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Ildikó von Kürthy: Das Buch deines Vaters

Täglich landen rund 650 verlorene Dinge im zentralen Fundbüro der Deutschen Bahn. Wir bitten in jeder Ausgabe einen Schriftsteller, sich eines davon auszusuchen und uns dessen fiktive Geschichte zu erzählen. Diesmal: Ildikó von Kürthy

Von:
Lesezeit: 5 Minuten
Manuskript
Marina Rosa Weigl

Früher konnte ich die Bäume hören. Ich saß im Zug, schloss die Augen und sah die Landschaft an meinen Ohren vorbeiziehen. Ich hörte das tiefe Tannengrün der Wälder und das helle Gelb der abgeernteten Felder und ab und zu das Steingrau eines Gehöfts.

Früher habe ich gern an offenen Zugfenstern gestanden. Diese fast vergessenen Fenster, die man an zwei Griffen mit einem beherzten Ruck bis auf Brusthöhe herunterziehen konnte. Ich habe während der Fahrt meine Hände hinausgehalten und in die Luft gegriffen wie in die Mähne eines galoppierenden Pferdes. Ich schloss die Augen, minutenlang, bis ich mir vorstellen konnte, ich könne wieder sehen, wenn ich sie öffne. Dann war ich kein Blinder. Ich war einfach nur ein Mensch mit geschlossenen Augen.

Jetzt sitze ich in dieser Zugkapsel, die wie ein Zäpfchen durch eine Landschaft flutscht, die ich weder sehen noch hören kann. Wenn ich die Augen schließe, bleibe ich blind, und die Luft, die ich atme, kann ich nicht greifen.

Ich habe Dich nie gesehen. Aber in meinen Augen warst Du das schönste Mädchen der Welt. Das sagen alle Väter über ihre Töchter. Auch die blinden. Aber die müssen es besonders genau wissen, denn sie können die Schönheit ihrer Kinder hören. Deine Stimme hat mir, sobald Du sprechen konntest, die Welt beschrieben, und Deine Hand hat mich geführt, sobald Du laufen konntest.

„Papa, Stufe“ waren Deine ersten Worte, und ich weiß, dass Du bis heute an jeder Bordsteinkante kurz innehältst, weil Deine Erinnerungen an mich, den blinden Vater, die ersten Deines Lebens sind. Du warst meine Augen. Und wenn ich stolperte, dann Deinetwegen.

Ich kann nur ahnen, wie oft wir aneinander vorbeigeschaut haben. Mir wird das Herz schwer, wenn ich mir ausmale, wie oft Du meinen Blick gesucht und nicht gefunden hast, wie oft Dein Lächeln ins Leere ging und wie oft ich dachte, ich würde meiner Tochter in die Augen sehen, obwohl sie sich längst von mir abgewendet hatte.

Du bist in einem Haus der Stimmen aufgewachsen. Der Stimmen, der Bücher und der lesenden Hände. Ich bin ein Buchstabenfühler. Zu den vertrautesten, längst verklungenen, aber nie vergessenen Geräuschen Deiner Kindheit gehört der Klang der Blindenschreibmaschine und das Rascheln der Punktschrift-­Papierrollen, die überall bei uns zahlreich herumlagen und sich manchmal, wenn man sie erschreckte, unerwartet entrollten wie fahle, träge Luftschlangen.

Du solltest nicht unter meiner Blindheit leiden, deswegen habe ich so getan, als würde ich selbst nicht darunter leiden. Ich war ein Draufgänger ohne Augenlicht, ein schwerbehinderter Abenteurer. Tags habe ich dem Sturm ins Gesicht gelacht. Nachts waren die schlimmsten Albträume die, in denen ich wieder sehen konnte. Dann bin ich schreiend aufgewacht, riss die Augen auf und starrte weinend in vollkommene Dunkelheit.

Gerade ist der Zugbegleiter hier gewesen. Er heißt leider nicht mehr Schaffner. Schaffner ist, wie Kindergärtnerin und Hausmeister ein Wort aus der Zeit, in der es Raucherabteile gab und Vorhänge vor dem Zugfenster, die sich immer gelb anfühlten.

