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Seit wann helikoptern Eltern auf Reisen so übertrieben?

An dieser Stelle schreiben abwechselnd Lisa Harmann und Katharina Nachtsheim jede Woche über das Unterwegssein mit Kindern (und Mann). Heute stellen sie übertriebene elterliche Fürsorge auf den Prüfstand

Von:
Lesezeit: 6 Minuten
Lisa Harmann und Katharina Nachtsheim

Ach, damals, in unserer Kindheit, da zogen sich die Reisen ohne Tablets und technisches Zubehör noch so richtig wie Kaugummi für uns Kinder, wie Hubba Bubba. Und wenn wir damit genug Blasen gemacht hatten, spielten wir mit den Geschwistern so was wie Tier-Polonaise. Einer sagte ein Tier und das nächste musste dann mit dem Buchstaben anfangen, mit dem das letzte aufgehört hatte. Esel-Löwe-Elefant-Tiger … 

Ab und zu musste ich auch kotzen, bei Kurvenstrecken zum Beispiel. Fenster auf, raus. Tuch reichen, weiterfahren. Schlückchen Cola für den Kreislauf? Sobald es mir wieder besser ging, gab es bei uns immer Apfel- oder Schokoladenburger. Da wurden einfach Obst- oder Vollmilchstücke in ein Brötchen reingedrückt. Mir wird jetzt noch ganz warm ums Herz, wenn ich an diese außergewöhnlichen Reise-Snacks meiner Mutter denke. 

Die Zeiten, in denen Autos hinten noch keine Anschnaller hatten, in denen Familien mit sechs Kindern in ihrem VW Käfer einfach losfuhren, Kind 5 und 6 im Kofferraum, während die dauergewellten Mütter und die Vokuhila-Väter am besten noch rauchten … sie sind heut kaum noch vorhanden. Wir denken an sie, wenn sie uns von der Nostalgie-Facebook-Gruppe mit dem Namen „Geboren in den 80ern“ mal wieder Fotos in die Timeline gespült wird. Wirklich vorstellen können wir sie uns aber nicht mehr. 

Vergilbte Bilder in unserem Gedächtnis, entwickelt in der eigenen Dunkelkammer. Das sind längst vergangene Erinnerungen aus einer scheinbar fernen Epoche. Wenn man sich heute mal anschaut, welches Aufhebens zum Teil um das Reisen mit der Familie gemacht wird, wie sehr wir helikoptern und wie Polizeihubschrauber über den Dingen und den Kindern kreisen, um nur ja nichts aus dem Auge zu verlieren.

Da setzen sich Eltern zusammen und suchen den Urlaubsort danach aus, wie nah das nächste Krankenhaus liegt – falls was passiert. Die Reiseapotheke braucht fast einen eigenen Koffer, um für alle Eventualitäten gewappnet zu sein und im Grunde ist ein Anhänger nötig für all die Outfits, die jeder Wetterlage entsprechen müssen, von der Regenjacke über das Trägerkleidchen. Ach, und die Windjacke nicht vergessen. Und den Helm nicht für die Tandemfahrt übern Deich – oder noch verrückter: für den-E-Roller in der Stadt, um mal was ganz Verrücktes zu tun … aber klar, mit Kopfschutz, sicher ist sicher.

Es gibt sperrige Reiserücktrittsversicherungen und Netzbewertungen für Hotels, die akribisch wie ein wissenschaftlicher Essay auf alle Fürs und Widers abgescannt werden. WANN SIND WIR EIGENTLICH SO UNCOOL GEWORDEN? So unspontan und sicherheitsbedacht? 

Ich bewundere meine Eltern für ihren Gleichmut, wenn ich mal wieder spuckte. Statt gleich die Gift-Hotline anzurufen oder wegen Hirntumorverdachts in die nächste Klinik zu düsen, quittierten sie mein Rückwärts-Essen schlicht mit einem Schulterzucken. Wir neigen heute schon eher mal zum Hyperventilieren, wir wollen nichts falsch machen, möchten nichts übersehen. Wir nutzen Duftsprays gegen Kotzegeruch, wir lassen die Kinder nicht aus den Augen und im Urlaub möglichst wenig dem Zufall.   

Kein Wunder, dass Romane wie Tschick von Wolfgang Herrndorf so erfolgreich sind bei der heutigen Jugend. Das ist noch ein echter Roadtrip. Vollkommen ungeplant – und einfach los. Ab ins Abenteuer! Zwei Jungs auf dem Weg, zwei Kerle, die noch alles vor sich haben, so unterschiedlich in ihrem Sein, so ähnlich in ihrer Suche nach dem nächsten Adrenalinkick. Zwei Typen, die noch keine Angst haben, die den Schritt noch nicht weiterdenken, das „Hätte, Wäre, Könnte“ der Erwachsenen, die offenbar was Planbares wollen. Keine Überraschungen. 

Und woran liegt das? Ich glaub, ich weiß es. Ich glaube, ich habe das verstanden. Ich glaube, dass bei uns der Roadtrip im Inneren stattfindet. Dass das Leben mit der Familie die Reise unseres Lebens ist. Da tun sich in unserem Alltag manchmal Lianen auf, an denen wir uns durch den Dschungel schwingen können, da stehen wir manchmal unter Wasserfällen, da haben wir Begegnungen der dritten Art und da ist jeder Tag eine Überraschung.

Nichts ist mit Kindern doch mehr richtig planbar und natürlich übertreiben wir es auch mal mit Käseherzchen-Snacks und dem dauernden Kreisen um unsere Kids, aber noch mehr Adrenalin verträgt unser Körper in dieser schnelllebigen Welt aus angstmachender Konsumgutwerbung, aus Job-und-Familien-Vereinbarkeit und in Zeiten von weltweiten Pandemien wohl einfach nicht. Wir brauchen heute wohl wenigstens im Äußeren ein Gefühl von Kontrolle. 

Dabei mögen wir in unseren Windjacken mit Helmen vielleicht aussehen wie Lachfiguren, die man witzigerweise auch heute noch Otto nennt – Was für ein Otto! – aber im Grunde tobt unter der Funktionsjacke das pralle Leben. Das Leben mit Kindern. Der Roadtrip unseres Lebens. Mehr Adrenalin war nicht mal in anschnallerlosen Raucherautos.

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