Der Fussballfan

Thilo Mischke trifft jeden Monat besondere Menschen auf seinen Reisen. Diesmal einen Fußballfan.

Von:
Lesezeit: 2 Minuten
Zeichnung Portrait Mischke
Anje Jager

Von jeher gibt es Leute im Zug, vor denen ich Respekt habe: Fußballfans. Ich vermute, ein Trauma in meiner Kindheit hat das ausgelöst: Mein Vater und ich, auf dem Weg in den Harz, an einem Samstag. Die Türen der Regionalbahn öffnen sich, und wie aus der Pelle gedrückte Leberwurst gleiten unzählige Fußballfans in die Abteile – bunt gekleidete Männer mit Oberlippenbärten, sie sind laut, manche offenbar alkoholisiert …
Ich denke über meine Erfahrungen in der Bahn mit Sportfans nach, weil mir einer gegenübersitzt. Ein Mann, vielleicht in meinem Alter, er strahlt eine freundliche Abwesenheit aus. Er kann nicht ins Stadion unterwegs sein, die Spiele finden ja ohne Zuschauer:innen statt. Aber er trägt einen Schal, auf dem der Name einer Mannschaft steht.

„Großer Fan?“, frage ich, der Mann blickt mich erschrocken an. „Ja“, sagt er und nestelt an seinem Schal. „Sie müssen sich nicht schämen“, sage ich. „Tu ich nicht“, gibt er zurück. „Ich finde dieses Fantum nur ein bisschen peinlich.“ Das überrascht mich. Ich nahm immer an, dass die Entscheidung, einen Verein zu verehren, der für eine Tätowierung gleichkommt: gilt für immer, kann ein Fehlgriff sein, muss man aber mit leben. Er lacht, als ich den Gedanken erläutere. Früher sei es ihm wichtig gewesen, zu jedem Auswärtsspiel zu fahren. In der Kurve zu stehen, laut zu sein. „Das Gruppengefühl, zusammen in Kneipen sitzen, die Aufstellungen analysieren – das gab meinem Leben Sinn und irgendwie auch eine Struktur“, erzählt er mir.
Fußball ist immer.

Ich erzähle ihm, dass ich Fußball nicht wirklich aufregend finde, aber trotzdem mitgefiebert habe, als Island bei der WM 2018 dabei war. Freute mich auf die Spieltage, schmierte mir sogar Farbe ins Gesicht. „Zum ersten Mal konnte ich das alles ein bisschen nachvollziehen“, sage ich.
Er unterbricht mich plötzlich: „Vielleicht sollte man aufhören, hinter allem einen Sinn zu suchen.“ Früher sei er auch zum Fußball gegangen, weil seine Freunde es taten, heute sei dem nicht mehr so. „Das Beste am Fußball ist, dass es nicht sinnvoll sein muss. Ich gehe einfach hin, sehe es mir an, es ist wie laufen, wie atmen. Man macht es eben“, sagt er. Immer nach Sinnhaftigkeit zu suchen sei anstrengend. Fußball habe ihn gelehrt, dass dieser Sport wie das Leben ist: Man sollte es einfach mal passieren lassen.
Als wir uns verabschieden, sage ich Danke. „Warum?“, will er wissen. „Sie haben mir geholfen, ein kindliches Trauma zu überwinden“, antworte ich.

Unser Kolumnist
Für seine Reportagen ist der Journalist und Autor Thilo Mischke rund 160 Tage im Jahr unterwegs. In „Mein:e neue:r Nachbar:in“ erzählt er von Begegnungen mit Sitznachbar:innen, die ihn nicht losgelassen haben. Im Podcast „Saubere Sache“ spricht er mit DB-Mitarbeitenden und mit Eckart von Hirschhausen über das Reisen in Corona-Zeiten (erhältlich etwa bei Spotify und Apple Podcasts).

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