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Schafft das Alter ab!

Über Vieles dürfen wir selbst bestimmen – nur das Alter ist festgeschrieben. Dabei sage das Geburtsdatum nicht viel aus, meint unser Autor. Er offenbart seine Erfahrungen, erzählt von Datingchancen und fernen Kulturen – nur nicht, wie alt er ist

Von:
Lesezeit: 10 Minuten
©Frank Höhne

Letztens hat es mich wieder eingeholt. Es ging um meine Party, runder Geburtstag und so. Wie feiert man den jenseits der 40? Und in diesen Zeiten? Schon der Anlass ist wie ein Offenbarungseid. „Was, du bist schon so – alt?“, hörte ich Freunde fragen. Da war es wieder, das Alter. Wie ein Kumpel aus grauer Schulzeit, den man kaum erkennt, der einen aber immer wieder daran erinnert, dass man mit ihm einen Jahrgang teilt. In Gedanken diskutiere ich gerade mit ihm, wie ich feiern möchte. Mit Häppchen vom Buffet und späterem Abhotten zu den Hits der 80er-Jahre? Oder mit DJ, Housemusik und Ekstase? Sofern das dann überhaupt möglich ist.  

Ist es peinlich, wenn ein 50-Jähriger wie ein 30-Jähriger feiern möchte? Warum eigentlich – weil es nicht altersgemäß ist? Und wer sagt mir, was meinem Alter entspricht: der Blick auf den Personalausweis oder der in den Spiegel meines Fitnessclubs? „Alter!“, sage ich mir dort immer wieder, „siehst du noch jung aus!“

Das dachte sich auch der Niederländer, der vor zwei Jahren vor Gericht zog, weil er sein Geburtsdatum ändern lassen wollte. Emile Ratelband, ein Motivationscoach, war zu der Zeit 69, fühlte sich aber 20 Jahre jünger. Auch seine Ärzte waren der Meinung, er sei in der Verfassung eines 49-Jährigen. Warum, klagte Ratelband, sei man an ein Alter gekettet, das im Pass steht? Lieber Emile, ich verstehe dich. Über vieles können wir Bürger heute selbst entscheiden, Vornamen, Familiennamen, sogar das Geschlecht kann ich ändern und amtlich eintragen lassen – warum habe ich nicht auch das Recht, über mein Alter zu bestimmen?

Die Richter lehnten den Antrag ab. Sich jünger zu fühlen sei kein ausreichender Grund, sich auch amtlich verjüngen zu dürfen. Ich finde das nicht fair. Denn es geht hier um mehr als ein Gefühl. Wenn wir davon reden, dass 40 das neue 20 und 50 das neue 30 ist, hat das tatsächlich einen wahren Kern. Unsere Lebenserwartung steigt jedes Jahrzehnt um etwa 2,5 Jahre, jede neue Generation lebt also rund 7,5 Jahre länger. Verglichen mit der Nachkriegsgeneration werden wir etwa 20 Jahre älter, doch biologisch gesehen bleiben wir länger jung.

Anhand von Blutwerten, Herzfrequenz und Gen-Untersuchungen lässt sich das biologische Alter von Menschen bestimmen. Und das kann um viele Jahre vom kalendarischen abweichen. Sagt unter anderem Sven Voelpel, der an der Bremer Jacobs University zum demografischen Wandel forscht. „Die allgemeine Annahme, dass mit dem Alter automatisch viele Zellen absterben, ist nicht haltbar. Jeder altert unterschiedlich.“ Darüber allerdings gibt mein Ausweis keine Auskunft. Stattdessen entscheidet eine stumpfe Zahl über meine Chancen in dieser Gesellschaft. „Es ist diskriminierend, ein kalendarisches Alter zu haben“, formuliert Voelpel spitz. 

Was hat die Zahl mit mir zu tun?

Uwe Pütz

Der Professor für Betriebswirtschaftslehre hat ein paar Studien zum Arbeitsmarkt ausgewertet. Bei gleichen Kompetenzen würden ältere Bewerber oft abgelehnt. Viele Unternehmen ließen die Bewerbungsunterlagen maschinell auswerten. Das Erste, was der Computer prüfe, sei das Alter. Und tschüss dann. Von Stars wie Jennifer Lopez, Sandra Bullock oder James Blunt weiß man, dass sie gern mal mit Jahreszahlen schummeln, um ihren Marktwert auf Kurs zu halten. Sie wissen, was wir längst lernen mussten: Alter killt.

„Steh doch dazu“, sagte mir eine Freundin, als es darum ging, wie ich mich als Single in einem Magazinartikel präsentiere. Warum zu etwas stehen, das mit mir wenig zu tun hat, mir aber viele Nachteile einbringt? Man schaue sich nur einmal auf einem Datingportal um. Nirgends wird so viel gemogelt wie hier, um nicht mit einem Wisch herausgefiltert zu werden. Ganz ehrlich: Welche Relevanz hat eine Zahl in einer Zeit, in der wir mit Ernährung, Work-out und den Kunstgriffen der plastischen Chirurgie an unserem Alter schrauben?

Ich habe mich auch gefragt, ob nur die westliche Welt so stark auf das Jungsein fixiert ist. Meine Recherche zeigte mir schnell, dass betagte Menschen dort eine gewisse Achtung genießen, wo mehrere Generationen zusammenleben. Alt sein wird sehr unterschiedlich definiert. Im afrikanischen Stamm der Ayizo gehört eine Frau bereits zu den Seniorinnen, wenn sie verheiratet ist, bei den kaukasischen Tscherkessen erst ab 100.

Gemeinsam ist fast allen Kulturen das Streben nach Verjüngung. Schon die älteste Geschichte der Menschheit, der Gilgamesch-Epos, beschreibt die Suche eines Königs nach der ewigen Jugend. In seinem Bestseller „Die Jungbrunnen-Formel“ beschreibt Wissenschaftler Voelpel Methoden, um an der biologischen Uhr zu drehen. Und in Harvard erforscht David Sinclair Verfahren, die unsere Gene für ein langes und gesundes Leben fit machen. Die Botschaft des renommierten Genetikers klingt wie eine Erlösung: In Zukunft werden wir selbst darüber entscheiden können, wie alt wir sein wollen.

Wenn also die Biologie das Alter infrage stellt, wenn Soziologen darin eine Gefahr für Ausgrenzung sehen – warum halten wir weiter an einer Zahl im Pass fest? Klar, sich 20 Jahre jünger zu machen, kann bei den Kindern Fragen aufwerfen, etwa: „Mama, warst du erst 13, als du mich bekamst?“ Auch die Sache mit dem Führerschein und dem Wahlrecht müsste man regeln. Doch dann sollte uns keine Zahl mehr im Wege stehen. Die Abkehr vom Alter wäre für viele eine Befreiung und ein längst fälliges Signal für mehr Selbstbestimmung. Lasst uns eine Petition starten: Schaffen wir das Alter ab!

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