Lüneburg

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Lesezeit: 2 Minuten
Lauren Tamaki

ICH MUSS MIT einer Selbstbezichtigung beginnen. Ich habe drei Jahre lang in Lüneburg studiert, dabei aber kaum mehr von der Stadt gesehen als die Strecke, die der Shuttlebus vom Bahnhof zur Uni zurücklegt. Gewohnt habe ich im benachbarten Hamburg, denn Lüneburg hielt ich für einen Seniorenfreizeitpark mit Süßstofftabletten und Eierlikör auf den Tischen. Eine Stadt wie ein großes Postkartenmotiv. Hier leben?

Heute lasse ich den Bus zur Leuphana-Universität einmal links liegen und wende mich Richtung Innenstadt. Der zentrale Platz Am Sande ist gesäumt von Häusern mit schiefen Giebeln, alten Lastenkränen und ulkigen Ornamenten.

Eines schiefer und schnuckeliger als das andere – ich rolle mit den Augen. Eine einzige Süßstofftablette, diese Stadt.

Ein Bus fährt vor, eine Gruppe in Beige stolpert heraus. Es sind Set-Jetter, Filmtouristen. Das erkenne ich an der roten Rose, die die Reiseleiterin in die Luft hält.

Seit zwölf Jahren wird hier die TV-Schnulze „Rote Rosen“ gedreht. „75 000 Einwohner, eine der wenigen Städte Norddeutschlands, deren historischer Kern im Weltkrieg nicht zerstört wurde“, höre ich den Tourguide sagen.

Ich laufe durch die Fachwerkgasse Auf dem Meere, in der die Deckenhöhe der Häuser kaum mehr als 1,50 Meter betragen kann, mache vor dem mittelalterlichen Rathaus Halt und flüchte mich vor so viel Formschönheit in Schröders Garten an der Ilmenau. Eierlikör gibt’s keinen, ich nehme ein Bier, bitte.

Gerade setze ich das Glas an die Lippen, da höre ich meinen Namen. Ein Kommilitone von früher hat mich erkannt. Er setzt sich zu mir, erklärt, warum er in Lüneburg geblieben sei, schwärmt von Cafés wie dem Avenir und dem Salon Hansen, einem Club im Untergeschoss eines Einkaufscenters. Zudem wandere er oft durch die Lüneburger Heide. Langsam kann ich mir vorstellen, wie ein Leben hier aussähe.

„Klar ist das ein Freilichtmuseum“, sagt er, „aber eines, in dem 10 000 Studierende die Ausstellungen kuratieren.“ Für den Abend lädt er mich zum Grillen an den Kreidebergsee ein, aber ich entgegne, ich müsse zurück nach Hamburg.

Ich laufe durch Gassen voller Rosenbüsche, am Stintmarkt am alten Hafen haben sich Leute zum Brettspielen getroffen. Im Kurpark tropft Sole an einem Gradierwerk herab und reinigt die Lungen. Am Bahnhof halte ich inne. Das ist doch echt bescheuert, denke ich, drehe mich um und suche auf dem Handy die Route zum Kreidebergsee.
 

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