„Wir müssen endlich die vorherrschenden Rollenbilder aufbrechen“

Die Deutsche Bahn startet einen Weltrekordversuch: Am 31. März moderiert Diversity-Expertin Tijen Onaran die weltgrößte Online-Veranstaltung zum Thema Vielfalt. Das Ziel: ein offizieller Guinness-World-Records-Titel. Im Interview erläutert die 36-Jährige ihre Vorstellungen von einer bunteren Unternehmenskultur

Von:
Lesezeit: 5 Minuten
Tijen Onaran
Andrea Heinsohn

Ihr Unternehmen Global Digital Women berät Konzerne in allen Fragen rund um Diversität, Inklusion und Gleichberechtigung. Wie hoch ist die Nachfrage der Unternehmen nach Ihrer Expertise?

Sie wächst immer stärker, denn durch die eingeführte Frauenquote stehen die Konzerne immer stärker unter Druck [Anm. d. Red.: 2016 wurde von der Bundesregierung eine Aufsichtsratsquote für Frauen in der Wirtschaft festgelegt]. Seitens der Öffentlichkeit und der Politik, aber auch seitens potenzieller Mitarbeiterinnen, die von ihren Arbeitgebern erwarten, dass sie sich für diese Themen einsetzen. Sie wollen sich von den Unternehmen repräsentiert und abgeholt fühlen. Studien zeigen, dass Diversität für sie an erster Stelle steht, wenn sie nach einem neuen Arbeitgeber suchen.

Woran hapert es bei den meisten deutschen Unternehmen noch in Sachen Vielfalt?

Typisch ist, dass Diversität immer noch oft als Charity-Projekt angesehen wird. Viele Unternehmen denken, es genüge, ein paar Workshops zu dem Thema anzubieten, ändern aber ihre tradierten Rollenmuster nicht. Aber wenn die vorherrschenden Strukturen Frauen nicht bis an die Spitze lassen, helfen auch kein Frauenförderprogramm und kein Frauennetzwerk.

Wie lassen sich die vorherrschenden Rollenbilder aufbrechen?

Es müssen mehr verschiedene Lebensmodelle in einem Unternehmen umsetzbar sein. Es sollte zum Beispiel ganz normal sein, dass Männer in Elternzeit gehen oder sich ihre Stelle mit einer Frau teilen. Je öfter das geschieht, desto alltäglicher wird es auch. In Deutschland ist davon allerdings bisher kaum etwas zu sehen. Wir haben noch immer ein sehr starres Bild davon, wie eine Familie funktionieren sollte.

Welche Maßnahmen empfehlen Sie noch?

Wenn sich Unternehmen mehr Frauen in ihren Vorständen wünschen, müssen sie auch Führungspositionen in Teilzeit ermöglichen. Denn das funktioniert durchaus! Außerdem müssen die Firmen sich klare Ziele setzen, und ihre Maßnahmen für mehr Diversität müssen messbar sein. Ein Ziel kann zum Beispiel lauten: Bis 2030 wollen wir Geschlechterparität auf allen Managementebenen schaffen. Unbewusste Vorurteile bauen sich nur sehr langsam ab. Deshalb müssen Unternehmen an dem Thema langfristig dranbleiben.

Urban Zintel

Wie ist Ihr Wunsch entstanden, sich gesellschaftspolitisch zu engagieren?

Meinen Eltern war es schon immer wichtig, dass ich die Stimme, die ich habe, auch nutze. Und dass ich unabhängig bin und mein eigenes Geld verdiene. Das treibt mich an bei allem, was ich heute mache. Egal, ob es um Global Digital Women geht oder darum, Podcasts zu produzieren, zu moderieren oder Bücher zu schreiben. Meine Eltern haben mir die Vereinbarkeit von Job und Familie ganz selbstverständlich vorgelebt: Beide haben gearbeitet und sich gemeinsam um den Haushalt und mich und meinen Bruder gekümmert. Weil ich mir schon als Kind intensive politisch Debatten mit meinen Eltern lieferte, sagte mein Vater irgendwann zu mir: „Wenn du etwas verändern willst, dann musst du dich auch aktiv dafür einsetzen.“ Und genau das mache ich heute!

Global Digital Women ist ein Unternehmen, das unter anderem mehr als 30.000 Frauen aus der Digitalbranche vernetzt. Welche Unterschiede beobachten Sie in den verschiedenen europäischen Ländern im Umgang mit Diversität? 

Vorreiter sind hier die skandinavischen Länder. In Finnland etwa gibt es schon seit Jahren eine Frauenquote in Politik und Wirtschaft, und das hat bereits viel verändert. Deutschland ist bei ähnlichen Bestrebungen leider oft das Schlusslicht. Die Rollenvorstellungen hierzulande sind noch immer stark von den Fünfzigern geprägt. Oft habe ich den Eindruck, dass wir noch gar nicht in diesem Jahrhundert angekommen sind!

Woran lässt sich das festmachen?

Das merkt man allein schon daran, mit welchen Fragen weibliche und männliche Manager in der Öffentlichkeit konfrontiert werden: Frauen wird immer die Frage nach Vereinbarkeit von Familie und Beruf gestellt, ihr Aussehen wird thematisiert, und in den Gesprächen geht es meist um weiche Faktoren wie zum Beispiel Teamfähigkeit. Männer hingegen werden an ihren beruflichen Erfolgen gemessen, und niemand sorgt sich darum, ob sie Job und Familie unter einen Hut bekommen. Deswegen existiert auch der Begriff „Rabenvater“ nicht, „Rabenmutter“ aber schon. Working Dads gelten als cool, Fehler im Job werden ihnen gern mal verziehen. Wenn eine Working Mum mal nicht so funktioniert, wie sie es sollte, wird es darauf zurückgeführt, dass sie Familie und Karriere nicht vereinen kann.

Sie werden oft als Powerfrau bezeichnet. Was halten Sie von dem Begriff?

Das Wort klingt im ersten Moment positiv, aber es stört mich, dass es diesen Begriff nicht für Männer gibt. Man würde ja nie „Karrieremann“ sagen oder „Powermann“. Bei Frauen aber glaubt man, es müsse extra hervorgehoben werden, dass sie stark sind. So als wären sie es normalerweise nicht.

Wie reagieren Sie darauf, wenn Sie danach gefragt werden, wann Sie Kinder bekommen wollen?

Diese Frage sollte abgeschafft werden, weil sie einfach zu intim ist. Meist sage ich: „Mein Zyklus geht niemanden etwas an!“ Oder: „Würden Sie diese Frage auch einem Mann stellen?“ Denn in der Frage schwingt immer auch die Vorstellung mit, dass die Gründung einer Familie das erstrebenswerteste Ziel für eine Frau sein sollte. Dabei bedeutet Diversität, unterschiedliche Lebensplanungen zu akzeptieren.

Sie kleiden sich sehr feminin und bunt. Warum denken immer noch viele, dass dieser Look nicht zu einer erfolgreichen Unternehmerin passt?

Weil Frauen in Deutschland immer noch meinen, sie müssten sich eher männlich kleiden, um sich den vorherrschenden Strukturen anzupassen. Diversität beginnt für mich aber schon beim Kleidungsstil. Deshalb ziehe ich mich so an, wie es mir gefällt. Weil es mir Spaß macht, aber auch, weil es mein Job ist, auf solche Missstände hinzuweisen. Ich finde Frauen toll, die ihre Weiblichkeit nicht verstecken, so wie die EZB-Chefin Christine Lagarde zum Beispiel. Genauso geht’s mir auch: Ich möchte meine Weiblichkeit nicht verstecken.

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