„Mein Leben ist eine wilde Achterbahn, aber in mir ist Ruhe und Frieden“

Er moderiert Podcasts, Radioshows, TV-Sendungen, er schreibt Kolumnen, Bücher und Gags. Allrounder Micky Beisenherz spricht im Titelinterview mit DB MOBIL über Eitelkeit, offene Gespräche mit seiner Mutter und über seinen ersten eigenen „Verlag“

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Lesezeit: 8 Minuten
Micky Beisenherz
Meike Kenn für DB MOBIL
Sein Herz hängt am Pott: Micky Beisenherz kommt aus Castrop-Rauxel, der Stadt, in die es ihn immer wieder zurückzieht

Gleich am Eingang: Spritzkuchen und Apfeltaschen. Ein paar Meter weiter gibt es Currywurst und Kartoffelpuffer, schräg gegenüber Pommes mit allerlei Saucen. An diesem Nachmittag im November auf dem Hamburger Dom mangelt es nicht an Versuchung. Micky Beisenherz, 44, bleibt unbeeindruckt und entspannt. Dann fällt sein Blick auf eine Holzhütte neben dem Autoscooter. „Spreewaldgurken!“, ruft er entzückt und steuert den Stand an. Schmeißt eine Runde für das Fototeam und den Interviewer, gönnt sich selbst eine kinderarmdicke Knoblauchgurke für 3,50 Euro und lässt sich zwei weitere einpacken für zu Hause. Man kommt nicht umhin, sich zu fragen: Hat es auch mit seinen kulinarischen Vorlieben zu tun, dass an diesem Typen mit seinen 44 Jahren so wenig Fett hängt?

Auf dem Hamburger Dom, wo DB MOBIL ihn zum Titelshooting trifft, ist er öfter, er wohnt nebenan in der Neustadt, seine Tochter ist sechs, da bietet sich das an. Aber seit er sich vom Gagschreiber für das Dschungelcamp zu einer Allroundmedienperson entwickelt hat, ist Beisenherz noch auf ganz anderen Jahrmärkten unterwegs. Denen der Eitelkeiten zum Beispiel, auf denen Meinungen oft wichtiger sind als Fakten. Beisenherz’ Kernkompetenz ist der pointierte Spott, immer häufiger lässt er allerdings auch Haltung durchscheinen, jetzt, wo er politischer wird in seinem beruflichen Treiben. Zum Beispiel in „Apokalypse & Filterkaffee“, seinem News-Podcast, in seiner „Stern“-Kolumne oder in seiner Talkshow „#beisenherz“ auf ntv. Seine Standpunkte überdenkt er gelegentlich; nicht aber seine Modephilosophie.

Meike Kenn für DB MOBIL
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Rollkragenpullis – eine beisenherzsche Leidenschaft. Überhaupt macht der Mann alles entweder ganz oder gar nicht: Fußball gucken, Vater sein und Weihnachten feiern. Mit seiner Vier-Generationen-Familie, inklusive 96-jähriger „Omma“

Rollkragenpullover haben Sie eigentlich?

Um die 60, schätze ich mal.

Sind Sie wirklich so eitel, wie es Ihre selbstironische Koketterie manchmal suggeriert?

Ja, bin ich tatsächlich. Was vielleicht etwas weniger eitel ist als zu behaupten, man sei gar nicht eitel. Aber das würde mir sowieso niemand abnehmen.

Soll heißen: Schönheit ist Ihnen wichtig?

Ich weiß nicht, ob schön und eitel zusammengehören. Aber ja, ich mag Schönheit um mich herum, ob in der Architektur, in Autos, in Kleidung, in der Natur. Und ich komme aus Castrop-Rauxel.

Faktisch richtig, heißt in diesem Zusammenhang aber was?

Die Menschen dort haben eine Schönheit, die sich einem geradezu aufdrängt. Vielleicht eine innere, im Zweifel aber eine wahrhaftige, und das ist einer der Gründe, warum es mich immer dahin zurückzieht.

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Er sei durchaus eitel, sagt Micky Beisenherz, und möge Schönheit um sich herum. Über seine Ohren macht er sich trotzdem lustig

Aber Sie leben jetzt in Hamburg.

