Die Urlauberin

Thilo Mischke trifft jeden Monat besondere Menschen auf seinen Reisen. Diesmal eine Frau, die in den Urlaub fährt – zu ihren Eltern.

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Lesezeit: 2 Minuten
Anje Jager

Da sitzen wir nun gemeinsam in diesem leeren Zug. Ich an einem Vierertisch. Und ein weiterer Gast am anderen Ende des Wagens, neben der Tür. Seit Zugfahren zur oft einsamen Angelegenheit geworden ist, langweile ich mich. Ich finde keine Zerstreuung mehr durch die fremde Nähe meiner Mitreisenden. Ich kann keine Kreuzworträtsel meines Nachbarn im Kopf mit lösen, im Speisewagen niemandem Gespräche aufdrängen, selbst das Lesen macht keinen Spaß. Aber immerhin rollen die Züge überhaupt, bringt die Bahn all jene, die jetzt reisen müssen, an ihr Ziel.

„Und wo fahren Sie hin?“, rufe ich durch den Wagen, einfach, weil es geht. Es wird ja niemand gestört. „Eigentlich nach Thailand“, ruft sie, aber so wie ihre Stimme abbricht, höre ich, dass sie es lieber flüstern möchte. „Oha!“, rufe ich. Thailand. Sehnsuchtsdestination im totalen Lockdown – kaum ein Land hat so geringe Infektionszahlen, aber auch wenige so rigorose Gesetze. Reisen in diesen Zeiten gelten als Frevel, vor allem wenn sie privater Natur sind.

Ich frage, ob ich näherkommen darf, nur ein paar Reihen, ich halte mich an die Regeln, weil ich es als meine Pflicht empfinde. Sie nickt. „Ich wollte nach Frankfurt, aber ich habe die Reise abgebrochen“, erzählt sie. „Jetzt fahre ich zu meinen Eltern und ziehe bei ihnen ein.“ Wir sprechen über das Reisen. „Thailand wäre sowieso nicht das Gleiche wie mit Touristen“, sagt sie. Ich widerspreche, Thailand ist auch ohne andere Reisende wunderschön.

Mit einem Vergleich erklärt sie mir, was sie meint. Sie studiere in Berlin. Die Stadt lebe vom Lärm der Clubs, von den Möglichkeiten, sich selbst und viele fremde Menschen kennenzulernen. Vor Corona war Berlin einzigartig. Jetzt ist es wie jeder Ort auf der Welt: leer. Und langweilig. „Wir brauchen aber andere, die uns erzählen, wie aufregend das ist, was wir gerade erleben.“

Sie spricht von der Einsamkeit in der Großstadt, den ausgestorbenen Plätzen, sie erzählt auch von der Sehnsucht nach zu Hause. „Denn dort kann ich meine Sorgen teilen“, erklärt sie. „So wie mit Ihnen.“ Ich sehe darüber hinweg, dass sie mich siezt, obwohl ich sie duze.

Noch ein Schluck Kaffee, dann ein Blick auf eine Landschaft, die so winterlich starr ist, dass einem kalt wird. „Ich war selten so optimistisch“, sagt sie plötzlich – und deutet auf die knotigen Äste frierender Birken, auf den Schnee, der die Arme der Kiefern niederdrückt. „Das erinnert mich daran, dass nach großer Wintertraurigkeit auch wieder gute Tage kommen.“

Dann blicken wir beide aus dem Fenster und denken an den Frühling, an bessere Zeiten.

 

Unser Kolumnist
Für seine Reportagen ist der Journalist und Autor Thilo Mischke rund 160 Tage im Jahr unterwegs. In „Mein:e neue:r Nachbar:in“ erzählt er von Begegnungen mit Sitznachbar:innen, die ihn nicht losgelassen haben. Im Podcast „Saubere Sache“ spricht er mit DB-Mitarbeitenden und mit Eckart von Hirschhausen über das Reisen in Corona-Zeiten (erhältlich etwa bei Spotify und Apple Podcasts). 

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