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Lehrräume

Immer mehr Geschäfte müssen aufgrund der Corona-Pandemie und der wachsenden Konkurrenz des Online-Handels schließen. Was kann getan werden, damit unsere Stadtzentren trotzdem eine Zukunft haben? Der Oldenburger Architekt Alexis Angelis sucht nach Antworten auf diese Frage – und hat bereits erfolgreiche Konzepte entwickelt

Von:
Lesezeit: 4 Minuten
Roman Pawlowski

Als junger Architekturstudent in Barcelona hatte Alexis Angelis ein Schlüsselerlebnis: „Ich wohnte am Rand der Altstadt, wo keines der Gebäude besonders schön ist. Trotzdem fühlte ich mich extrem wohl.  Mir ist dort klargeworden, dass es nicht darauf ankommt, wie ein Ort aussieht, sondern ob man ihn mit Leben füllen kann. Wenn in einem Gebäude im Erdgeschoss Geschäfte und Restaurants sind und in den oberen Etagen Menschen leben, dann stimmt der Mix.“

Es war eine Erfahrung, die den 49-jährigen Architekten bis heute antreibt. Denn Angelis’ Spezialgebiet ist es, Konzepte zu entwickeln, damit tot geglaubte Orte w ieder zum Leben erweckt werden können. In seiner Heimatstadt Oldenburg ist ihm dies bereits gelungen. Während des Interviews deutet er auf den Waffenplatz vor dem Fenster seines Büros und sagt: „Das ganze Areal hier war über Jahre eine vergessene Ecke. Läden standen leer, und niemand hielt sich hier auf. Trotzdem habe ich stur an diesen Ort geglaubt – auch weil er nur wenige Schritte von den Haupteinkaufsstraßen Oldenburgs entfernt liegt.“ Dass heute unter anderem ein Sushi-Restaurant und eine mexikanische Cocktailbar den Platz säumen, liegt vor allem an dem Gebäude, das Angelis hier 2015 gebaut hat: Im Erdgeschoss befinden sich der Modeladen „Du Nord“ und das vietnamesische Restaurant „Royals & Rice Saigon Street“, darüber Büroetagen und im obersten Stockwerk Wohnungen. „Mit solchen Mischkonzepten bringt man langfristig Leben zurück in die Stadt“, erklärt Angelis. „Denn damit die Innenstädte nicht veröden, müssen dort auch wieder mehr Menschen leben.“

Er sieht sich als „Programmierer von Stadträumen“, und er hat eine Zukunftsvision, in der das Angebot an Waren in den Innenstädten wieder kleinteiliger und regionaler werden wird. „Riesige Sortimente brauchen die Läden in Zeiten des Internets nicht mehr. Sie werden deshalb eher zu Showrooms, in denen es um besondere Erlebnisse geht. Vor allem aber sehnen sich die Leute nach echten Orten, zu denen sie einen persönlichen Bezug haben.“ Er sieht in der Krise eine Chance: So groß der Leidensdruck der Innenstädte gerade sei, so groß sei auch die Chance, jetzt alte Strukturen aufzubrechen.

Genau da setzt auch sein aktuelles Projekt an, das er mit regionalen Investoren und den Mitinitiatoren Jens Läkamp und Frank Reiners umsetzt: die Belebung eines alten Hertie-Gebäudes in Oldenburgs Innenstadt. Sieben Jahre lang stand der Warenhauskoloss leer, doch nun wird dort das „Core“ einziehen – wenn es nach Angelis geht, der neue Stadtkern Oldenburgs. Ein Mix aus Markthalle mit Streetfood-Ständen, Auditorien für Veranstaltungen und Co-Working-Flächen. Kurzum: ein Gebäude, das Menschen zusammenbringt und in dem es wieder etwas zu erleben gibt. Ein Ort, an dem es nicht nur ums Konsumieren geht.

„Gegen so ein Projekt hätten sicher 100 Leute etwas einzuwenden“, sagt Angelis. „Aber wenn mich etwas begeistert und überzeugt, bin ich mit Herz dabei und lasse mich nicht davon abbringen.“ Angelis, dessen Vater aus Griechenland stammt, denkt bei seinen Entwürfen auch oft an die Griechenland-Urlaube mit seiner Familie zurück. „An diese Momente, in denen man einfach nur mit anderen im Schatten vor einer Taverne sitzt und sich wohlfühlt.“ Oder an die zehn Jahre, in denen er in Berlin arbeitete und dort Ende der 1990er-Jahre miterlebte, wie lauter kleine, besondere Geschäfte, Bars und Cafés Berlin-Mitte zu einem Ort mit enormer Anziehungskraft machten. „Das Besondere hat später den Boom der Gegend ausgelöst“, sagt Angelis. Genau das treibe ihn auch beim Core an: Einen Ort zu schaffen, der hervorsticht, Menschen zusammenbringt und vor allem junge Kreative  davon abhält, ihre Stadt zu verlassen.

Noch ist das Gebäude eine Baustelle, doch bei der Begehung der Räume, wird Angelis‘ Vision klar: „Dort drüben auf der Tribüne können Konzerte stattfinden und Start-ups ihre Ideen öffentlich pitchen“, erzählt seine Kollegin Lisa Bürger. „Auch Vorlesungen der Uni sind geplant. Und hier stehen schon die Stahlgerüste, die sich die Betreiber der Streetfood-Stände individuell gestalten können.“ Für das Core-Team sei es nicht vorrangig, sofort Geld mit dem Projekt zu gewinnen, so Lisa Bürger. Aber alle glauben daran. „Je weiter die Digitalisierung voranschreitet, desto mehr sehnen sich die Menschen wieder nach Begegnungen und einem ungezwungenen Miteinander.“

Ganz besonders nach über einem Jahr Social Distancing. Deshalb soll das Core wie geplant am 29. März eröffnen. Wegen der Corona-Pandemie noch mit Einlassbeschränkungen,  aber dafür befeuert vom unbedingten Willen aller Beteiligten, ihre Innenstadt wieder zu einem lebendigen Ort zu machen.

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