„Impulskäufe gehen meistens nach hinten los“

Model und Influencerin Marie Nasemann über die schwierigen ersten Jahre mit ihren Kindern, Discountermode und darüber, warum Tennis für sie Freiheit bedeutet

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Datum: 12.05.2023
Lesezeit: 9 Minuten
Freut sich auf ihren Neustart: Marie Nasemann

Der goldene Wanderpokal der Tennis-Jungsenioren glänzt auf der Fensterbank in der Sonne, von zwei Topfpflanzen bewacht. Die gemusterten Polster der Holzstühle und Sitzbänke in Altrosa passen farblich zum Teppichboden, und auf den Tischen stehen einzelne Narzissen in Glasvasen. Willkommen im Clubhaus des Berliner Tennisclubs Mariendorf e.V.

Marie Nasemann schaut sich um und lächelt. „Ich glaube, ich trete wieder in einen Tennisverein ein“, sagt die 34-Jährige. „Ich habe Sehnsucht nach diesem Gemeinschaftsgefühl – von anderen Menschen umgeben zu sein und gemeinsam einer Leidenschaft nachzugehen.“ 

Nasemann, Model, Autorin und Influencerin für faire Mode (und vor sehr langer Zeit Drittplatzierte bei „Germany’s Next Topmodel“), hat schon als kleines Kind mit dem Tennisspielen begonnen, mit 14 wurde sie Meisterin mit ihrer Mannschaft in München. Auch als Erwachsene stand sie regelmäßig auf dem Platz – bis sie vor vier Jahren mit ihrem ersten Kind schwanger wurde, einem Sohn. Inzwischen hat sie mit ihrem Mann Sebastian Tigges auch eine Tochter, eineinhalb. Im Interview erzählt Nasemann, wie hart die ersten Jahre mit den Kids waren und warum sie jetzt auf Besserung und einen Neustart mit eigenen Hobbys hofft. 

 

Frau Nasemann, wir haben gehört, dass Sie wieder mit dem Tennisspielen angefangen haben. Deshalb treffen wir uns in Ihrem Wohnort Berlin in einem Tennisclub. Schaffen Sie es regelmäßig auf den Platz?

Mein Mann und ich haben diesen Winter nach vier Jahren, die von Schwangerschaften und Babys geprägt waren, wieder damit angefangen und versuchen, hin und wieder eine Partie miteinander zu spielen. Tennisspielen heißt für mich, frei zu sein.

Authentischer Aufschlag: Marie Nasemann hat schon als Kind mit Tennis angefangen. Beim Shooting für dbmobil.de trägt sie Vintagemode von Gucci, Chanel & Co.

Warum?

Es steht für den Beginn eines neuen Lebensabschnitts. Die Freiheit, wieder eigenen Hobbys nachzugehen zu können, uns um unsere Gesundheit kümmern zu können und als Paar zusammen zu lachen und Leichtigkeit zu spüren. Jetzt geht es wieder los mit dem eigenen Spaß. 

Das war vorher nicht möglich?

Nein, kaum. Seit unser Sohn vor drei Jahren und unsere Tochter vor eineinhalb Jahren auf die Welt kamen, haben wir sehr wenig für unsere eigenen Bedürfnisse getan. Das ändert sich gerade, und die vielen schönen Seiten der Elternschaft werden immer klarer. Ich war schon ziemlich geschockt zu sehen, wie krass die ersten Jahre mit kleinen Kindern wirklich sind. 

Was war das Anstrengendste?

Ich hatte diese Instagram-Vorstellung von hübsch eingerichteten Zimmerchen und glücklichen Kindern und habe wirklich gedacht, so schwer kann es eigentlich nicht sein. So ein kleines Kind, das läuft nebenbei. Klar kann man da arbeiten, easy, und ich schreibe mein Buch im ersten Jahr mit Baby.

Auf der Bank: Durch zwei Schwangerschaften und Kleinkindbetreuung hat Marie Nasemann vier Jahre Tennispause gemacht

Die Realität sieht meist anders aus.

