×

Ihr Webbrowser ist leider veraltet. Bitte aktualisieren Sie Ihren Browser für mehr Geschwindigkeit und den besten Komfort auf unserer Seite.

Aktuelle und kostenlose Browser sind z.B.

Google Chrome Microsoft Edge Mozilla Firefox

„Die Bahnhöfe der Zukunft müssen Mobilitätszentralen sein“

Bahnchef Richard Lutz und Bundesverkehrs­minister Andreas ­Scheuer sprechen über die Auswirkungen von Corona auf die Bahn, den Wandel des Reiseverhaltens und die zukünftige Rolle der DB in einer hochmobilen Gesellschaft

Von:
Lesezeit: 6 Minuten
Scheuer und Lutz
Gene Glover und Robert Rieger für DB MOBIL
Zwei erklärte Bahnfans im Austausch per Videokonferenz: Andreas Scheuer (l.) und Richard Lutz sind sich einig, dass das Jahrzehnt der Schiene angebrochen sei

Keine drei Kilometer Luftlinie trennen die Gesprächspartner von Bahn und Bund: DB-Chef Richard Lutz befindet sich im Bahn­tower am Potsdamer Platz in Berlin, Bundesverkehrsminister An­dreas Scheuer schaltet sich aus dem Ministerium in der Invalidenstraße hinzu. Gern hätten sie sich persönlich getroffen, aber in Zeiten wie diesen geht es natürlich auch per Video.

Herr Scheuer, Sie sagen oft, dass Sie gern Bahn fahren. Zum Einstieg ein kleiner Test: Was kostet ein Bier im Bordrestaurant?

Andreas Scheuer: Die exakten Preise weiß ich nicht. Außerdem gibt es ja auch verschiedene Biere, Pils, Helles und Weißbier. Aber ich sag mal: Bolognese-Nudeln mit Trinkgeld – zehn Euro.

Herr Dr. Lutz, was hat der Bahnchef gern auf dem Teller, und wissen Sie den Preis dafür?

Richard Lutz: Chili con Carne, meine übliche Wahl im Bordrestaurant – rund neun Euro, wobei ich ebenfalls auf zehn aufrunde.

Vor etwas mehr als einem Jahr erzielte die Bahn noch Fahrgastrekorde, heute ist die Situation eine grundlegend andere. Herr Scheuer, steigen Sie inzwischen wieder in den Zug?

Scheuer: Natürlich, denn die Bahn geht sehr überlegt vor, was Verhaltensregeln und Hygienekonzepte betrifft. Ich fühle mich in den Zügen wohl und sicher. Aber natürlich ist klar, dass zurzeit jede Reise, die nicht zwingend sein muss, vermieden werden sollte.

Der Trend zum Verkehrsträger Schiene ist nachhaltig.

Richard Lutz

Herr Lutz, sind Sie in der Pandemie unterwegs gewesen?

Lutz: Ja, ich bin ebenfalls Bahn gefahren – jedoch deutlich seltener als sonst. Ich habe meine Reisen während des Shutdowns auf das notwendige Maß reduziert. Aber ich kann nur bestätigen, was Herr Scheuer gesagt hat: Auch ich habe mich immer wohl und sicher gefühlt, und fehlender Abstand war eigentlich nie ein Thema – „leider“, wie man ja sagen muss.

Dieses Interview findet wie derzeit viele Gespräche per Video statt. Brauchen wir künftig überhaupt noch persönliche Treffen oder hat sich die Überzeugung durchgesetzt, dass Videokonferenzen viel effektiver sind?

Scheuer: Effektiver würde ich nicht sagen. Aber wir müssen uns mit der Frage beschäftigen, wie sich das Reise- und Kommunikationsverhalten der Menschen ändert. Wird es selbstverständlich werden, von fünf Gesprächen für den Abschluss eines Geschäfts nur noch das erste und das letzte als physische Treffen durchzuführen und die übrigen per Videokonferenz? Werden Privatleute künftig wieder intensiv reisen oder wird es zur Gewohnheit, dass man sogar mit der Oma lieber per Video spricht, statt sie zu besuchen?

Lutz: Wir alle sind zu Experten für Video- und Webkonferenzen geworden, und wir haben festgestellt, dass uns die neuen Formate mehr Möglichkeiten bieten, als wir uns vorstellen konnten. Aber es gibt Dinge, die eine persönliche Begegnung brauchen. Und wir freuen uns doch alle auf den Moment, wenn Corona hinter uns liegt und der direkte Kontakt wieder risikofrei stattfindet.