Stimmt. Ich bin Anfang der 2000er in schöner Regelmäßigkeit aus Castrop-Rauxel hochgefahren. Erst, weil man hier großartig feiern konnte, später hatte ich lauter Freunde hier, und schließlich bin ich der Liebe wegen geblieben.

Diese Liebe allerdings …

… war in dem Sinne irgendwann vorbei. Geblieben ist die zu meiner Tochter, die ist sechs und lebt nun einmal hier, am anderen Ende der Reeperbahn.

 

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Nicht die Oma? Wie alt ist die eigentlich?

Die ist 96, und nee, das steckt sie weg. Sie hört halt nicht mehr so gut, und das ist auch so eine Sache, die man lernen muss: Wie viel verloren geht, wenn man Gesprächen nicht mehr folgen kann. Besonders im Beisenherz-Clan. Ich liebe diese Abende, ich unterhalte mich wahnsinnig gern mit diesen Leuten.

Warum eigentlich?

Weil nichts so interessant ist wie die eigene Familiengeschichte. Auch und gerade die ganzen Brüche, das Nichtaufgearbeitete, der Mist, der knapp unter der Oberfläche notdürftig vergraben liegt. Das ist besonders spannend bei meiner Mutter, der mit Anfang, Mitte 70 plötzlich Sachen klar werden, über die sie ein halbes Jahrhundert nicht nachgedacht hat, weil irgendwie immer zu viel Leben war. Und das Tollste: Sie redet mit mir ganz offen darüber.

Bereut sie etwas?

Gegenfrage: Kann man Mitte 70 werden, ohne etwas zu bereuen? Wir werden heute doch alle viel zu alt, um nicht irgendwann die Gelegenheit zu bekommen, einander zu enttäuschen. Ich bin sehr von meiner Familie geprägt, nicht nur in den guten Sachen. Ich habe auch gelernt, dass man manche Dinge besser ganz anders macht, als sie einem vorgelebt wurden.

Meike Kenn für DB MOBIL

Zum Beispiel?

Na ja: Ich bin von der Mutter meines Kindes glücklich geschieden.

Interessant. Gibt ja viele Ex-Paare, die im Guten auseinandergegangen sind, diese Trennung aber trotzdem als maximales Scheitern empfinden.

War bei uns auch so. Und ich habe Schuld, meinen eigenen Anteil daran gefühlt. Aber warum hat man eigentlich dieses Gefühl des Scheiterns?

Na?

Das kommt daher, dass man immer denkt: Die anderen bekommen es doch auch hin. Aber wenn man mal genau hinschaut, stellt man fest: Das stimmt doch gar nicht. Die anderen kriegen es auch nicht hin. Kaum jemand schafft es, diese erste große Familienbeziehung in allen Facetten zu konservieren. Viele bewerkstelligen allerdings, was wir nicht hinbekommen haben: über diese Tatsache einigermaßen elegant hinwegzuleben. Es gibt keine heilen Familien. Keine Chance.

Diese erste Ehe, das Kind, die Trennung: Was hat das mit Ihnen gemacht?

Es hat mir gezeigt, wie ich nicht leben will. Eigentlich sah alles von außen perfekt aus, irgendwie gesettelt und angekommen. Aber in mir war es unruhig. Jetzt ist es genau andersherum: Mein Leben ist eine wilde Achterbahn, aber in mir ist nichts als Ruhe und Frieden. Und eine extreme Bodenständigkeit.

Dazu gehört Nikki Hassan-Nia. Die Sie Ihre Frau nennen, ohne mit ihr verheiratet zu sein.

Ich finde, in diesem Begriff „Freundin“ liegt eine Unverbindlichkeit, die weder meinem Alter noch unserer Beziehung gerecht wird. Der passt nicht zu meinem Gefühl zu ihr. Ich würde sie ja auch heiraten, aber sie ist Flugbegleiterin, irgendwie sind wir beide so viel unterwegs, dass wir es nicht auf die Reihe kriegen, unsere Papiere dafür zusammen zu bekommen. Das äußere Chaos. Da ist es wieder.

Sie sind 44. Das heißt, für Sie ist in etwa Halbzeit.

Wenn’s gut läuft.

Ich tolle durch das Leben, jage bunten Schmetterlingen hinterher

Davon gehen wir jetzt mal aus. Aber fühlen Sie sich auch erwachsen?