Als unser Sohn da war, habe ich erst verstanden, was es für eine Belastung ist, wenn sich alles immer nur um die Bedürfnisse eines anderen dreht. Ich hatte kaum Pausen, konnte schlecht abschalten, hatte ständig Schlafmangel, immer war jemand krank. Und dann sitzt du da mitten in der Nacht, hast entzündete Brustwarzen, Hormonchaos und ein nicht zu stoppendes schreiendes Kind und denkst dir, what the fuck, so habe ich mir das nicht vorgestellt (lacht).  

Dennoch kam sehr schnell Ihr zweites Kind zur Welt …

Das stimmt. Wir dachten uns damals, wir ziehen das einmal richtig hart durch, und danach wird es besser und die Kinder spielen zusammen. Außerdem war es mitten in der Pandemie, man konnte eh nichts machen, sodass ich mir gesagt habe, okay, wenn jetzt wieder fünf Monate Lockdown ist, dann kann ich auch mit Schwangerschaftsübelkeit im Bett liegen. Im Nachhinein war es aber schon ziemlich heavy. 

Hatten Sie sich zu viel vorgenommen?

Es war schon viel. Am Anfang hatten wir noch zwei Tragekinder, weil unser Sohn noch nicht laufen konnte. Wir wohnten im dritten Stock ohne Aufzug. Aber wir waren zum Glück meistens zu zweit und hatten viele Privilegien, uns ein gutes Betreuungsnetz aufzubauen, das abfedert, wenn Not am Mann oder an der Frau ist. Aber trotz der Mittel, die wir haben, ging es an die Belastungsgrenze.

Kämpft gegen Rollenklischees: Influencerin Marie Nasemann

Ihr Mann hat nach der Geburt Ihres ersten Kindes ein Jahr Elternzeit genommen, während Sie voll gearbeitet haben. Wie lief das?

Für Sebastian war es nicht so einfach. In der Großkanzlei, in der er damals arbeitete, hatte vorher noch nie ein Vater ein Jahr Elternzeit genommen. Auch in unserem Freundeskreis haben sich die meisten klassisch aufgeteilt – ein Jahr Elternzeit für die Frau, dann noch zwei Monate für den Mann, um zu reisen. Und seinen Selbstwert aus der Erziehungsarbeit und Tätigkeiten im Haushalt zu ziehen, ist generell auch schwierig. 

Nur für Männer?

Nein, natürlich auch für Frauen. Es ist gesellschaftlich leider so, dass Care- und Hausarbeit wenig wertgeschätzt wird. Allein schon deshalb, weil die Arbeit nicht bezahlt wird. Die Pandemie hat klar gemacht, Kinder und Haushalt, das muss so nebenbei laufen. Aber es ist meiner Meinung nach einer der anstrengendsten Jobs der Welt, der noch dazu 24 Stunden, sieben Tage die Woche geht. Beruflich erfolgreich zu sein, gilt immer noch als Nonplusultra. Da ist es für Männer, die in dem Glauben aufgewachsen sind, der „Ernährer” sein zu müssen, nochmal schwieriger. 

Wie haben Sie und Ihr Mann diese Zweifel gelöst?

Es hat auf jeden Fall geholfen, darüber zu sprechen und gemeinsam zu gucken, dass wir uns beide beruflich verwirklichen können, unabhängig vom anderen sind und uns gegenseitig Anerkennung für Care- und Hausarbeit geben können. Das klassische Rollenmodell umzudrehen war nichts für uns. Seit Kind zwei teilen wir uns alles 50/50 auf. Das ist viel besser! Wir arbeiten zwischen 9 und 16 Uhr und machen von 16 bis 21 Uhr Care- und Hausarbeit. Ich würde mir wünschen, dass alle Eltern diese Möglichkeit haben: Zeit mit ihren Kindern zu verbringen und sich trotzdem auch beruflich zu verwirklichen, wenn sie das wollen. 

Was würden Sie ändern?