Robert Rieger und Gene Glover für DB MOBIL
Richard Lutz (l.) arbeitet seit 1994 bei der Deutschen Bahn und fungiert seit 2017 als deren Vorstandsvorsitzender. Andreas Scheuer ist seit 2002 Mitglied des Bundestages und seit 2018 Bundesminister für Verkehr und digitale Infrastruktur

In den Shutdown-Phasen haben viele, die früher mit Bus und Bahn unterwegs waren, das Fahrrad neu oder das Auto wieder entdeckt. Herr Scheuer, wie sollte die Politik darauf reagieren?

Scheuer: Indem wir die Verkehre gut miteinander verknüpfen und den Umstieg auf die Bahn erleichtern. Die Bahnhöfe müssen zu Mobilitätszentralen werden. Das heißt: Wer als Pendler mit dem Auto aus dem ländlichen Raum an den Stadtrand kommt, sollte am Bahnhof sein Fahrzeug abstellen und, falls es ein E-Auto ist, auch laden können. Und wer per Rad kommt, der muss eine Fahrradgarage vorfinden oder das Rad im Zug mitnehmen können.

3 Fragen an Richard Lutz (Video)

Inhalte von YouTube

An dieser Stelle möchten wir Inhalte von einer externen Quelle darstellen. Wenn Sie damit einverstanden sind, dass Inhalte von Drittplattformen angezeigt werden dürfen und wir gegebenenfalls personenbezogene Daten an diese Plattformen übermitteln, bestätigen Sie dies bitte mit einem Klick auf den Button.

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Details dazu finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Herr Lutz, wie reagiert die Bahn auf das veränderte Nutzerverhalten?

Lutz: Der Trend zu einer klimafreundlicheren Mobilität und damit zum Verkehrsträger Schiene ist nachhaltig, aus vielen guten Gründen. Aber für mich gibt es da kein Entweder-oder. Wichtig ist vielmehr, dass wir die unterschiedlichen Verkehrsträger vernetzen, damit sie ihre jeweiligen Vorteile für den Kunden voll ausspielen können.

Welche neuen Verkehrsmittel haben Sie in der Corona-Zeit ausprobiert?

Lutz: Wir haben im Familienrat beschlossen: Weil unser Auto schon so lange unbenutzt in der Garage steht, schaffen wir es ab. Stattdessen erweitern wir unseren Fahrradfuhrpark. Wir waren im Sommer viel mit den Rädern unterwegs, und es hat unheimlich Spaß gemacht. Bald wollen wir uns zusätzlich E-Bikes anschaffen, damit wir auch längere Touren ins Berliner Umland machen können.

Die Bahnhöfe der Zukunft müssen Mobilitätszentralen sein.

Andreas Scheuer

Herr Scheuer, was macht Ihr Fuhrpark zu Hause?

Scheuer: Ich könnte jetzt sagen, dass ich beim Radfahren noch keine Elektro-­Unterstützung brauche (beide lachen). Ansonsten probiere ich alles aus. Ich habe sehr früh die Einführung von Elektro­kleinstfahrzeugen – Stichwort E-Scooter – forciert. Und wenn ich nicht mit dem Zug unterwegs bin, teste ich gerne neue Elektroautos.

Herr Scheuer, Sie haben nie verhehlt, dass Sie ein Autofan sind. Neben der E-Mobilität können Sie sich eine Zukunft der Verbrenner vorstellen, und Sie haben bisher betont, dass ein Tempolimit für Sie nicht zielführend sei. Passt diese Argumentation noch in die heutige Zeit?

Scheuer: Jeder weiß, dass ich gegen ein generelles Tempolimit bin, das überall gleichermaßen gilt. Stattdessen bin ich für Geschwindigkeitsregelungen, die von der jeweiligen Situation abhängig sind. Ich möchte, dass wir weg vom Blechschild zur intelligenten Verkehrssteuerung kommen und dadurch den Verkehr gezielt dort, wo es nötig ist, herunterregeln. Doch wenn Witterungsverhältnisse und das Verkehrsaufkommen es erlauben, muss freie Fahrt möglich sein. Insgesamt hat sich das System der Richtgeschwindigkeit bewährt. Die Autobahnen sind die sichersten Straßen in Deutschland. Und sowohl das autonome Fahren als auch die Elektromobilität werden nicht mit höherer Geschwindigkeit stattfinden.

Was uns gut durch die Krise bringt, sind die Kolleginnen und Kollegen vor und hinter den Kulissen.

Richard Lutz

2021 ist von der EU zum „Europäischen Jahr der Schiene“ ausgerufen worden. Was bedeutet das für Bahnfahrer?

