Was können wir von diesem Mann lernen?

Artikel: Was können wir von diesem Mann lernen?

Fynn Kliemann ist Youtuber, Sänger, Modedesigner, Hausbootbesitzer – und in diesen Rollen Vorbild für Tausende junger Menschen. Was finden sie nur an ihm? Ein Besuch im „Kliemannsland“

Text: Maria Timtschenko / Fotos: Bartosz Ludwinski

Fynn Kliemann meint, er sei ein schlechtes Vorbild. „Ich rauche wie ein Schlot, fahre nur mit Maschinen ohne Helm, selten angeschnallt. Ich mache nur Scheiße. Und wenn du dir sagst: ‚Ich mache das auch‘, dann kann das gut gehen. Es kann aber auch schiefgehen, und dafür will ich nicht verantwortlich sein.“

Das sagt gerade einer, dessen Youtube-Videos millionenfach geklickt werden. ­Jemand, der jeden Tag seines Lebens in ­Videoschnipseln auf Instagram dokumentiert, was 600 000 Fans verfolgen. Er kann online ganz genau ablesen, wie viele Menschen ihm beim Leben zusehen. Und noch mehr: Er lädt sie sogar dazu ein, ihn zu besuchen. Kann der 32-Jährige die Vorbildrolle da ernsthaft zurückweisen?

Nicht alle Projekte im Kliemannsland ergeben Sinn. Ein Auto wurde in einen Wohnwagen gesteckt.

Sein Aufstieg begann mit Heimwerkervideos auf Youtube. In einem der ersten, vor knapp sechs Jahren, sieht man ihn, wie er im Garten seiner Mutter eine Mauer baut. Er flucht über die verklemmte Kabeltrommel, kaputte Wassereimer und zu trockenen Estrich. Vergnügt sagt er in die Kamera: „Auch wenn ich selbst zum ersten Mal eine Mauer baue, heißt das nicht, dass ich das nicht besser kann als du.“ Selbstbewusst und witzig, schnelle Schnitte, akzeptable Ergebnisse – sein Like-Konzept.

Vor fünf Jahren kaufte Kliemann über drei Hektar niedersächsisches Land im 250-Einwohner-Dorf Rüspel, das zehn Kilometer von seinem Heimatort Zeven entfernt ist. Das Gelände samt Gasthof, Pferdescheunen und Hühnerstall taufte er „Kliemannsland“. Dort produzierte er für den Jugendsender „Funk“ von ARD und ZDF vier Jahre lang Videos. In der Zeit baute er ein Karussell aus Fahrrädern, legte einen Teich und einen Brunnen an, schraubte eine Fitnessanlage aus alten Dosen zusammen. Er ummantelte einen Motorroller mit einer Jetskiverkleidung und gurkte mit dem Hybrid über die Dorfstraße.

Aber Kliemann ist auch gelernter Mediengestalter, der immer noch zwei Tage in der Woche in seiner eigenen Agentur arbeitet. Er hat ein Modelabel. Die Klamotten lässt er unter fairen Bedingungen im europäischen Ausland herstellen. Gemeinsam mit dem Musiker Olli Schulz hat er das ehemalige Hausboot des verstorbenen Sängers Gunter Gabriel flottgemacht und in ein Tonstudio umgebaut. Außerdem ist er auch selbst Sänger und hat zwei Alben auf eigenem Label herausgebracht. Das jüngste erschien im Mai, heißt „Pop“ und landete auf Platz eins der deutschen Charts.

In der Corona-Pause schwenkt der Event-Praktikant (oben, rechts) um, lasiert einen Unterstand.

Kliemann hat mehrere Firmen und hält Dutzende Projekte gleichzeitig am Laufen. Es scheint, als wäre für jeden Typ unter 30 etwas dabei. Ein Schwarm mit Strubbelhaaren, der die Kaffeetasse auf die tiefen Tasten des Klaviers stellt und auf den mittleren klimpert. Ein Kumpel, der sich einen Skatepark in den Garten gebaut hat. Ein treuer Kerl, der seit Schulzeiten die gleiche Freundin an seiner Seite hat, vom Dorf kommt und mit Sänger­kollegen wie Clueso und Marteria um die Häuser zieht.

