„Auf dem Kilimandscharo duftet es nach Wind und Schnee"

Die ehemalige Biathletin und Skilangläuferin Verena Bentele ist seit ihrer Geburt blind. Doch das hält die 39-Jährige nicht davon ab, sich immer neue und hohe Ziele zu setzen. Im Interview mit DB MOBIL erzählt sie, wie ihre Kindheit auf dem Land sie geprägt hat und warum sie bis heute nach sportlichen Herausforderungen sucht.

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Verena Bentele
VdK/Susie Knoll

Mit 16 gewann Verena Bentele ihre erste Goldmedaille bei den Paralympics in Nagano, elf weitere folgten, viermal wurde sie Weltmeisterin im Langlauf und Biathlon. Sie hat Germanistik studiert, war Behindertenbeauftragte der Bundesregierung und ist seit 2018 Präsidentin des Sozialverbandes VdK.

Sie sind offenbar sehr erfolgreich darin, Ihre Ziele zu erreichen. Wie erklären Sie sich Ihr unerschütterliches Vertrauen in Ihre Fähigkeiten?

Das habe ich meinen Eltern zu verdanken. Ich bin auf einem Bio-Bauernhof am Bodensee aufgewachsen und hatte dort die Freiheit, alles auszuprobieren, was ich wollte. Zum Beispiel allein Fahrrad zu fahren. In der Großstadt wäre das nicht möglich gewesen. Dadurch habe ich schon früh gelernt, was ich gut allein kann – und ungewohnte Situationen als Herausforderung begriffen. Dass meine Eltern mir und meinem blinden Bruder Michael so viel zugetraut haben, hat mich zu einem mutigen Menschen gemacht.

Wie haben Sie Ihr Talent für Biathlon und Skilanglauf entdeckt?

Meine Eltern nahmen mich schon im Alter von drei Jahren mit auf die Skipiste. Später besuchten mein Bruder und ich ein Internat für blinde Kinder und haben dort verschiedene Sportarten ausprobiert: Judo, Leichtathletik und auch Skilanglauf. Unsere Sportlehrerin hat unser Potenzial für den Sport erkannt und uns gefördert. Es hat auch geholfen, dass mein Bruder und ich uns gegenseitig angespornt haben. Wir beide haben es in die Nationalmannschaft geschafft. Am Biathlon gefällt mir der Gegensatz zwischen der Power beim Laufen und der Ruhe beim Schießen. Außerdem mache ich am liebsten draußen Sport, weil dort viel mehr Sinneseindrücke auf einen einwirken als in der Halle. Ich spüre gern den Schnee, den Wind und die Kälte um mich herum.

Was war der größte Glücksmoment Ihrer Sportkarriere?

Als ich 2010 meine erste von 5 Goldmedaillen bei den Paralympics in Vancouver gewann. Erst ein Jahr zuvor hatte ich einen schweren Skiunfall gehabt – und deshalb nie mit einem solchen Erfolg gerechnet. Ich war unglaublich froh, dass mein sportlicher Ehrgeiz größer war als meine Angst.

Warum suchen Sie bis heute noch immer nach neuen sportlichen Grenzerfahrungen?

Weil mir die Auseinandersetzung mit Grenzen auch im Alltag dabei hilft, Widerstände zu überwinden, sei es im beruflichen Alltag oder in politischen Gesprächen. Bei der vielen Kopfarbeit, die ich als Präsidentin des VdK leiste, tut es mir zum Ausgleich gut, wenn ich meine physischen Grenzen erweitere. Nach einem 540 Kilometer langen Radmarathon spürt man sich zum Beispiel ganz anders als nach einer Woche im Büro. Die körperliche Müdigkeit fühlt sich viel ehrlicher an!

Sie haben sogar den Kilimandscharo bestiegen. Welche Sinneseindrücke haben Sie von dort mitgebracht?

So weit oben hört man kaum noch ein Geräusch. Alles, was ich wahrnahm, waren die Menschen um mich herum, die sich gegenseitig fotografierten. Das Besondere für mich war, dort oben nur noch den Wind zu spüren und den Geruch des Schnees wahrzunehmen. Und zu wissen, dass ich auf dem höchsten Punkt des afrikanischen Kontinents stehe.

Was verpassen Sehende, wenn sie sich immer nur auf visuelle Reize konzentrieren?

Sehende achten nicht so stark auf die Stimmen anderer Menschen. Dabei lohnt es sich, genau hinzuhören. Denn der Klang einer Stimme sagt sehr viel über den Gemütszustand eines Menschen aus.

