Der Philosoph

Thilo Mischke trifft jeden Monat besondere Menschen auf seinen Reisen. Diesmal: den Philosophen

Von:
Lesezeit: 2 Minuten
Anje Jager

Es müsste längst wärmer sein, denke ich beim Blick aus dem Fenster. Ich fahre nach Nordbrandenburg, auf dem Schoß ein Buch, draußen wechselt sich Regen mit etwas ab, das ich nie verstanden habe: Graupel.

Mir gegenüber sitzt ein Mann, schmale Figur, mittellanges Haar, eine aufdringliche Brille, die in seinem Gesicht aber nicht auffällt, weil es markant ist. Die Kleidung: akkurat, als hätte er kleine Stäbe darin angebracht, damit sie immer sitzt. Er liest auf einem E-Reader, bewegt dabei die Lippen. Ich beobachte ihn eine Stunde lang, und er verändert nicht einmal seine Haltung.

Dann spreche ich ihn an: „Was lesen Sie da?“

Erschrocken blickt er auf, als hätte ich ihm eine Backpfeife verpasst. „Eine Vorlesung – ich bereite eine Vorlesung vor“, sagt er, als müsste er sich rechtfertigen. Mir fällt sofort sein universitärer Tonfall auf. Er spricht gleichmäßig, ohne Begeisterung, seine Stimme wird lauter oder leiser, mehr nicht.

Ich will nun alles wissen: Ob er Professor sei? Nein. Ob er am universitären Apparat verzweifeln würde? Ja. Was sein Fach sei? Philosophie. „Jemand, der Denken lehrt“, sage ich bewundernd, und er nickt bescheiden. Ich weiß wenig über Philosophie, zumindest spüre ich das, weil es für Partygespräche nicht ausreicht. Irgendwann frage ich ihn, warum wir im 21. Jahrhundert nicht mehr debattieren können. Sondern nur noch streiten.

Wir vertiefen uns in ein Gespräch, hören nicht mal den Dreiklang der Haltestellenansagen. „Wir leben in einer fragmentierten Gesellschaft“, sagt er und erläutert es. Dass viele sich nicht mehr miteinander einigen könnten, dass es immer kleinere Gruppen gebe, mit immer stärkeren Meinungsansprüchen. „Wer nicht in ihrem Sinne handelt, wird mundtot gemacht. Jeder belehrt jetzt jeden.“ Aber eine starke Meinung zu haben sei doch progressiv, versetze ich. „Nein“, sagt er vehement. Wer moralisch argumentiere, ersticke jede Diskussion. Und es sei egal, welche Kreise man betrachte. Rechts, Mitte, links, ob es ums Klima gehe oder um die Elektromobilität: Wir würden uns immer weiter voneinander wegbewegen. „Wie im Weltraum?“, frage ich. „Wie die Sterne, und irgendwann steht alles still?“ Ich fühle mich sehr schlau bei diesem Vergleich. Er nickt und sagt: „Genau, und was ist die Konsequenz dieser sogenannten Entropie?“ Wenn wir uns nur noch hinter unseren vermeintlich richtigen Meinungen verschanzen würden, sei alles vorbei.

Mich macht es schlagartig traurig. „Was ist eigentlich Graupel?“, frage ich, auch um jetzt abzulenken. „Na, Schneeregen“, sagt er und liest weiter auf seinem E-Book.

Unser Kolumnist
Für seine Reportagen ist der Journalist und Autor Thilo Mischke rund 160 Tage im Jahr unterwegs – auf Reisen hat er viel Zeit, um Spiele zu testen. In „Mein:e neue:r Nachbar:in“ erzählt er von Begegnungen mit Sitznachbar:innen, die ihn nicht losgelassen haben. Im Podcast „Saubere Sache“ spricht er mit DB-Mitarbeitenden und mit Eckart von Hirschhausen über das Reisen in Corona-Zeiten (erhältlich etwa bei Spotify und Apple Podcasts).

Schreiben Sie uns!

Der Artikel hat Ihnen gefallen, Sie haben eine Frage an die Autorin/den Autor, Kritik oder eine Idee, worüber wir einmal berichten sollten? Wir freuen uns über Ihre Nachricht.

Teilen