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Die Assistentin

Thilo Mischke trifft jeden Monat besondere Menschen auf seinen Reisen. Diesmal eine Frau, die aus einem Hirngespinst ein Produkt macht

Von:
Lesezeit: 2 Minuten
Anje Jager

Fünf Stunden irgendwas braucht mein Zug nach München, unterwegs will ich lesen und schreiben. Und meine Ruhe, weil es gerade eh nicht leicht ist, das Gespräch zu suchen mit anderen Fahrgästen.

Als ich vor meinem Abteil stehe, stelle ich etwas erschrocken fest, dass ich nicht allein bin. An meinem Tisch sitzt eine Frau, etwas jünger als ich, geschäftiger Blick. Vor ihr ein Laptop, schon aufgeklappt. Die Haut der Hände winterrot. Sie muss mit mir in Berlin eingestiegen sein und sofort mit dem Arbeiten begonnen haben. Unter dem Tisch liegt ein Hund.

„Schönen Hund haben Sie“, sage ich und stelle fest, dass ich noch nie im Leben ein Gespräch so begonnen habe. Bin eher Katzenfreund.

„Mhm“, sagt sie, blickt kurz auf. „Darf ich den streicheln?“ Sie antwortet nur mit ihrem Blick. Ich darf ihn nicht streicheln.

Mit meiner Neugierde grätsche ich erst dann in ihr Leben, als sie mich fragt, ob das Bordbistro offen sei. Bis zu diesem Moment hat sie ganze zwei Stunden am Stück getippt. „Ja“, sage ich. „Ich bringe Ihnen einen Kaffee, wenn Sie mir sagen, was Sie da so konzentriert machen.“

Dann erzählt sie mir von ihrem Beruf, sie sei Assistentin. Da ich keine Vorstellung habe, was das ist, sage ich unhöflicherweise: „Sekretärin?“

Sie berichtigt mich, nicht eitel, nicht überheblich. Nein, sie arbeite für die Geschäftsleitung eines Start-ups. Der kleinste Teil ihrer Arbeit sei es, Termine zu machen. Die meiste Zeit verbringe sie damit, aus Ideen, aus zugeworfenen Worten und Gedankenfetzen Konzepte zu erarbeiten.

“Macht das Spaß?“, will ich wissen und kann es mir nicht vorstellen. „Natürlich“, sagt sie und streichelt jetzt mit beiden Händen den Hund.

Ein Gedankenblitz allein würde nicht ausreichen. Es brauche auch jemanden, der sich darum kümmert, ihn umzusetzen. Nicht in Geld, nicht in Erfolg, sondern einfach in einen verwirklichten Traum. Das würde sie tun.

Dann nennt sie – unter dem Siegel der Verschwiegenheit – Menschen, für
die sie bereits tätig war. Ich bin beeindruckt.

„’Tippse’ werden wir noch immer genannt.“, sagt sie. „Aber was wir wirklich machen, ist …“, und es klingt, als würde sie einer geheimen Gilde angehören, „… aus einem Hirngespinst ein Produkt.“

Sie hat einen besonderen Beruf, denke ich, so uneigennützig und umsichtig. Sie muss Aufgaben erkennen, bevor sie zur Aufgabe werden. Als wir uns verabschieden, gibt sie mir mein Notizbuch. „Haben Sie vergessen!“

Unser Kolumnist
Für seine Reportagen ist der Journalist und Autor Thilo Mischke rund 160 Tage im Jahr unterwegs – auf Reisen hat er viel Zeit, um Spiele zu testen. In „Mein neuer Nachbar“ erzählt er von Begegnungen mit Sitznachbarn, die ihn nicht losgelassen haben.

Im Podcast „Saubere Sache“ spricht er mit DB-Mitarbeitern und mit Eckart von Hirschhausen über das Reisen in Corona-Zeiten (erhältlich etwa bei Spotify und Apple Podcasts).

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