Sie leben in München und arbeiten in Berlin. Riechen die Städte unterschiedlich?

Ja, Berlin riecht vielfältiger. Allein schon wegen der vielen abgefahrenen Restaurants und Imbisse, die die verschiedensten Düfte verströmen.

Nach dem Ende Ihrer Sportlerkarriere 2011 haben Sie eine systemische Coaching Ausbildung gemacht. Heute helfen Sie etwa Jugendlichen aus schwierigen sozialen Verhältnissen, sich Ziele zu setzen und ihre Vorhaben zu verwirklichen. Welche Ratschläge geben Sie ihnen?

Ich helfe ihnen dabei, ihre Ziele überhaupt erst mal zu benennen, denn die meisten haben gar keine – weil sich in ihrem Umfeld keiner die Zeit nimmt, mit ihnen darüber zu sprechen. Da heißt es nur: „Streng dich doch mal in der Schule an!“ Aber das motiviert kaum.

Im zweiten Schritt unterstütze ich sie dabei, ihre Potenziale zu erkennen. Denn vielen ist gar nicht bewusst, was sie können. Auch, weil sie in der Schule immer nur negatives Feedback in Form von schlechten Noten bekommen. Da gibt unser Schulsystem viel zu schnell auf. Ich wünsche mir deshalb einen breiteren Bildungsansatz, der zunächst einmal die Fähigkeiten eines Kindes erkennt und diese dann fördert.

Sie sind eine Meisterin im Durchhalten. Was ist Ihr Geheimnis für schwache Momente?

Ich stelle mir immer vor, welche Möglichkeiten es mir eröffnet, wenn ich etwas durchhalte und zu Ende bringe. Etwa, dass ich joggen gehen kann, wenn ich mit der Steuererklärung durch bin. Bei Aufgaben, auf die man wenig Lust hat, hilft es, sich eine Frist zu setzen, innerhalb der man sie erledigen will. Das ist genau wie beim Sport. Da braucht man auch einen festen Trainingsplan.

Als Präsidentin des VdK machen Sie sich für mehr soziale Gerechtigkeit in Deutschland stark. Welche Probleme haben sich während der Corona-Pandemie noch verstärkt?

Gerade Menschen, die pflegebedürftig sind oder sich um pflegebedürftige Angehörige kümmern, bekommen derzeit zu wenig Unterstützung. Das Gleiche gilt für Solo-Selbstständige. Viele wissen nicht mehr, wie sie ihre Krankenversicherung zahlen sollen, und müssen die Grundsicherung beantragen. Auch Menschen in Pflegeberufen müssen endlich bessere Bedingungen für ihre Arbeit bekommen und mehr Geld verdienen. Die Krise hat noch einmal verdeutlicht, dass soziale Berufe aufgewertet werden müssen. Wie wichtig unsere Arbeit ist, spüren wir gerade jetzt. Während der Pandemie hat der VdK noch einmal deutlich mehr Mitglieder hinzugewonnen – mittlerweile sind es 2,1 Millionen. Das zeigt natürlich auch, wie viel Rechtsberatungsbedarf generell besteht.

Was ist Ihr nächstes großes Ziel?

Ich will mich intensiv in den Bundestagswahlkampf einbringen und mit Spitzenpolitikern über die sozialpolitischen Visionen des VdK diskutieren. Etwa darüber, dass die Kluft zwischen Reichen und Armen in Deutschland endlich kleiner werden muss. Wie man das vielleicht erreichen kann, versuche ich auch in meinem aktuellen Buch „Wir denken neu. Damit sich Deutschland nicht weiter spaltet“ aufzuzeigen.

Und welche sportliche Grenzerfahrung planen Sie als Nächstes?

Ich würde wahnsinnig gern einen Marathon laufen, wenn das wieder möglich ist. Und im Sommer mit dem Rad von München an den Bodensee zu meinen Eltern fahren.

Blinde Biathlet:innen: Wie findet der Schuss das Ziel?

Sehbehinderte und blinde Biathlet:innen schießen nicht mit Patronen, sondern per Infrarot. Und sie peilen das Ziel mit Hilfe akustischer Signale an. Dazu ertönt aus einem Kopfhörer ein pulsierender Ton, der höher und in der Abfolge immer schneller wird, je genauer das Ziel erfasst wird – bis schließlich ein konstanter Dauerton zu hören ist. Trifft der Schuss die Zielscheibe in etwa zehn Meter Entfernung, zeigt ein hohes Klingeln den Treffer an.

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