Jaroslav Rudiš: Mucki

Täglich landen rund 650 verlorene Dinge im zentralen Fundbüro der Deutschen Bahn. Wir bitten in jeder Ausgabe einen Schriftsteller, sich eines davon auszusuchen und uns dessen fiktive Geschichte zu erzählen. Diesmal: Jaroslav Rudiš

Von:
Lesezeit: 5 Minuten
Marina Rosa Weigl

Wir saßen in Prag im Gasthaus zum Rudolfinum, tranken Bier, und Max sagte:
„Komm, das machst du doch für mich.“
„Bist du sicher, dass du da wirklich hinwillst?“
„Ja, Eva hat mir geschrieben, wirklich, sie liebt mich wieder, ich soll vorbeikommen, und wir werden schauen. Und dir buche ich in Köln ein Hotel, ich zahle dir auch die Reise, ich kann nicht allein ­fahren, du weißt schon, du kennst mich doch.“
„Ja, ich weiß.“
„Kommst du also mit?“
Ich wollte nicht mitfahren, doch der ­älteste Freund ist der älteste Freund.

Ein paar Tage später trafen wir uns, um kurz nach sechs am Bahnsteig des Prager Hauptbahnhofs. Ich war müde, hatte wenig geschlafen, doch Max strahlte wie seit Jahren nicht mehr. Er trug ­einen Anzug und Krawatte und war glattrasiert. Im Speisewagen bestellte er zum Frühstück gleich zwei Bier.
„Dieser Tag muss doch gefeiert werden.“
Der Zug fuhr die Moldau entlang und dann an der Elbe, und Max strahlte immer mehr.
Er erzählte, er wolle Eva in dem Café überraschen, wo sie arbeitet. Er erzählte, er und Eva, das sei eine Schicksalsbeziehung, und zu einer Schicksalsbeziehung gehören auch einige Unfälle. Er erzählte, ab jetzt werde alles gut zwischen Eva und ihm. Max erzählte und erzählte, und ich schaute auf die große Tüte mit den Geschenken, die neben ihm auf dem Sitz lag.
„Was hast du da drinnen?“
Doch Max reagierte nicht und bestellte noch ein Bier.
Er erzählte, er verzeihe Eva alles. Er erzählte, er verzeihe ihr sogar, dass sie ihn mit einem Spanier betrogen hat, ihn wegen des Spaniers verlassen hat und mit ihm nach Köln gezogen ist. Er erzählte, vielleicht war es seine Schuld, ja, ja, so war es, er hat sie nicht genug geliebt oder es ihr nicht genügend gezeigt. Und er hat viel getrunken und viel Zeit mit seinen Geschichtsbüchern und in den Museen verbracht. Aber jetzt, jetzt hat es Eva ­erkannt, dass er doch ein guter Kerl ist. Jetzt weiß auch sie, dass sie ihn immer noch liebt.
„Ach, es wird schön ... Meine Eva, mein Mucki ... Kennengelernt haben wir uns mal in einem Fitnessstudio, sie wollte abnehmen, und ich wollte auch abnehmen, doch wir haben nicht abgenommen. Wir haben uns verliebt. Eva kocht gerne und ich koche auch gerne, das weißt du doch.“
„Ja, das tue ich. Aber was hast du in der Tüte da?“
„Geschenke für Eva.“
„So viele? Das sind mindestens zehn.“
„Zwanzig. Eva wird sich freuen.“
Max erzählte, in der Tasche liegen Geschenke, die er ihr kaufte, nachdem sie sich getrennt haben. Er kaufte ihr einfach weiter Geschenke, als ob nichts gewesen wäre, als wäre sie immer noch ­seine Freundin, für die er gerne kocht. Er glaubte fest daran, dass Eva eines Tages zurückkommt. Doch sie ist nicht zurückgekommen. Und so schlummern sie jetzt in dieser großen Tüte. Geschenke zu jedem ihrer Geburtstage. Geschenke zu den Jahrestagen, als sie sich kennenlernten. Geschenke zu Weihnachten, die sie nicht zusammen gefeiert haben.

