsche Buchpreis verliehen.

Das Feldtelefon wurde mittlerweile nach Ablauf der Frist versteigert.

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