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Erziehen wir Mädchen anders als Jungs?

Rundum den Weltfrauentag im März fragen sich Lisa Harmann und Katharina Nachtsheim, was es heutzutage heißt, Frau und Mutter zu sein. In dieser Folge machen sie sich Gedanken darüber, ob sie Jungs anders erziehen als Mädchen

Von:
Lesezeit: 4 Minuten
Lisa Harmann und Katharina Nachtsheim

Katharinas Frage:

Liebe Lisa, unsere Töchter haben vier Jahre Altersunterschied. Wenn ich deine Große anschaue, ist das immer wie eine Reise in die Zukunft. Wird meine Tochter auch bald bauchfreie T-Shirts tragen und sich mit ihrer Clique an der Bushaltestelle treffen? Wird sie sich auch bald mit Deo einsprühen und uns Eltern peinlich finden?

Gerade denkt ihr ja darüber nach, ob eure Tochter ein Schuljahr im Ausland verbringt. Ich bewundere dich dafür, wie du mit dem Thema umgehst. Du bist so voller Vorfreude, als würdest du selbst die Koffer packen. Du siehst nur die Chancen so eines Auslandsjahres – was deine Tochter alles lernen wird, wie sie das alles prägen wird. Ich habe noch nie gehört, dass du mit Sorgen auf diese Zeit blickst, dass du dir ausmalst, was schiefgehen könnte, dass du Angst hast. Du hast so großes Vertrauen in deine Tochter und kannst viel besser loslassen, als ich das kann.

Um ehrlich zu sein, ich hätte schlaflose Nächte, wenn meine bildhübsche Teenager-Tochter für ein Jahr auf der anderen Seite der Erde leben wollte. Ich bemerke: Meine Angst hätte vor allem damit zu tun, dass sie ein Mädchen ist. So viel zum Thema Gleichbehandlung von Söhnen und Töchtern. Warum bin ich da so rückständig? Gucken wir mal darauf, wie es in meiner eigenen Jugend war.

Ich bin das dritte von fünf Kindern, habe zwei ältere Brüder, von denen einer – um es vorsichtig auszudrücken – seine Grenzen ausgetestet hat. Man könnte meinen, dass er mir damit den Weg geebnet hätte … aber für mich als erste Tochter galten generell andere Regeln. Während meine Brüder schon früh von Partys nach Hause radeln durften, wurde ich abgeholt. Und zwar leider meist als Erste, weil meine Eltern keine Lust hatten, so lange wach zu bleiben. Wenn ich meckerte, dass meine Brüder in meinem Alter sehr viel mehr durften als ich, hieß es nur: „Du bist aber ein Mädchen.“ Das sollte also heißen, dass da draußen sehr viel mehr Gefahren für Mädchen als für Jungs lauern. Und das hat sich bei mir festgesetzt.

Tatsächlich merke ich, dass ich in ein ähnliches Denkmuster wie meine Eltern verfalle. Was ich nicht möchte. Ich möchte meinen Töchtern die gleichen Freiheiten schenken wie meinem Sohn. Ich will, dass alle meine Kinder stark und selbstbewusst in die Welt hinausgehen – egal, ob Junge oder Mädchen. Ich will schauen, dass ich meine Kinder so ins Leben begleite, dass keines von ihnen zur Gefahr für andere wird noch selbst in Gefahr gerät. Vielleicht werde ich zu gegebener Zeit also nicht nur die Mädels bei einem Selbstverteidigungskurs anmelden, sondern alle drei Kinder. Um es gleichberechtigt zu halten und trotzdem mein Kopfkino zu überlisten. Lisa, verrate mir doch bitte: Was ist dein Geheimnis? Warum bist du so verdammt cool?

Lisas Antwort:

Liebe Katharina, wie kommst du darauf, dass ich keine schlaflosen Nächte habe? Natürlich habe auch ich die. Ich möchte, dass weder meiner Tochter noch meinen Söhnen da draußen etwas passiert. Klar habe auch ich Sorgen, aber ich habe keine Lust, ihnen das Regiment zu überlassen.

Unsere Kinder sollen ihr Leben voll auskosten und das Beste draus machen können. Ich wünsche ihnen die fabelhaftesten Erfahrungen, die intensivsten Begegnungen, die größtmöglichen Abenteuer. Die werden sie aber wohl nicht in unseren eigenen vier Wänden erleben … Unsere Sorgen sind der Preis für ihre Unabhängigkeit. Und den möchte ich gern bezahlen, weil ich es selbst nicht anders erfahren habe.

Als ich meinen Eltern damals – als blondes Mädchen im Alter von 15 Jahren – verkündete, ich würde jetzt ein halbes Jahr nach Kolumbien wollen, haben sie auch erst mal geschluckt. „Kolumbien? Geht‘s noch schlimmer?“ Aber ich hatte Austauschschüler von der Deutschen Schule in Bogotá kennengelernt, wollte eh schon immer Spanisch lernen und dachte: „Das ist es! Das will ich machen.“ Und nach einigen Diskussionen mit meinen Eltern war klar: „Wenn das dein Traum ist, dann zieh es durch.“ Das liegt aber vielleicht auch daran, dass meine Familie mit recht vielen Schicksalsschlägen zu tun hatte.

Nun könnte man meinen: Gerade dann könnten meine Eltern Angst um mich und meinen Bruder gehabt haben. Und die hatten sie vielleicht auch. Aber ihre Strategie war: Lebensfreude statt Lebensangst. Lasst uns jeden Tag nutzen, den wir haben! Mich hat das sehr geprägt. Und so gebe ich es auch als Mama an meine eigenen Kinder weiter.

Ob ich da Unterschiede bei meiner Tochter und meinen Söhnen mache? Wenn ich ganz tief in mich hineinhorche, mache ich mir zugegebenermaßen ein bisschen weniger Sorgen um meine Tochter als um meine Söhne. Nicht, weil sie so viel vernünftiger und verantwortungsbewusster wäre, sondern weil ich das Gefühl habe, der Gruppenzwang unter Jungs könnte später größer sein, was Alkohol oder Mutproben angeht. Und weil ich mich vor Prügeleien fürchte, die dann böse enden könnten. Ich habe in meinem Beruf als Journalistin einfach viel zu oft davon gelesen.

Trotzdem würde ich auch meine Jungs unterstützen, wenn sie demnächst vorhätten, es ihrer Schwester gleichzutun und mal eine Zeit im Ausland zu verbringen. So durfte, genau wie ich, damals auch mein Bruder ins Ausland. Wir haben erst aus der Ferne so richtig erkannt, was wir an unserem Zuhause, an unseren liberalen Eltern eigentlich hatten.

Und als Mutter merke ich jetzt, dass die Aussicht darauf, demnächst einige Monate getrennt von unserer Großen zu sein – und später vielleicht auch von unseren Jüngeren – uns die Tage zu Hause noch mal viel intensiver erleben lässt. Weil wir einfach nicht wissen, wie viele davon wir noch gemeinsam haben!

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