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Dörte Hansen: Streets of London

Täglich landen rund 650 verlorene Dinge im zentralen Fundbüro der Deutschen Bahn. Wir bitten in jeder Ausgabe eine:n Schriftsteller:in, sich eines davon auszusuchen und uns dessen fiktive Geschichte zu erzählen. Diesmal: Dörte Hansen

Von:
Lesezeit: 5 Minuten
Verstärker auf Rollwagen
Heinrich Holtgreve für DB MOBIL
Dieser Verstärker machte nicht jedem Spaß

Der Gitarrenmann vor meinem Haus verschwindet im Oktober, und solange das Thermometer unter zehn Grad plus bleibt, hört und sieht man nichts von ihm. Straßenmusiker sind Zugvögel. Ich vergesse ihn dann, wie man im Winter den Gesang von Amsel, Kuckuck, Nachtigall vergisst.

Jedes Jahr im März bin ich erstaunt und leicht gerührt, wenn ich das Stimmen der Gitarrensaiten höre und die ersten scheppernden Akkorde aus seinem rollenden Verstärker. Wenn ich aus dem Küchenfenster blicke, und da steht er wieder: schulterlange Locken, Vollbart, junger Mann im ausgeleierten Pullover, der aus Wollresten gestrickt sein muss, grellbunt und fusselig. Und neben ihm der Lautsprecher, wie ein geparkter Einkaufstrolley auf dem Gehweg zwischen Drogeriemarkt und Café.

Wo immer dieser Mensch die Winterzeit verbringen mag, er nutzt sie nicht zum Üben. Sein Fingerpicking hat sich in den vier, fünf Jahren, die ich ihn nun kenne, nicht verbessert, auch sein Repertoire bleibt unverändert. Er rupft und knödelt sich durch seine 22 Folksongs, Oldies und Chansons, er ändert nicht einmal die Reihenfolge.

Die Rührung über diesen standorttreuen Vogel ist daher auch nie von langer Dauer. Drei, vier Lieder, Reinhard Mey, Cat Stevens, Eric Clapton, Joni Mitchell, und dann weiß ich wieder, warum ich ihm jeden Sommer, Ende Juli spätestens, den Hals umdrehen möchte. Je wärmer es wird, desto lauter singt er, desto lauter stellt er seinen Schepperkasten. Die Herzen und die Münzen fliegen ihm dann nur so zu.

Das schlimmste Lied auf seiner Liste ist Song Nummer 16, „Streets of London“, die schauerliche Moritat von Einsamkeit und Elend in der großen, bösen Stadt.

Bei den ersten Takten gehe ich nach hinten in mein Schlafzimmer und warte vier Minuten ab, bis er sein letztes „Make you change your mind“ geknödelt hat. Weil ich sonst wohl nicht an mich halten könnte, auf die Straße rennen würde, mir mal seine Ordnungsamtgenehmigung für den Verstärker vorlegen lassen, die 20 Meter Mindestabstand bis zum nächsten Wohnhaus nachmessen und ihn darauf hinweisen, dass er höchstens eine Stunde lang hier spielen darf, nach 20 Uhr schon gar nicht mehr.

Ich war Lehrerin, wir sind so. Unterrichten, prüfen und bewerten, irgendwann beschränkt sich das nicht mehr aufs Klassenzimmer. Meine Prüfungen besteht schon lange niemand mehr: Männer, Freundinnen, Bekannte, Nachbarn – alle durchgefallen, also bin ich jetzt allein.

Wie Rheumatiker oder Migränepatienten finden Einsame heraus, was ihnen guttut und was nicht. Lernen, mit den Krankheitsschüben umzugehen, sie vorherzusehen und es nicht erst zur großen Krise kommen zu lassen. Ich weiß zum Beispiel, dass es nicht die stillen Wintertage sind, die mir gefährlich werden. Es sind die Julitage, die mich fertigmachen, wenn die Herzen fliegen und Straßen­musiker zur Hochform auflaufen.

Ich höre mir nicht an, wie ein Mittzwanziger die Einsamkeit besingt, der keine Ahnung davon hat. „How can you tell me you’re lo-ho-nely“, und dabei schaut er einem hübschen Mädchen in die großen und verliebten Augen, denn auch das gehört zu den Konstanten des Gitarrenmannes: niemals ohne weibliche Begleitung.

Diesen Sommer hockt ein elfenhaftes Wesen neben dem Gitarrenkasten, barfuß, Kleidchen, blaues Tuch im blonden Haar, das lächelnd mit dem Hut herumgeht, Kopf ein bisschen schräg, anmutig knicksend, wenn ein Geldstück klirrend im Zylinder landet.

