Das Kind

Thilo Mischke trifft jeden Monat besondere Menschen auf seinen Reisen. Diesmal das Kind.

Von:
Lesezeit: 2 Minuten
Zeichnung Portrait Thilo Mischke
Anje Jager

Es ist Abend, ich sitze in meine Jacke eingemummelt, den Kopf an die Scheibe gelehnt, im Zug. Und werde beobachtet – von einem Kind, vielleicht acht Jahre alt, es kann aber auch 13 oder fünf sein. Ich bin sehr schlecht im Schätzen des Menschenalters. „Was liest du da?“, fragt das Kind. Ich will mich eigentlich nicht unterhalten. „Lass den Mann doch in Ruhe, der liest gerade“, sagt der Vater des Kindes, der mir schräg gegenübersitzt. „Nee, nee“, beschwichtige ich. „Kein Problem, ist ja auch ein Jugendbuch.“ Und sage den Titel: „Insel der blauen Delfine“. Natürlich möchte das Kind wissen, worum es geht, und ich erzähle bereitwillig die Handlung: Ein junges Mädchen strandet auf einer Insel und muss dort lernen zu überleben. „Ein bisschen wie Robinson Crusoe, nur cooler“, sage ich.

Darauf bekomme ich viele Fragen: Wer wohl Robinson Crusoe sei, wie es sei, auf einer Insel zu leben, warum das Mädchen dort sei, was es essen würde und ob es Delfinfreunde habe. Der Vater blickt mich nochmals entschuldigend an und ich gebe mit den Augen an meiner Maske vorbei zu verstehen, dass es okay sei, sich zu unterhalten. „Es ist doch lustig, und ich rede gerne über Bücher“, sage ich, als wäre das Kind nicht da.

„Und warum liest du ein Kinderbuch?“, fragt das Kind. „Weil Jugendbücher oft schön geschrieben sind, man kann sich in solche Bücher hineindenken, als wäre man da.“ Ich lese ab und zu alte Jugendbücher, aber auch neue, weil ich wissen will, was die junge Generation beschäftigt, wovon sie träumt. „Insel der blauen Delfine“ habe ich das letzte Mal vor 20 Jahren gelesen. Ich wollte meine Erinnerung auffrischen. „Und weil wir gerade nicht weit reisen können, reise ich eben mit diesem Buch“, sage ich. Und werde im selben Moment traurig, weil ich das Reisen, wie jeder andere auch, sehr vermisse. Wir sprechen nun über Urlaube, der Vater erzählt von Stränden, das Kind von Poolanlagen, ich von meinen Lieblingsinseln. Zu dritt träumen wir uns in 90 Minuten einmal um den Globus. Und es macht uns sehr glücklich.

Plötzlich blickt das Kind uns beide – also den Vater und mich – konsterniert an. „Dann ist das doch gar kein Jugendbuch“, sagt es. „Es ist doch ein Buch für alle, wenn wir alle darüber reden?“ Ich antworte, ein wenig altklug: „Es ist eigentlich ein Flugticket, an den Strand, auf die Insel, an den Pool.“

Ob ich erzählen solle, wie das Buch ausgeht? Sowohl Vater als auch Tochter schütteln den Kopf. Dann sagt der Vater zu ihr: „Wir werden uns das Buch nachher im Bahnhof auch kaufen und heute Abend noch ein bisschen länger Urlaub machen, auf einer Insel, mit blauen Delfinen, oder?“

Unser Kolumnist
Für seine Reportagen ist der Journalist und Autor Thilo Mischke rund 160 Tage im Jahr unterwegs – auf Reisen hat er viel Zeit, um Spiele zu testen. In „Mein neuer Nachbar“ erzählt er von Begegnungen mit Sitznachbarn, die ihn nicht losgelassen haben. Im Podcast „Saubere Sache“ spricht er mit DB-Mitarbeitern und mit Eckart von Hirschhausen über das Reisen in Corona-Zeiten (erhältlich etwa bei Spotify und Apple Podcasts).

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