Interessante Frage. Aber ja. Und das hat damit zu tun, dass in meiner Beziehung dem inneren Kind so viel Raum gegeben wird. Ich werde dazu animiert, loszulassen und Blödsinn zu machen, allzu viel Vernunft wird von Nikki nicht eingefordert. Auf der anderen Seite bin ich keinen Tag jünger als 44, und das finde ich super. Ich beneide niemanden um seine Jugend. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich noch mal in Hoodie und mit Kappe auf dem Longboard durch die Hafencity rolle, ist äußert gering.

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Verwegenes Lächeln, trainierter Körper, grüner Ganzkörperanzug – läuft am Schnürchen bei Micky Beisenherz auf dem Hamburger Dom

44 ist aber auch das beste Alter für eine Midlife-Crisis.

Ach. Die Trennung und so, das habe ich ja schon hinter mir. Darüber hinaus habe ich so eine Hundewiesenmentalität.

Was bedeutet das denn?

Na ja, ich tolle durch das Leben, jage bunten Schmetterlingen hinterher und gehe davon aus, dass alles schon gut werden wird. Mit dieser Haltung habe ich mein gesamtes Berufsleben bestritten.

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Multijobber Beisenherz erträgt Stille nur schwer und ist eigentlich immer in Aktion, sagt er

Das beim Radio begonnen hat.

Genau. Radio Herne. Dann Radio NRW, da habe ich moderiert, aber mehr noch lustige Dinge geschrieben und Sketche eingesprochen.

Woher wussten Sie eigentlich, dass Sie das können?

Von zu Hause. Ich habe schon mit sieben, acht Jahren am Küchentisch gesessen und Helmut Kohl und Franz Josef Strauß nachgemacht. Das war das erste Mal, dass mein Vater von mir Notiz genommen hat.

Ich habe schon mit sieben, acht Jahren Helmut Kohl und Franz Josef Strauss nachgemacht

Echt?

Ja. Der guckte bloß meine Mutter an und sagte: „Wer is’ er denn hier?“ Fand er aber gut. Ich bin da ja nicht untypisch. Jeder in den Medien ist früh mit einem Kassettenrekorder rumgelaufen und hat Hörspiele gemacht. Und meine beiden Cousins und ich haben einen „Verlag“ gegründet, als ich acht war. Ich betone die Anführungszeichen.

Stark. Was hat der „Verlag“ produziert?

Was so anlag. Comics, Wissenschaftsmagazine, Kalender, aber auch Chartshows und Hörspiele auf Kassette.

Schreiben und labern. Sie haben Ihre Bestimmung früh gefunden.

Schon, oder? Der achtjährige Micky und der 44-jährige unterscheiden sich eigentlich nur darin, dass mir heute mehr Leute zuhören und ich mehr Geld bekomme.

Meike Kenn für DB MOBIL
Greifer des Gefechts: Den Hamburger Dom bespielt Beisenherz sonst gern mit seiner sechsjährigen Tochter

Dazwischen waren bloß ein Semester Sozialwissenschaftsstudium in Bochum und diverse Jobs auf Baustellen.

Bei Ersterem habe ich schnell eingesehen, dass es mit mir nichts zu tun hatte. Das andere … Ich komme aus einer Castrop-Rauxeler Klempnerdynastie, so habe ich mir in den Ferien mein Geld verdient. Das Beste daran ist aber, dass ich auch heute noch mein Badezimmer selbst sanieren kann.

Was schreiben Sie eigentlich in das Feld „Beruf“, wenn Sie in fremde Länder einreisen?

Autor. Stimmt aber irgendwie nicht so recht. „Unterhalter“ wäre vielleicht passender. Ich unterhalte mich beruflich und damit im besten Fall andere.

