Oldenburg

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Von:
Lesezeit: 2 Minuten
Lauren Tamaki

IM HERBST SPIELEN sich im niedersächsischen Oldenburg vermehrt seltsame Szenen ab. Da wirft jemand eine Kugel die Straße hinunter, und Dutzende Menschen laufen mit großer Begeisterung hinterher. Viele Male habe ich das beobachtet, aber den Spaßfaktor nie wirklich begriffen. Als hiesige Studentin weiß ich von Einheimischen, dass es sich um einen Volkssport der 165 000-Seelen-Stadt handelt, deren Nachbarn Bremen und Ostfriesland sind: das Boßeln.

Jetzt beginnt die Boßeln-Hoch-Zeit, die dann gipfelt, wenn man hier Grünkohl schmaust, also im Winter. Als ich erfuhr, dass man auch einen Crashkurs im City-Boßeln belegen kann, war ich bereit für den Kick. Wir starten in zwei gegnerischen Gruppen am Cäcilienplatz. Ziel beim Boßeln ist es, mit möglichst wenigen Würfen eine festgelegte Strecke zu überwinden. Es fühlt sich an wie eine spaßige Kegelrunde mit Sightseeing. Wir laufen am Lappan vorbei, einem ehe- maligen Glockenturm aus dem Mittelalter, der als eines der wenigen Gebäude den Stadtbrand im 17. Jahrhundert überstand. Und passieren „Donnerhall“, die Statue eines echten Oldenburgers. Ein Sieger-Turnierhengst übrigens, Stolz der dort gezüchteten Rasse. In der Fußgängerzone drehen wir die Schleife durch den historischen Stadtkern, vorbei am hellgelben Renaissanceschloss, bewundern die stadtprägenden klassizistischen Bauten und lugen in die Seitengassen, wo die kleinen Handwerkshäuschen stehen. Irgendwann weichen wir aus, weil wir sonst mit schwer beladenen Shoppern kollidieren. Und boßeln entlang des schmalen Flusses Haaren. „Ihr müsst die Kugel flacher werfen“, ruft uns ein Fahrradfahrer zu. Tatsächlich fliegt die Kugel weiter. Irgendwann zu weit: Sie landet im Wasser.

Der Oldenburger nimmt’s mit Humor. Feinsinnig bezeichnen die Einheimischen ihre Stadt auch gern als Kohltour-Hauptstadt. Grünkohl ist erfolgreichstes Exportprodukt, das sogar der Polit-Prominenz in Berlin serviert wird beim „Defftig Ollnborger Gröönkohl-Äten“.

Noch ist keine Saison. Wir können stattdessen unseren Boßeln-„Reinfall“ bei einem Picknick im Schlosspark feiern oder beim Tretbootfahren. Oder im Habitat der etwa 15 000 Studenten, denen Oldenburg den Slogan „Übermorgenstadt“ verdankt. Die treffen sich abends in der Wallstraße, liebevoll auch Wallstreet genannt, wo sich Kneipe an Kneipe reiht. Als Boßeln-Praktizierende fühle ich mich jetzt noch ein bisschen nordischer. Und trinke dort ein Tässchen Grünkohltee. 

 

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