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Was hat uns die Corona-Zeit gelehrt (oder auch Gutes gebracht)?

An dieser Stelle schreiben abwechselnd Lisa Harmann und Katharina Nachtsheim rund ums Unterwegssein mit Kindern (und Mann) – sofern das in diesen Zeiten möglich ist. Heute fragt sich Lisa Harmann, ob sie der Pandemie auch etwas Gutes abgewinnen kann.

Von:
Lesezeit: 4 Minuten
Lisa Harmann und Katharina Nachtsheim

Früher konnte es mich als berufstätige Mutter regelrecht aus der Bahn werfen, wenn morgens ein Kind blass und mit Halsschmerzen zum Frühstück kam und „Ich glaub, ich kann heut nicht zur Schule“ murmelte. Ich ging dann in meinem Kopf sofort sämtliche Termine und Telefonate durch, die deshalb schwieriger wahrzunehmen wären oder sogar verlegt werden mussten. Ein krankes Kind – das hieß nicht nur die Sorge um unsere Kleinen, Wadenwickel machen und Trost spenden. Das hieß auch oft einfach: Ich würde alles drum herum planen müssen. Das stresste mich sehr.

Auch bei dem Gedanken an sechs Wochen Sommerferien, in denen die Kinder frei hatten, ich als Selbstständige und mein Mann als Angestellter aber würden arbeiten müssen: Stress! Was trieben wir damals für einen Aufwand für Ferienfreizeiten und Co., um auch mal ein paar Stunden ungestört zu sein. Und wie sehr wir darüber heute lachen können!

Heute – gefühlt an Tag drölfhundert seit Beginn der Corona-Zeit. In der man rund um die Uhr mit drei Kindern zusammen ist. Und nicht nur das! Sie können nicht ausschlafen wie in den Ferien, sodass du morgens noch schnell ungestört etwas wegarbeiten kannst. Nein, sie müssen technisch und inhaltlich bei ihren Schulaufgaben begleitet werden. Ist das nicht unglaublich!?

Was uns früher umhaute, ringt uns heute nur noch ein Lächeln ab. Weil wir erfahren durften, was wir alles schaffen können, was alles gleichzeitig geht. Nicht, dass ich das gern als Dauerzustand hätte – auf keinen Fall! –, aber ich werde nie wieder so durchdrehen wie damals, wenn mal ein Kind krank wurde und zu Hause bleiben musste. Diese Pandemie hat mir gezeigt, wie gelassen ich sein kann. Dass die Kataströphchen von damals im Grunde Peanuts waren gegen das, was wir hier grad erleben.

Neben der Gelassenheit bringt Corona aber weitere Veränderungen mit sich. Wir mussten – wohl oder übel – versuchen, unser Glück in uns zu suchen, im Inneren. Kontakte nach außen sind weitgehend untersagt, Sportveranstaltungen nicht erlaubt, alles Kulturelle ist runtergefahren. Mal essen gehen im Restaurant, sich unter Leute mischen – das ist zurzeit nicht möglich.

Irgendwann saß ich erschöpft inmitten meiner Lieben und hörte mich mit hängenden Schultern sagen: „Alles, was Spaß macht, ist gerade nicht möglich.“ Alle Pflichten wie Arbeit und Schulaufgaben und Haushalt waren geblieben, aber die Leichtigkeit, die Abwechslung, der Ausgleich zerstoben.

Ich machte mich auf die Suche und nahm das Buch „Von jetzt auf Glück“ von Nicole Staudinger zur Hand. Sie schreibt darin: „Wartezeit ist auch Lebenszeit.“ Was sie damit sagen will: Es bringt nichts, die ganze Zeit auf die nächste Pressekonferenz mit den nächsten Inzidenzwerten und den nächsten Verschärfungen oder Lockerungen zu warten, denn: Wir leben jetzt. Wir müssen jetzt versuchen, das Beste aus der Situation zu machen. Also umdenken!

Was könnte mir denn in dieser Situation guttun? Ein Schaumbad in der Wanne? Ein Spaziergang in der Sonne? Netflix oder doch eine Runde Yoga? Ein Tag Streiken im Homeschooling? Was auch immer: Wir sollten es tun! Uns Gönner erlauben, uns selbst um unser Glück kümmern – wenn auch nur im Kleinen. Das haben wir gelernt in dieser Ausnahmephase. Und ich glaube, das werden wir auch in die Zeit hinüberretten, wenn das Leben wieder etwas geselliger wird. Und etwas abwechslungsreicher im Äußeren.