All das tut mir nicht gut. Aus meinem Küchenfenster schauen, Herzen fliegen, Elfen tänzeln sehen, die Passanten klatschen hören und die Münzen im Zylinder klimpern. „Morning Has Broken“, geknödelt und gerupft, die Stimmen und das Lachen aus dem Straßencafé, das Geräusch der Kaffeelöffel auf den Untertassen. Gift für jemanden wie mich.

Also raus aus meiner Küche, aus der Wohnung, auf die Straße, am Café und am Gitarrenmann vorbei, zum Drogeriemarkt. Zeit für etwas Selbstfürsorge.

Ich sehe aus wie eine Frau, die etwas schieben oder ziehen müsste.

Die meisten Frauen meines Alters schieben oder ziehen irgendetwas, wenn sie auf die Straße gehen: E-Bikes, Einkaufstrolleys, Rollatoren, Ehemänner in Rollstühlen, Enkelkinder in Bollerwagen, Dackel an der Leine. Also habe ich mir vor ein paar Jahren einen „Urban Rollshopper“ angeschafft, dezentes Dunkelgrau.

Frauen meines Alters fliegen unter dem Radar. Wir sind Tarnkappenjägerinnen, und ich nutze diese Chance. Mein liebstes Revier ist der Drogeriemarkt. Ich bin schnell da, das Angebot ist groß, die meisten Dinge kann ich gut gebrauchen. Wie die meisten Ladendiebe habe ich klein angefangen, mit Nagellackfläschchen und Lippenpflegestiften geübt, mich dann an Deoroller, Handcreme­tuben oder Zahnputzbecher gewagt und dann immer so weiter. Je größer der geklaute Gegenstand, desto besser geht es mir, wenn ich mit meinem Urban Rollshopper zur Tür herausspaziere.

Meinen Becher mit der Aufschrift „Do more of what makes you happy!“ habe ich allerdings nicht in der Drogerie gestohlen, sondern in dem Schnick­schnnackladen gegenüber, meinem zweitliebsten Revier.

Ich trinke daraus jeden Morgen meinen Kaffee.

Gestern auch, um kurz nach zehn, ich saß am offenen Küchenfenster, und ich sah, wie der Gitarrenmann mit seinem rollenden Verstärker Position bezog. Hörte, wie er stimmte, die ersten Akkorde anschlug, spielte, „Morning Has Broken“, Anlage voll aufgedreht, an den ­Tischen des Cafés schon Lachen. Kaffeelöffel klirrten, Herzen flogen, und es ging mir gar nicht gut. Zeit für etwas Selbstfürsorge.

Ich habe einen Durchgang abgewartet, alle 22 Lieder. Danach macht er immer eine halbe Stunde Pause, setzt sich ins Café mit seiner Elfe. Küssen, turteln, einen Augenblick nicht aufgepasst! Frauen meines Alters ziehen immer irgendetwas. Wir fallen keinem auf, wenn wir mit einem schwarzen Lautsprechertrolley durch die Fußgängerzone spazieren, bis zum Bahnhof, wo wir zwischen all den Rollkoffern dann vollständig verschwinden.

Es ging mir schon viel besser, als ich in der Regionalbahn saß, den Trolley unter dem Sitz verstaut, ich hoffe, der Verstärker hatte eine gute Weiterfahrt. Ich selbst bin dann am nächsten Bahnhof ausgestiegen und zurückgefahren.

Der Straßenmusiker war nicht mehr da, als ich nach Hause kam.

Aber heute Morgen stand er wieder da. Stimmte die Gitarre, schlug die ersten Akkorde an, und dann spielte er die 22 Lieder, nur sehr leise jetzt, er hört sich ohne den Verstärker besser an.Ichan. Ich habe ihm heute, als ich auf dem Weg zum Drogeriemarkt war, zwei Euro in den Hut geworfen. Es geht mir gut.

Vielleicht kommt er im Frühjahr wieder.

Jan Steins

Dörte Hansen, Jahrgang 1964, wuchs in Husum auf, promovierte in Hamburg in Linguistik und arbeitete als Redakteurin für den NDR. 2015 gelang ihr mit dem Debütroman „Altes Land“ gleich ein Erfolg: Er wurde in Deutschland etwa 900 ­000-mal verkauft und zum „Lieblingsbuch des unabhängigen Buchhandels“ gekürt. Ihr zweites Werk „Mittagsstunde“ erschien 2018. Inzwischen lebt sie mit Mann und Tochter wieder in der Nähe von Husum. Von ihrem Büro in Husum aus blickt sie zwar auf keinen Musiker, dafür aber auf das Haus von Theodor Storm.

Ist das Ihr Verstärker? Schreiben Sie uns. Wir ­bewahren alle vorgestellten Fundstücke gesondert auf, damit sie ihren Eigentümer doch noch finden. fundstueck@dbmobil.de

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