Wir waren in Berlin und stiegen in den ICE nach Köln um. Max schlief nach dem Bier gleich ein. Der Zug glitt Richtung Westen, der graue Himmel hing tief über der flachen Landschaft. Es regnete, und Max fing an zu schnarchen. Mit jedem Atemzug hob sich sein großer Bauch und fiel dann wieder in sich zusammen.
Wir kamen nach Hannover. Nach Bielefeld. Nach Wuppertal. Und dann, dann waren wir in Köln, und die Sonne kam endlich heraus. Max kaufte am Bahnhof Blumen.
Als wir in dem Café eintrafen, erkannte uns Eva sofort. Max lächelte ihr entgegen, doch Eva lächelte nicht zurück. Max reichte ihr die Blumen, doch Eva wollte keine Blumen. Max wollte mit Eva reden, doch Eva wollte nicht mit ihm reden.
„Was machst du hier, Max?“
„Eva … Ich dachte …“
„Was dachtest du?“
„Ich dachte, wir, also du und ich …“
„Was machst du hier, verdammt?“
„Beruhige dich, Mucki.“
„Ich bin kein Mucki. Und ich will mich nicht beruhigen. Ich will nur wissen, was du hier machst, verdammt noch mal?“
„Aber Mucki!“
„Und sag nicht Mucki zu mir!“
„Ich habe dir was mitgebracht.“
„Was macht er denn hier?“ Eva schaute zu mir herüber.
„Ich lasse euch hier vielleicht kurz ­allein“, sagte ich.
„Trinkt er immer noch so viel?“
„Nein“, sagte ich. „Er trinkt viel, viel weniger. Eigentlich trinkt er gar nicht mehr.“
Max reichte ihr die Tüte.
„Hier, hier, Mucki, ich habe dir was mitgebracht.“
„Ich will nichts. Verstehst du? Ich will nur, dass du verschwindest, und zwar sofort!“

Und so gingen wir durch die laute fremde Stadt und schwiegen eine Weile. Es regnete wieder, und Max blieb ab und zu vor einem Geschäft stehen und schaute in die Auslagen. In einem Gasthaus tranken wir Bier aus kleinen Gläschen, bald wussten wir nicht mehr, wie viele es waren. Und später lagen wir nebeneinander im Bett im Hotel, wo ich eigentlich allein schlafen sollte, und starrten an die ­Decke. Draußen regnete es wie aus Kübeln.
„Das hast du dir ausgedacht, oder?“
„Was?“
„Dass sie dich sehen will, dass sie dir geschrieben hat, dass sie dich immer noch liebt.“
„Hmm … Aber schön, dass wir hier waren. Ich war noch nie in Köln, eine sehr schöne Stadt, oder?“

Am nächsten Tag fuhren wir nach Prag zurück. Wieder über Berlin.
Max schwieg die ganze Zeit. Er hielt sich zurück, und erst in Hannover ­bestellte er im Speisewagen sein erstes Bier.
„Schön, dass du mitgekommen bist.“
„Klar.“
„Allein hätte ich es nicht geschafft.“
„Schon verrückt alles.“
„Ich weiß.“
Wir waren kurz vor Berlin.
„Was ist eigentlich drinnen?“
„Geschenke für Eva, die ich über die Jahre gesammelt habe, das habe ich dir doch schon gesagt.“
„Ja, klar, aber was für Geschenke?“
„Meerschweinchenfutter.“
„Meerschweinchenfutter?“
„Ja, Mucki, mein Meerschweinchen, so habe ich sie immer genannt. Das hat ihr gefallen.“
„Du bist verloren, Max, weißt du das?“
„Ja.“
Wir stiegen im Hauptbahnhof aus. Max ließ die Tasche mit Geschenken auf dem Sitz zurück. Ich wollte sie mitnehmen, doch das wollte Max nicht.
„Lass sie hier stehen. Vielleicht findet sich jemand, der Meerschweinchen liebt.

Jan Steins

Der Autor
Jaroslav Rudiš, Jahrgang 1972, studierte Germanistik. Ein Stipendium brachte ihn nach Berlin. Dort schrieb er seinen Debütroman „Der Himmel unter Berlin“. Sein zweites Werk „Grand Hotel“ wurde bereits verfilmt. Er singt außerdem in der Kafka Band (aktuelles Album: „Amerika“). Zuletzt erschien sein Eisenbahnroman „Winterbergs letzte Reise“ (Luchterhand, 24 €), der für den Preis der Leipziger Buchmesse 2019 nominiert war. Rudiš liebt Eisenbahn und Sauna, schreibt auf Tschechisch und Deutsch und lebt in Berlin sowie in seinem Heimatort Lomnice nad Popelkou „im böhmischen Paradies“, wie er es nennt.

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