„Und das können Sie lesen?“, fragt mich der Mann und legt mir das Punktschrift-Manuskript auf die Knie, das anscheinend aus meiner Aktentasche gerutscht ist. „Natürlich, ich habe es sogar selbst geschrieben,“ antworte ich und mache dabei ein Gesicht, das ich mir freundlich vorstelle.

Ich habe mich selbst seit über 60 Jahren nicht mehr gesehen, und ich weiß, dass ich oft grimmig wirke, ohne es zu bemerken. Ich habe mir also ein Lächeln zugelegt, das sich für mich von innen wie eine Grimasse anfühlt, nach außen aber den gewünschten Eindruck von Zugewandtheit hervorruft.

„Es ist die Geschichte meines Lebens“, füge ich noch hinzu. „Ich werde es meiner Tochter schenken. Sie wissen ja, wie das ist. Kinder haben kein Interesse an ihren Eltern. Aber hier stehen die Antworten auf jede Frage, die sie eventuell mal über mich stellen wird.“

Ich schlage das Buch auf und lasse meine Hände über das Papier wandern, über die Punkte die sich unter meinen Fingerspitzen zu meinen eigenen Worten formen. Das Buch Deines Vaters.

Ich schlage das Manuskript wieder zu und schenke dem Zugbegleiter mein grimassigstes, herzlichstes Lächeln. Es fällt irgendwo weiter hinten im Großraumabteil geräuschlos ins Leere. Der Mann ist längst weitergegangen.
Du wirst mich in einer halben Stunde am Bahnhof abholen. Ich habe mir sagen lassen, dass man durch die Zugfenster nicht mehr in den Zug hineinschauen kann. Du wirst mir also nicht zuwinken. Die Vorstellung, ich würde Dir versehentlich vor lauter Blindheit nicht zurückwinken, ist mir ein Gräuel.

Wann werde ich Dir das Buch geben? Heute, morgen, in zwei Jahren? Oder soll ich es Dir, ein wenig melodramatisch, in meinem Testament vermachen?

Du wirst es aus der Punktschrift in die Schrift der Sehenden übersetzen lassen müssen. Das habe ich so geplant, denn diese Mühe wirst Du Dir erst dann machen, wenn Du die Wahrheit wissen willst und ertragen kannst.

Meine Geschichte wird nicht verloren gehen. Sie wird zur rechten Zeit gehört werden.

Ich schließe die Augen und kann wieder sehen.

***

Die Leiche des alten Mannes fuhr noch 300 Kilometer weiter bis zur Endstation. Ein gebundenes Manuskript in Blindenschrift war dem Toten, von den übrigen Fahrgästen unbemerkt, von den Knien und unter den gegenüberliegenden Sitz gerutscht. Das ist 17 Jahre her. Die Tochter des Verstorbenen hält bis heute an jeder Bordsteinkante kurz inne. Nach dem Buch ihres Vaters hat sie nie gesucht. Man kann nur etwas finden, von dem man weiß, dass man es verloren hat.

Jan Steins

Ildikó von Kürthy, Jahrgang 1968, wuchs in Aachen auf, als Tochter einer Buchhändlerin und eines blinden Hochschulprofessors, dem sie als Kind durch den Alltag half. Nach dem Abitur ließ sie sich an der Hamburger Henri-Nannen-Schule zur Journalistin ausbilden, sie arbeitete bei „­Brigitte“ und „Stern“. 1999 veröffentlichte sie ihren Debütroman „Mondscheintarif“, der sich mehr als eine Million Mal verkaufte und auch verfilmt wurde. Es folgten 13 weitere Bücher, darunter auch autobiografische Erzählungen. Ihr neuester Roman „Es wird Zeit“ (20 €, Rowohlt Verlag) handelt vom Älterwerden. Von Kürthy lebt mit ihrem Mann und den gemeinsamen Söhnen in Hamburg.

Ist das Ihr Braille-Manuskript? Schreiben Sie uns. Wir bewahren alle vorgestellten Fundstücke gesondert auf, damit sie ihren Eigentümer doch noch finden. fundstueck@dbmobil.de

Sie haben etwas im Zug oder am Bahnhof ver­loren oder gefunden? Den Fundservice der DB erreichen Sie unter bahn.de/fundservice.

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