Fynn Kliemann ist mittlerweile selbst Popstar.

Jetzt sitzt der Popstar auf einer Art Rastplatzbank im Kliemannsland. Obwohl es warm ist, trägt er eine Wollmütze. Er raucht die dritte gedrehte Zigarette und schaut immer wieder auf sein Handy. Hinter ihm stehen ein selbst gebasteltes Bällebad und  mindestens 20 Mopeds. In der Mitte des Geländes befindet sich ein Teich mit Rutsche, zwei Plastikkanus dümpeln darin herum. Dahinter eine größere Wiese und etwa 15 Wohnwagen, die sich aneinanderreihen – Schlafplätze für alle, die vorbeikommen, denn in seinen Videos lädt er immer wieder dazu ein, ihn im Kliemannsland zu besuchen. Allein zum Weihnachtsmarkt im vergangenen Jahr seien, laut Kliemann, 20 000 Besucher ins kleine Rüspel und auf den Hof gekommen.

Hier sollte vorbeischauen, wer noch einen Beleg sucht für den Drang vieler Menschen, deren Alltag durchweg digitalisiert ist, etwas mit den Händen zu erschaffen. Oder eben zu tun, was immer sie wollen: ausschlafen, schreinern, tanzen, schweißen oder baden. Hintern hoch von der Couch. Eigentlich sollte Kliemann ein Liebling aller resignierten Eltern sein.

Einer, der recht früh Kliemanns Ruf auf den Hof folgte, ist Brian Jakubowski, 31 Jahre alt. Cappi und Holzfällerhemd sind sein Markenzeichen. Er hat einen Meister als Feinwerkmechaniker, im Kliemannsland arbeitet er als Social-Media-Redakteur. Vor fünf Jahren führte ihn der Algorithmus von Youtube, der einem einfach weitere Videos vorschlägt, zu Kliemann, der mal wieder dazu einlud, im Kliemannsland vorbeizuschauen. Jakubowski fuhr hin und ging nicht mehr fort. „Von Fynn habe ich gelernt, nicht zu viel nachzudenken. Sondern einfach zu machen. Er sagte: ‚Du schießt gute Fotos und hast Spaß dabei? Dann befüll unseren Instagramkanal!‘“ Seitdem macht Jakubowski das – sieben Tage die Woche.

Feinwerkmechaniker kann er trotzdem noch sein – wenn es im Kliemannsland etwas zu schrauben gibt. Man sollte sich am besten gar nicht auf ein Fachgebiet festlegen, findet Kliemann. Wenn das nicht mehr gebraucht würde, sei man ja plötzlich nutzlos. Auch deshalb fährt er vielgleisig: „Als ich die Werbefirma gründete, dachte ich, das ist der wichtigste Schritt in meinem Leben.“ Jetzt sei eine Firmengründung auch nur eine von vielen Aufgaben geworden. „Ich mache eine Logoskizze, rufe meinen Anwalt an, fahre zum Notar, trage das Logo ein, melde die Marke an, sichere ein paar Domains, setze am Wochenende eine Website auf. Fertig.“ Klingt wie Schnürsenkel zubinden. Das, was viele abhalte, einen wichtigen Schritt zu gehen, sei Angst, sagt Kliemann. Wer die Angst einmal überwunden habe, könne es immer wieder tun.

Was nicht heißt, dass nicht doch mal Panik einsetzt. Wie für einen Moment während des Fotoshootings mit DB MOBIL, als Kliemann sein Handy aus der Hosentasche in den Teich fällt. Schock bekämpfen, Lösung suchen. Kliemann tastet den schlammigen Grund mit den Füßen ab, bis er es findet. „Und es funktioniert noch. Was bin ich für ein Glückskind!“, sagt er in die Handykamera. Am nächsten Tag kann man den Vorfall auf Instagram sehen.