GAS, WASSER, LUSTIG

Geboren am 28. Juni 1977 in Recklinghausen als Sohn einer Castrop-Rauxeler Klempnerdynastie.
Nach dem Abitur studiert er ein Semester lang Sozialwissenschaften, arbeitet auf Baustellen
im Ruhrpott im Sanitärbereich. Auch eine Art Handwerk: Sein Radiojob bei Radio Herne 90acht. Der Beginn seiner Karriere.
Dschungelcamp-Chronist: Beisenherz schreibt die Moderationstexte von Sonja Zietlow und Daniel Hartwich für „Ich bin ein Star – holt mich hier raus“.
Uli Hoeneß, Reiner Calmund und Markus Söder sind nur drei von vielen Prominenten, die Beisenherz meisterhaft parodiert.
„Schreib oder stirb“ heißt Beisenherz’ erster Krimi, den er zusammen mit Sebastian Fitzek geschrieben hat. Erscheint am 30. März.
Privates: Beisenherz ist geschieden und lebt mit seiner Partnerin Nikki Hassan-Nia in Hamburg. Er hat eine sechsjährige Tochter. Sein Onkel Johannes Beisenherz war übrigens von 2004 bis 2015 Bürgermeister von Castrop-Rauxel.

Welche von den verschiedenen Disziplinen als Unterhalter ist Ihnen denn die liebste?

Immer die, mit der ich mich gerade befasse. Wenn ich schreibe, liebe ich den gedanklichen Überbau, über den ich mir den Kopf zerbreche. Ich mag es, bei ntv die interessantesten Leute aus Politik und Gesellschaft zu Gast zu haben. Aber wenn ich so drüber nachdenke: der Podcast …

Welcher jetzt? „Fußball MML“? „Juwelen im Morast der Langeweile“ mit Oliver Polak?

Auch. Aber insbesondere „Apokalypse & Filterkaffee“, der News-Podcast, den ich viermal die Woche aufnehme. Der jedenfalls ist vielleicht das spannendste Projekt. Er ist noch im Aufbau, aber schon jetzt bekomme ich eine Vielzahl von Meinungen zusammen, das ist eine Begegnungs- und Diskursstätte geworden, eine Art entspanntes Anti-Twitter. Das ist vielleicht gerade meine Herzdisziplin.

Es gibt aber immer noch einen Haufen Leute, die beim Namen Beisenherz denken: ach ja, dieser Gagschreiber vom Dschungelcamp.

Und dann gibt es welche, die diesen Teil meiner Berufsbiografie immer erwähnen, um mich damit zu treffen und herabzusetzen. Was ihnen nicht gelingen wird. Ich mache das nämlich sehr gern.

Sind Sie dem Format nicht allmählich entwachsen?

Ich glaube, je mehr ich mich politisiere, desto dringender nötig habe ich einmal im Jahr diese gewaltige Dosis Dschungelcamp, um wieder runterzukommen. Ich liebe diese Produktion einfach, die Moderatoren, die Kollegen, die machen das zu einer großartigen Form von Klassenfahrt, und die möchte ich nicht missen.

Und inhaltlich?

Seien wir doch mal ehrlich: Dieses Auseinanderklaffen von Fremd- und Selbstwahrnehmung, dieses verzweifelte Verkaufen von etwas, das man gar nicht ist – inwieweit unterscheidet sich das noch von Armin Laschet bei Markus Lanz oder jeder zweiten Sendung von Anne Will?

Sagen Sie’s uns.

Höchstens darin, dass Dschungelcamp-Bewohner niemals Verantwortung für dieses Land übernehmen werden. Andererseits: Armin Laschet ja auch nicht.

Gibt es eigentlich Momente, in denen Sie sich nach absoluter Stille sehnen? Nach einer leicht rauschenden Leere im Kopf?

Im Gegenteil. Ich würde auch jede aufkommende Stille sofort mit Geräuschen anfüllen, mit Podcasts, Radio, Hörbüchern. Ich halte Stille nicht gut aus. Aber ich habe diesem Nichtaushalten etwas entgegenzusetzen.

Nichts macht mich so zufrieden wie ein Nickerchen

Nämlich?

Innere Ruhe. Und was ich wirklich liebe wie nichts anderes: zwischendurch eine halbe Stunde lang ein Nickerchen machen. Nichts macht mich so zufrieden.

Im Bett?

Vorzugsweise in meinem Sessel im Wohnzimmer. Aber neuerdings auch auf einer Bank im Park, wie ein richtig alter Mann. Wir müssen den Tatsachen wohl ins Auge blicken: Es geht ganz klar dem Ende entgegen.

Meike Kenn für DB MOBIL

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