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Der Unternehmer

Thilo Mischke trifft jeden Monat besondere Menschen auf seinen Reisen. Diesmal: Einen Mann der gerne optimiert.

Von:
Lesezeit: 5 Minuten
Illustration Thilo Mischke
Anje Jager

Im Laufe dieser Kolumne mag aufgefallen sein, dass der Speisewagen mein Lieblingsort im Zug ist. Aus einem einfachen Grund: Ob ich in einem kleinen Abteil oder im Großraumwagen Platz nehme, immer habe ich das Gefühl, im Feierabend-Wohnzimmer zu sitzen. Dann ziehe auch ich die Schuhe aus, esse und krümele dabei auf meine Brust, gucke Serien und atme dabei laut durch die Nase. Kommunikative Stimmung kommt dabei selten auf.

Anders im Speisewagen. Ich erinnere mich an eine Situation, die schon einige Jahre zurückliegt. Draußen ist es dunkel, später Nachmittag, und an einem Tisch sitzt ein sehr gepflegter Mann. Er ist in meinem Alter, trägt die grauen Haare adrett, dazu teure Kleidung. Er beobachtet sein Besteck. Schiebt es parallel zur Tischkante, dann will er bestellen.

„Ich nehme das Chili“, sagt er laut zu sich. Und zögert. „Nein, ich nehme den Salat, aber ohne Huhn“, dann guckt er kurz aus dem Fenster. „Oder doch lieber ein Stück Kuchen“, er kann sich nicht entscheiden. Ich setze mich näher zu ihm, wir nicken uns zu und beginnen ein Gespräch. Dabei richtet er auch seinen kostspieligen Computer im rechten Winkel zu Messer und Gabel aus, in seiner Geldbörse erkenne ich eine Tesla-Schlüsselkarte. Unsere Unterhaltung zieht vorüber wie die blattlosen Birken am Gleisbett. Er arbeitet als Unternehmensberater, organisiert, strukturiert, optimiert. Mittlerweile hat er auch mein Glas am für ihn richtigen Ort positioniert. Man könnte sagen: Der Tisch ist optimiert.

„Kennen Sie sich auch mit Aktien aus?“, will ich von ihm wissen, weil Unternehmensberater für mich immer mit Aktien handeln. „Nein, das ist doch Glücksspiel“, sagt er und erzählt von Freunden, die stündlich ihre Depots kontrollieren. Die wie hypnotisiert auf die Zahlen starren, wie sie manchmal steigen und öfter fallen. Das sei doch kein Leben, man habe schon genug Ängste. Dann öffnet der Mann eine App auf seinem Handy, zeigt mir seine Aktien. „Die habe ich aus Spaß“, sagt er. Für rund 1000 Euro. „Aktien sind pures Chaos“, ergänzt er, „das Gegenteil von mir!“ 

„Und wie sorgen wir nun vor?“, frage ich, wo Politiker wünschen, dass wir unsere Rente auch mit Aktiengeschäften erwirtschaften. Der Mann lacht und sagt: „Einfach an alles denken, von Versicherungen bis zum Sparstrumpf. Vergleichen und mit Beratern wie mir sprechen. Nur eben für Aktien.“ Da tritt der Kellner an den Tisch. „Sie müssen schon noch was bestellen“, sagt er streng zu dem Unternehmer und sieht mich flehentlich an. „Nehmen Sie das Chili“, sekundiere ich, „darauf kann man sich verlassen.“

Unser Kolumnist 
Für seine Reportagen ist der Journalist und Autor Thilo Mischke rund 160 Tage im Jahr unterwegs. In „Mein neuer Nachbar“ erzählt er von Begegnungen mit Sitznachbarn, die ihn nicht losgelassen haben.

Im Podcast „Saubere Sache“ spricht er mit DB-Mitarbeitern und mit Eckart von Hirschhausen über das Reisen in Corona-Zeiten (erhältlich etwa bei Spotify und Apple Podcasts).

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