Lutz: Wir nehmen zum Fahrplanwechsel im Sommer unsere ersten XXL-ICE mit mehr als 900 Sitzplätzen in Betrieb, und ab Herbst wird es zusätzliche Verbindungen an die Nordsee geben. Wir bekommen es in Deutschland vorbildlich hin, durch Stärkung der Schiene einen Beitrag zur Lösung eines der drängendsten Probleme unserer Zeit zu leisten: nachfolgenden Generationen eine lebenswerte Welt zu hinterlassen. Und ich bin davon überzeugt, dass wir auch in der europäischen Dimension eine Renaissance der Schiene erleben werden.

Scheuer: Neben dem Klimawandel werden ein paar Trends die 20er-Jahre zu einem Jahrzehnt der Schiene machen. Dazu gehört der wachsende Zuspruch zum grenzüberschreitenden Bahnverkehr. Deshalb finde ich zum Beispiel unser Konzept für Nachtzüge und für einen Trans-Europ-Express 2.0 so großartig. Ein zweiter Punkt: Einige Bahnverbindungen sind mittlerweile so attraktiv, dass sich Fliegen gar nicht mehr lohnt oder zumindest fast nicht, etwa zwischen Berlin und Hamburg, München und Zürich oder auch zwischen Berlin und München. Der dritte Trend: technische Neuerungen. Wir verbessern nicht nur die Aufenthaltsqualität an Bord der Züge – Stichworte Telefonie, WLAN, ungestörtes Arbeiten – , wir machen das System Schiene auch immer digitaler, attraktiver und hochwertiger. Natürlich gibt es öffentliche Debatten über die Bahn. Aber die Fahrgastrekorde vor Corona sind der Beweis, dass ihre Anziehungskraft steigt.

3 Fragen an Andreas Scheuer (Video)

Inhalte von YouTube

An dieser Stelle möchten wir Inhalte von einer externen Quelle darstellen. Wenn Sie damit einverstanden sind, dass Inhalte von Drittplattformen angezeigt werden dürfen und wir gegebenenfalls personenbezogene Daten an diese Plattformen übermitteln, bestätigen Sie dies bitte mit einem Klick auf den Button.

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Details dazu finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Ich fühle mich wohl und sicher in der Bahn.

Andreas Scheuer

Herr Scheuer, was könnte aus Ihrer Sicht bei der Bahn besser laufen?

Scheuer: Ich möchte zunächst mal sagen: Die Bahn hat tolle Mitarbeiter. Ich führe viele Gespräche mit Lokführern, Zugbegleitern und Sicherheitsleuten. Sie punkten mit Know-how, Leidenschaft und viel Herz. Wie viel das wert ist, sehen wir in diesen schwierigen Zeiten: Die Truppe hält zusammen, und es kommen ja auch ständig neue Mitarbeiter hinzu. Wenn wir alle weiter daran arbeiten, dass das System noch stabiler und pünktlicher wird, würden meine Wünsche erfüllt.

Ein bisschen stabiler, ein bisschen pünktlicher – Herr Lutz, wie wollen Sie das hinbekommen?

Lutz: Wir sind auf einem guten Weg dahin, aber wer sich mit Eisenbahn-Infrastruktur ein wenig auskennt, der weiß: Da geht es manchmal nicht so schnell, wie man sich das wünscht. Aber auch ich möchte betonen: Was uns jetzt gerade so gut und stabil durch die Krise bringt, sind die vielen Kolleginnen und Kollegen, die vor und hinter den Kulissen jeden Tag einen sensationellen Job machen. Aus innerer Überzeugung, und weil sie etwas Sinnstiftendes für diese Gesellschaft tun. Und das werden wir uns auf jeden Fall erhalten – das gemeinsame Anpacken und Kämpfen als ein Team für unsere Kunden.

Pablo Castagnola
Was seine Gesprächspartner an Detailwissen zur DB-Speisekarte offenbarten, hat Jürgen Kornmann, Leiter Marketing & PR der Deutschen Bahn AG, wirklich überrascht. Keine Überraschung: (Bahn-)Liebe geht halt auch durch den Magen.

Mein liebstes Stück Deutschland

Welches Stück unberührte Natur Richard Lutz gerne mit dem Fahrrad erkunden würde, verrät er hier. Welche Stadt für Andreas Scheuer immer eine Reise wert ist, lesen Sie hier.

Schreiben Sie uns!

Der Artikel hat Ihnen gefallen, Sie haben eine Frage an die Autorin/den Autor, Kritik oder eine Idee, worüber wir einmal berichten sollten? Wir freuen uns über Ihre Nachricht.

Teilen