Erfurt

Zum ersten Mal in der Stadt? Kommen Sie mit uns. Unsere Autorin entdeckt Erfurt

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Lesezeit: 2 Minuten
Holly Wales

Als ich noch ein Dorfkind aus dem Thüringer Wald war, glich ein Ausflug in die Landeshauptstadt meistens einer Flucht. Raus aus der Dunkelheit und Ruhe der Berge. Rein in die Milde des Thüringer Beckens, in die pastellfarbenen Mittelaltergässchen, in den Trubel von 200 000 Menschen. Angeblich habe ich schon als Kleinkind am liebsten gesungen: „Husch, husch, husch, die Eisenbahn, wer will mit nach Erfurt fahrn?“ Ob sich Erfurt auch nach Jahrzehnten, in denen ich Weltstädte bereisen konnte, noch wie die große Freiheit anfühlt? Husch, husch, husch, höchste Eisenbahn, das herauszufinden.

Gleich am Bahnhofsvorplatz ist nicht zu übersehen, dass die Erfurter:innen ihre Gäste gern ins Freie locken. „Willy Brandt ans Fenster“ steht in mannshohen weißen Lettern auf einem ehemaligen Hotel. Es ist jener Ruf, den 2000 DDR-Bürger:innen 1970 skandierten. Brandt war der erste westdeutsche Regierungschef, der in die DDR gereist war – und Erfurt flippte aus. Noch heute lächelt Brandt auf einem Poster gerührt auf das Volk herunter. Da stehe jetzt aber nur ich. Und ich laufe los in Richtung Anger, dem zentralen Platz. Dort wartet Claudi, die mit mir früher im Wald „Husch, husch, husch“ gemacht hat und heute bei der Thüringer Agentur für Kreativwirtschaft arbeitet. „Hast du deine Zehn-Minuten-Schuhe an?“, fragt sie. In Erfurt sei alles in höchstens zehn Minuten erreichbar.

Vom Bahnhof zur Krämerbrücke, auf der wir uns mit Eierlikör und Waffelbechern eindecken („Thüringen hat doch nicht nur Wurst!“), die Gera entlang bis nach Venedig, einem parkähnlichen Gelände, wo wir am flachen Ufer ein Picknick machen („Die Stadt ist was für Draußensitzer!“). Claudi zeigt mir so viele ihrer Lieblingsplätze im urbanen Grün, als stünde auch ein wenig die Frage eines jeden Klassentreffens auf dem Programm: Wie findest du mein heutiges Leben? Als wir auf dem Petersberg auf Schaukeln über die Dächer der Stadt schwingen – in der Nähe sind die aufwendigen Gärten der BUGA angelegt –, kommen vertraute Gefühle auf: Freundschaft und Freiheit. Wir landen am Alten Schauspielhaus, dessen neobarocke Fassade außen besprüht ist. Innen sieht man die Bühne, den bestuhlten Saal mit blätternder Deckenfarbe. Der Verein „KulturQuartier Erfurt“ will das Objekt als erste Kulturgenossenschaft Thüringens wiederbeleben. Radio, Kino, Tanztheater. Sobald es die Corona-Maßnahmen erlauben, soll es gleichzeitig saniert und bespielt werden. Im Vorgarten stehen drei roséfarbene Überseecontainer, darauf ist in weißen Lettern geschrieben: „KOMM“. Sie sehen aus wie aus dem Willy-Satz vom Bahnhofsvorplatz gefallen. Erfurt lockt wieder.

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