Folge 13: Eine kritzlige Angelegenheit

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Lesezeit: 2 Minuten
Quickhoney

Kürzlich erklärte eine Kollegin in einer Zoom-Konferenz etwas zum Einwegplastik-Verbot der EU, der Kaffee dampfte aus der Tasse, und auf meinem Notizzettel breitete sich Sonderbares aus: Blumen mit zarten Blättern, aus denen Tentakel quollen, die sich zu Schnecken rollten, um wieder von einem größeren Blatt umfasst zu werden. Diese Mandala-Blüten-Dinger wachsen bei mir oft während semi-interessanter Telefonate übers Papier. „Doodle“ heißen solche Kritzeleien. Fast alle kennen sie, machen sie – und schmeißen sie dann weg. Dabei sind sie wertvoller, als sie aussehen.

Ein Doodle fördert nämlich die Konzentration. Weil es nur wenig Hirnleistung braucht, fließt es wie automatisch aus uns heraus, während wir telefonieren oder einem Vortrag lauschen – und verhindert ein Abschweifen in das hirnschmalz­intensivere Tagträumen. Manche visualisieren grob, was sie hören, und können sich daher später besser daran erinnern. Deswegen ist die Anleitung zum Zeitvertreib im Zug diesmal ziemlich einfach:


Nehmen Sie einen Stift zur Hand.
Rufen Sie Ihre Mutter an, oder hören Sie einen Podcast, in dem es ums Steuerrecht geht.

Setzen Sie den Stift möglichst nicht ab.

 

Bedeutende Persönlichkeiten waren große Doodler:innen: Leonardo da Vinci, die Dichterin Sylvia Plath. Richard Nixon hat seinem Ghostwriter einmal verraten, dass er als US-Präsident immer versuchte, die Doodles seiner Gegenüber zu dechiffrieren. So habe er bei seiner ersten Diskussion mit Leonid Breschnew 1972 über Atomwaffen gesehen, dass dieser Raketen malte, die in Löcher flogen. Und bei einem späteren Treffen malte der sowjetische KP-Führer tatsächlich Herzen mit durchbohrten Pfeilen. „Ich weiß nicht, was das bedeutete, aber nebenher scheiterten unsere Versuche, die Zahl der Atomsprengköpfe zu begrenzen“, wird Nixon in dem Buch „Presidential Doodles“ zitiert. Nixon, der ausschließlich geometrische Figuren und Diamanten malte, rückte seine Zeichnungen übrigens nur sehr, sehr selten heraus – aus Angst davor, jemand könne damit in seine Seele schauen.

Anje Jager
Langeweile kennt Autorin Greta Taubert nicht. Sie weiß immer was zu tun, wenn mal Zeit im Zug ist.

Hier gibt Autorin Greta Taubert jeden Monat Tipps für den Müßiggang im Zug. Haben Sie Ideen, Lob, Kritik? Schreiben Sie an zeitvertreib@dbmobil.de

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