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Ich selbst

Thilo Mischke trifft jeden Monat besondere Menschen auf seinen Reisen. Diesmal macht er eine ganz besondere Begegnung – mit sich selbst

Von:
Lesezeit: 2 Minuten
Anje Jager

Ich springe in den Zug nach Hamburg, wie schon oft in meinem Leben. Diese Verbindung zwischen Berlin und der Hafenstadt ist für mich wie für andere der Weg zum Bäcker. Im Wagen: noch immer wenige Menschen, die zu befreienden Gesprächen bereit sind. Ich versuche, mich mit mir selbst zu beschäftigen, was immer schwerer wird. Netflix: leer geguckt. Ich habe 2021 bereits 15 Bücher gelesen, ein neues Hobby entwickelt (Schnitzen) und mich mit dem Joggen angefreundet. Ich kann mich nicht mehr ablenken. Mein Leben ist eine einzige Ablenkung von der Wirklichkeit geworden. Es scheint nicht nur mir so zu gehen. Ich scrolle durch die Social-Media-Profile meiner Freunde. Immer die gleichen Bilder: selbst gebackene Brote, gehäkelte Schals, gestickte Bilder. Diese Pandemie verwandelt uns in unsere Großeltern.

Ich scrolle, bis ich auf einen Intelligenztest stoße. „In nur 25 Minuten zum Ergebnis“, steht da. Diese Tests existieren, seit es Werbung auf Facebook gibt. Nur einmal habe ich einen Intelligenztest gemacht: bei der Musterung, als ich Soldat werden sollte. Noch 45 Minuten bis Hamburg, ich mache das jetzt, denke ich. „Der Durchschnitt in Deutschland ist 100 IQ Punkte“, steht dort – dass schaffe ich doch besser! Frage 1: Folgen vervollständigen. Ich erkenne Muster, und es fällt mir sehr leicht, fühle mich sofort wie Dustin Hoffman als „Rain Man“, alles scheint einfach und lösbar. Ich bin so klug, denke ich, meine Lehrer hatten unrecht! Nach 23 Minuten erreiche ich das Ende des Tests: Ich soll Buchstabenrätsel lösen. “Buchstaben sind mein Beruf!”, sage ich mit lauter innerer Stimme zu mir. Und schließe den Test ab.

„Für 14,95 Euro erhalten Sie das Ergebnis und ein offizielles Zertifikat“, sagt die Website – ich zögere kurz. Was mache ich damit, kann ich es mir an den Lebenslauf hängen? Ich zücke meine Kreditkarte. Weil der Test so einfach war, will ich es jetzt wissen. „Toll, dass Sie den Test beendet haben“, sagt die Webseite. „Das schaffen nicht viele!“, ermuntert sie mich noch. Ich bezahle.

„Einen Moment, Ihr Ergebnis wird berechnet.“ Ich bin ungeduldig, stelle mir Mitarbeiter vor, die meine schlauen, schnellen Ergebnisse analysieren. „Ihr IQ beträgt…“, steht dort, „100.“

Ich bin enttäuscht, stecke mein Handy weg und stelle mein Leben infrage.

In Hamburg werde ich abgeholt. Ich erzähle meiner Begleitung, dass ich diesen IQ-Test gemacht habe, berichte von dem Ergebnis. Sie lacht und sagt: „Der wirkliche Test findet vorher statt.“ Wie sie das meine, will ich wissen. „Wer auf solchen Nepp nicht reinfällt, hat schon vorher bewiesen, dass er nicht doof ist“, gibt sie zurück. Und lacht noch lauter.

Unser Kolumnist
Für seine Reportagen ist der Journalist und Autor Thilo Mischke rund 160 Tage im Jahr unterwegs – auf Reisen hat er viel Zeit, um Spiele zu testen. In „Mein neuer Nachbar“ erzählt er von Begegnungen mit Sitznachbarn, die ihn nicht losgelassen haben. Im Podcast „Saubere Sache“ spricht er mit DB-Mitarbeitern und mit Eckart von Hirschhausen über das Reisen in Corona-Zeiten (erhältlich etwa bei Spotify und Apple Podcasts).

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