Der Mann mit Herz

Thilo Mischke trifft jeden Monat besondere Menschen auf seinen Reisen. Diesmal einen Mann mit unruhigem Herzschlag.

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Lesezeit: 2 Minuten
Illustration Thilo Mischke
Anje Jager

Gerade im Dezember ist der letzte Zug abends von Hamburg nach Berlin ein ganz besonderer. Nur wenige Menschen nutzen ihn, vielleicht strahlt er deshalb eine fast besinnliche Atmosphäre aus. Obwohl die Fahrt nur anderthalb Stunden dauert, fühle ich mich oft wie in einem Nachtzug, der weit in den Süden rollt. Nach Rom, nach Wien, vielleicht nach Budapest.

Die Menschen tragen eine erarbeitete Jahresenderschöpfung mit sich. Sie legen ihre dicken Jacken ab, strecken besockte Füße unter den Sitz gegenüber, lösen ihre Hosengürtel. Auf ihren Computern schauen sie Serien, für die sich niemand in ihrer Familie oder in ihrem Freundeskreis interessiert. Der letzte Zug des Tages, er wird zum Wohnzimmer für die Pendler in diesem Land. 

Mir gegenüber saß vor Jahren ein Mann im Speisewagen, der seinen Wollpullover auszog und sein Hemd fast bis zum Bauchnabel öffnete. Er trank ein Bier und schwitzte stark. Ich machte mir Sorgen, weil die Klimaanlage sirrte und das kalte Bier ihn doch abkühlen müsste. Er japste nach Luft. „Ist alles okay?“, wollte ich von ihm wissen, doch er sagte nichts. „Ich mache mir Sorgen“, sagte ich. „Irgendwas stimmt nicht“, flüsterte er und zeigte auf seine Brust. „Mein Herz klopft durcheinander.“

Ich kam in den Erste-Hilfe-Modus. Wäre ich nicht Journalist geworden, so unsäglich faul gewesen, und wäre mein Abitur nicht so schlecht, würde ich heute als Arzt arbeiten. Um diesem unerreichbaren Traum doch noch irgendwie nahezukommen, habe ich mir ein passables Wissen zu Krankheiten, Symptomen, Brüchen und Viren angeeignet.

Ich versuchte, ihn abzulenken. „Was machen Sie beruflich?“, fragte ich ihn, als ich meine Armbanduhr mit der EKG-Funktion abnahm und ihn bat, seinen Hemdsärmel an einem Handgelenk etwas zurückzuschieben.

„Ich bin Journalist“, sagte er. „Wie ich“, entgegnete ich, als ich die EKG-App startete. Der Mann redete weiter, er drehe Filme im Ausland, vergaß beim Reden sein unruhiges Herz, und ich spürte, dass zumindest für seine Arbeit das Herz richtig schlägt. „Mein Herz hat öfter schon gesponnen“, sagte er. Und meinte die Berufskrankheit Hektik, die jeder Journalist kennt.

„Ich bin kein Arzt“, sagte ich. „Aber die vielen kleinen Ausschläge, das sieht nach Vorhofflimmern aus. Holen wir einen Zugbegleiter?“ Er guckte mich erleichtert an. „Das hatte ich schon öfter“, und augenblicklich schien sich sein Kreislauf zu stabilisieren. Er trank sein Bier aus.

Bis Berlin sprach er von seiner Arbeit, von seinem Leben. Seither schreibe ich ihm öfter. Es geht ihm gut.

Unser Kolumnist
Für seine Reportagen ist der Journalist und Autor Thilo Mischke rund 160 Tage im Jahr unterwegs. In „Mein neuer Nachbar“ erzählt er von Begegnungen mit Sitznachbarn, die ihn nicht losgelassen haben.

Im Podcast „Saubere Sache“ spricht er mit DB-Mitarbeitern und mit Eckart von Hirschhausen über das Reisen in Corona-Zeiten (erhältlich etwa bei Spotify und Apple Podcasts).

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