Es muss eine Revolutionierung der Arbeitszeit geben. Es muss die Möglichkeit geben, dass beide Elternteile in Teilzeit arbeiten und trotzdem genug verdienen und beruflich aufsteigen können. Karriere in Teilzeit ist in Deutschland nicht wirklich möglich: Wenn du beruflich weiterkommen und in leitende Positionen willst, gibt es keine andere Option, als Vollzeit zu arbeiten, und das heißt ja oft sogar viel mehr als 40 Stunden die Woche. Mein Mann ist vor der Elternzeit von acht Uhr morgens bis acht Uhr abends im Büro gewesen, er hätte die Kinder also fast gar nicht gesehen. Es ist traurig, dass man sich in Deutschland mit wenigen Ausnahmen immer noch zwischen Karriere und Kindern entscheiden muss.
 

Statt Bällebad: Marie Nasemann im Berliner Tennisclub Mariendorf e.V.

Sie haben vor nicht allzu langer Zeit auf Instagram geschrieben: „Bei 50% aller Scheidungen haben Paare laut Statistischem Bundesamt minderjährige Kinder. 40% dieser Trennungen finden im ersten Jahr nach der Geburt des ersten Kindes statt. Und das wundert mich überhaupt nicht.“

Nein, ich kann das total nachvollziehen. Wir haben auch extrem viel gestritten. Gerade auch, weil wir probiert haben, ein Modell zu leben, für das es wenige bis keine Vorbilder in unserem Umfeld gab. Wir hatten das Gefühl, wir müssen alles ausdiskutieren. Und wir haben oft gedacht, dass es so viel einfacher wäre, wenn wir das klassische Rollenmodell leben würden. 

Gleichberechtigung hat Sie also eher unglücklich gemacht?

Nein, nicht auf Dauer. Das klassische Rollenmodell ist vielleicht einfacher für den Moment, führt aber langfristig nicht unbedingt dazu, dass beide Elternteile glücklich sind. Zumindest sehe ich das bei meiner Mutter und bei meiner Schwiegermutter. Die beiden haben es ihr Leben lang bereut, dass sie beruflich für die Kinder stark zurückgesteckt haben. Die finanziellen Abhängigkeiten haben Beziehungsprobleme ausgelöst. Ich wusste früh, ich möchte etwas anderes.

Im Podcast „Family Feelings“, den Sie gemeinsam mit Ihrem Mann moderieren, sprechen Sie beide über fast alles. Warum diese Offenheit?

Es kostet mich immer wieder Überwindung, über Tabuthemen zu sprechen, wie beispielsweise über meine Fehlgeburt, die ich 2018 hatte. Aber wenn ich jetzt sehe, dass sich immer mehr Frauen trauen, dieses Thema öffentlich zu machen, zeigt es mir, dass es der richtige Weg war. #MeToo, mentale Krankheiten, Paartherapie. Ist doch großartig, was alles ins Rollen gekommen ist!  
 

Fairplay: Seit Jahren engagiert sich Nasemann für nachhaltige Mode

In der gesamten Gesellschaft oder nur bei den Jüngeren?

Ich merke bei der Generation meiner Eltern noch eine grundsätzliche Abneigung oder Angst zum Beispiel vor Psychotherapien. Aber in unserem Alter und speziell in unserer Bubble in Berlin, ist es fast schon Standard zu sagen, man geht zur Paartherapie, wenn man als Paar nicht weiterkommt. Und das auch präventiv, bevor die Beziehung ein Scherbenhaufen ist. Wir haben das auch gemacht. Man kann nicht alles allein schaffen.

Sie setzen sich seit vielen Jahren für faire und nachhaltige Mode ein und schreiben darüber auf Ihrer Website und auf Instagram. Werden Sie auch mal schwach und kaufen Fast Fashion?

Die großen Ketten meide ich. Basics wie Sneaker, Jeans, T-Shirts und Pullis sind von nachhaltigen Marken. Darüber hinaus versuche ich, meine Garderobe mit Secondhand- und Vintageteilen außergewöhnlich zu machen. Wenn ich ausschließlich Fair Fashion tragen würde, würde es mir (noch) an Individualität und Extravaganz fehlen. Mode ist eine spannende Art, sich auszudrücken. Wenn ich in einem kleinen Concept Store ein wunderschönes Teil sehe, bei dem ich weiß, das bekomme ich so nicht in nachhaltig, und ich nach ein paar Nächten darüber Schlafen immer noch daran denken muss, dann mache ich eine Ausnahme und kaufe es. 