Wenn wir genau hinschauen, können wir auch oft mit einer neuen Perspektive an die Sache rangehen. Nicht nur die Sollseite betrachten, sondern auch die Habenseite. Ja, wir wären gern in einen Urlaub gen Süden aufgebrochen, aber dann hätten wir niemals unsere eigene Umgebung so ausgiebig erforscht und mal nach dem Schönen direkt vor unserer Haustür gesucht. Klar, wir hätten alle gern große Feste wie das Oktoberfest in München oder den Karneval in Köln gefeiert …

Aber wäre es nicht viel schlimmer, allein und krank im Bett zu liegen, während alle anderen feiern? So feiert eben niemand – und wir müssen nicht neidisch auf die anderen werden. Nicht, dass ich es nicht jedem gönnen würde, sich mal wieder mit Freunden bei lauter Musik all die Last von den Schultern zu schunkeln. Aber so kommt bei mir auch nicht mehr dieses neumoderne Gefühl des FOMO auf: „fear of missing out“, also die Angst, etwas zu verpassen. Die habe ich nicht mehr!

Nicht in den Winterferien, wenn alle Spaßfotos von sonnigen Skipisten und Après-Ski zeigen, ich aber mit der Familie zu Hause sitze, weil das in unserem Jahresbudget nicht drin ist. Und nicht angesichts üppiger Weihnachtsfeiern oder Team-Events, die ich als Selbstständige eh nie hatte.

Oder die Fragen an den Wochenenden: Gehe ich zu der Party oder nicht? Oder doch lieber ins Kino oder zur Galerie-Eröffnung? Raffe ich mich auf, lohnt sich das, oder verpasse ich was? Nein, in Corona-Zeiten verpassen wir nichts, es gibt keinen Freizeitstress, wir können uns zurücklehnen und in Ruhe überlegen, worauf wir wirklich Lust haben. Nie habe ich das klarer gesehen als jetzt. Denn was ich vermisse, zeigt mir, was für mich wirklich zählt.

Ich vermisse meine Freunde, ich vermisse Umarmungen, ich vermisse das Tanzen, Reisen, Reiten. Das alles fühlt sich ein bisschen an wie eine Fernbeziehung: Die Liebe ist da, man kann sie nur gerade nicht ausleben. Aber sie wird auch nicht geringer, sondern schlummert nur – und das Feuer wird wieder entfacht, wenn wieder alles möglich sein wird.

Die Pandemie lehrt uns viel über uns selbst. Auch, wie verletzlich wir sind. Wenn vermeintliche Selbstverständlichkeiten nicht mehr selbstverständlich sind. Und wenn du bei dem berühmten Satz von Karl Lagerfeld nur zustimmend schmunzeln musst: „Wer eine Jogginghose trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren.“ Denn ja: Wir tragen diese Hosen. Und wir haben durch Corona tatsächlich die Kontrolle über unser Leben so ein bisschen verloren. Das lässt uns oft an allem zweifeln, das macht aber eben auch noch etwas anderes mit uns.

Dankbarkeit – die hat uns diese Pandemie nämlich ebenfalls gelehrt. Dafür, dass wir bislang ein so schönes, unbeschwertes Leben führen durften. Dass wir eine Familie haben und hier nicht allein sitzen. Dass wir gesund geblieben sind und vorhaben, es weiterhin zu bleiben.

Und gerade die vielen Verzweiflungsmomente, die wir in dieser Pandemie zwischen Homeschooling-Rechnern und umgeworfenen Apfelschorlen und Businesstelefonaten erlebt haben, werden die Zeit danach noch ein Stück wertvoller machen. Weil wir gelernt haben, dass das alles nicht selbstverständlich ist, was wir da haben und erleben. Weil auch vermeintlich Normales so wahnsinnig wertvoll geworden ist – und wir das jetzt, da wir keinen Normalzustand haben, auch so klar sehen.

Wir haben das vorübergehend Verlorene zu schätzen gelernt. Und wir werden es in Ehren halten, bis wir wieder alle Möglichkeiten haben. Bis dahin versuche ich, das Beste aus den Tagen zu machen. Nicht immer gelingt das. Aber tatsächlich immer öfter. Und in einigen Bundesländern beginnt jetzt ja auch wieder so etwas wie Schulalltag.

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