Folge 10: Guckst du?!

Masken, FFP2-Gesichtsschnäuzelchen und Räubertücher: Seit wir dahinter verschwinden, ist mir deutlich langweiliger

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Lesezeit: 2 Minuten
Illustration Masken
Quickhoney

In Zügen redet kaum noch jemand. Alles versinkt in Stoff, Ohrstöpseln und Schweigen. Kreuzen sich doch mal Blicke, scheint das irritierend nah, fast schon übergriffig. Warum guckt der so? Klebt da was an meiner Maske? Dabei können wir uns derzeit am sichersten noch mit den Augen begegnen. „Das Ohr ist stumm, der Mund ist taub, aber das Auge vernimmt und spricht“, schrieb Goethe in einer ersten Fassung seiner Betrachtung „Über das Auge“: „In ihm spiegelt sich von
außen die Welt, von innen der Mensch.“
Vielleicht hilft uns die Pandemie dabei, die Kunst der nonverbalen Kommunikation mal wieder zu üben und in den Augen anderer zu lesen. Worauf Sie achten können, wenn auch Ihnen die Zeit lang wird:
Das Blinzeln. Es zeigt, dass Ihr Gegenüber offenbar gerade eine Gefühlsaufwallung erlebt. Er könnte überrascht, empört oder wütend sein. Oder aufgeregt vor Freude, dass Sie gucken. Oder er lügt.
Muss man vorsichtig sein.

Die Pupillen. Die Pseudowissenschaft des Neurolinguistischen Programmierens sagt, Augenbewegungen gäben Aufschluss darüber, was ein Mensch denkt. Schaut er aus Ihrer Sicht nach links, erinnert er sich an Bilder (oben), Geräusche (seitlich) oder Emotionen (unten). Schaut er nach rechts, fantasiert oder lügt er. Das kann bei Linkshändern auch genau umgekehrt sein. Oder es ist insgesamt Quatsch.
Muss man also auch vorsichtig sein.

Der Blick. In ihm liegt nun all das Unsagbare, Unergründliche. Die Performancekünstlerin Marina Abramovic saß für ihre Aktion „The Artist is Present“ wochenlang reglos im New Yorker Museum of Modern Art auf einem Stuhl. Besucher setzten sich ihr gegenüber und ließen sich nur anschauen. Einige lächelten, viele brachen in Tränen aus.
Muss man also – Sie ahnen es bereits – auch vorsichtig sein. Aber was ist schon reizvoller als ein vorsichtiger Blick?

Anje Jager
Langeweile kennt Autorin Greta Taubert nicht. Sie weiß immer was zu tun, wenn mal Zeit im Zug ist.

Autorin Greta Taubert gibt jeden Monat Tipps für den Müßiggang im Zug. Haben Sie Ideen, Lob, Kritik? Schreiben Sie an zeitvertreib@dbmobil.de

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