Ein Fair-Fashion-T-Shirt kostet schnell 40 Euro, eins vom Discounter ist oft bereits für ein Zehntel dessen zu bekommen. Ist es da verwunderlich, wenn Menschen lieber beim günstigen Shirt zugreifen?

Ich würde Leuten, die sich nicht mehr leisten können, keinen Vorwurf machen, wenn sie in günstige Ketten gehen und dort Kleidung für ihre Familie einkaufen. Aber wenn man sich in Berlin mal vor einen dieser Discounter am Alexanderplatz stellt, sieht man dort Kund:innen rauskommen, die nicht nur ein kleines Tütchen tragen, sondern in der Regel zwei große, vollgepackte Taschen. 

Guter Platz: Kurz vor Saisoneröffnung wurde der Sand mit Ziegelerde aufgefüllt, gewalzt und abgezogen. Es kann also losgehen, auch für Nasemann

Wie kommt das?

In solchen Läden gibt es den totalen Überkonsum: Weil es so günstig ist, schlägt man schneller zu und kauft viel mehr, als man eigentlich braucht. Die Deutschen haben unfassbar viele Kleidungsstücke in ihrem Schrank, die sie nicht oder nicht regelmäßig tragen. Wenn man diese Fehlkäufe einsparen würde, wäre auch mehr Geld da, um nachhaltige Mode zu kaufen

In der Diskussion um Billigfleisch wird immer wieder das Argument gebracht: Solange absurd günstiges Fleisch angeboten wird, wird es auch gekauft. Kann man also sagen, dass die Leute immer weiter billige Mode kaufen werden, solange es Discounter gibt? Müssen die weg?

Ich bin für ein sehr starkes Lieferkettengesetz, das Fairness und die Einhaltung von Umweltstandards für die Produzent:innen verbindlich festlegt. In Deutschland haben wir seit Anfang 2023 eines, das zwar nicht ausreichend, aber immerhin ein Anfang ist. Marken müssen endlich Verantwortung übernehmen, das ist aufwendig und kostet die Unternehmen viel Geld. Wenn das für manche Discounter heißt, dass sie schließen müssen, dann ist das ein Kollateralschaden, den ich hinnehmen kann. Große Ketten dürfen von mir aus weiter existieren, aber sie müssen ihre Leute anständig bezahlen, sichere Gebäude schaffen, dafür sorgen, dass es keine Kinderarbeit gibt und notwendige Umweltstandards eingehalten werden.

Angebissen: Marie Nasemann freut sich auf Tennismatches mit ihrem Mann

Shoppen hilft dabei, sich besser zu fühlen, zumindest kurzfristig. Kennen Sie das auch?

Nach einem sehr langen Tag mit den Kids, der vielleicht nicht gut lief, lege ich abends bei der Einschlafbegleitung auch gerne mal irgendwelche Kinderkleidung in den Warenkorb. Aber ich schicke ihn meistens nicht ab. 

Sondern?

Ich schlafe zwei, drei Nächte über jede Kaufentscheidung. Wenn ich dann immer noch denke, das ist wirklich toll, wir brauchen es unbedingt, ist es auch die richtige Entscheidung. Aber diese Impulskäufe, die gehen meistens nach hinten los.

DB MOBIL-Redakteurin Katja Heer (links) hat sich als Kind auch am Tennis versucht und im schleswig-holsteinischen Elmshorn sogar mal Otto Waalkes auf dem Platz getroffen – ihre erste Erfahrung mit einem Promi. Sie hat den Sport im Gegensatz zu Marie Nasemann (rechts) aber nicht weiterverfolgt, er war ihr zu anstrengend. 

Mit freundlicher Unterstützung von den Vintagestores „Nightboutique“ und „The Good Store Berlin“.

Auf die Ohren

Sie wollen noch mehr von Marie Nasemann wissen? Dann hören Sie doch mal in den DB MOBIL-Podcast „Unterwegs mit ...“ rein, bei dem sie in der dritten Staffel zu Gast ist.

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