Einerseits Spaßvogel, andererseits Unternehmer, nur zum Golfen hat er kein Talent

Was andere als mittlere Katastrophe empfänden, kürt Kliemann zum Projekt. Beispiel Corona. Klar, auch er musste sein Café im Kliemannsland schließen, und Veranstaltungen fielen aus. Egal: Dann streicht der Event-Praktikant eben ein Holzdach. Und kurzerhand beauftragt er Partnerfabriken, statt Mode nun Masken zu produzieren. 250 000 pro Woche. Damit wurde er zwischenzeitlich zum größten Maskenhersteller Europas.

Kleiner Einblick ins Private, verbunden mit praktischer Lebenshilfe – das ist ein bewährtes Rezept erfolgreicher Youtuber. Beauty-Expertin Dagi Bee etwa öffnet Kleiderschrank und Badezimmer, sie lädt aber nicht auf ihre Couch ein. Kliemann öffnet den Fans auch die Tür: Kommt vorbei, bringt euch ein, packt mit an.

Während andere über ihren Schweinehund jammern, ärgert sich Kliemann darüber, dass er nicht alle Ideen, die er im Smartphone notiert hat, abarbeiten kann. „Dass ich überhaupt so viel schaffe, klappt nur, weil ich auf alles andere verzichte“, sagt Kliemann. „Ich mache keinen Urlaub, und ich gucke keine Serien.“ Zwischenmenschliches bleibt zugunsten der Arbeit auf der Strecke. Manchmal sorgt sich dann seine Mutter Antje Kliemann um ihn. „Vor allem um seine Kraftreserven, wenn sich zu viel Arbeit türmt. Und um seine Gesundheit, wenn er allzu verrückte Videos dreht.“ Und auch in den Antworten seiner Freundin Franzi Mulder schwingt Sehnsucht nach Ruhe: „Ich hoffe, dass er in Zukunft ein bisschen entspannter sein kann und wieder mehr Zeit für Blödsinn, seine Familie und mich hat.“ Hintern mal ruhig halten? Nicht so sein Ding.

Hier balanciert Kliemann noch auf den Kanus, gleich wird ihm das Handy aus der Tasche fallen.

Der Pressesprecher der Samtgemeinde Zeven, zu der auch Rüspel gehört, Christoph Reuther, hat seine eigene Methode gefunden, mit Kliemann umzugehen. Wenn er mit ihm an einem Projekt arbeitet, brieft er seine Mitarbeiter vorher: „Alles, was wir vermitteln wollen, darf nicht länger als zehn Minuten dauern, sonst ist Fynn mit seinen Gedanken schon woanders.“ Kliemann bringt andere dazu, sich kurz zu fassen. Sie stellen sich auf ihn ein, weil sie wissen, was sie davon haben. Zeven zum Beispiel wird jünger, weil Kliemanns Unternehmen Arbeitsplätze für junge Leute schafft. Die Gemeinde hat mehr Anfragen für Bauplätze, als sie anbieten kann.

Einer der Zugezogenen ist Bastian Ohrtmann. 38 Jahre, blondes Haar, sonnengebräuntes Gesicht, ehemaliger Projektleiter eines der größten Heavy-Metal-Festivals der Welt: Wacken. Er ist seit dem Frühling der neue Hofleiter des Kliemannslands und soll, wie er sagt, vor Ort eine Struktur schaffen, in der der Freigeist erhalten bleibt, die aber auch Geld abwirft. „Wäre ich zehn Jahre jünger, würde mich Fynns Tatendrang einschüchtern“, sagt er. „Aber in meinem Alter weiß ich: Jeder hat sein eigenes Tempo.“

Bis jetzt ist es Kliemann immer gut gelungen, Trends zu erkennen und zu Geld zu machen. Ohne dabei obszön zu wirken. Zum Beispiel bei seinen Alben. Beide konnte man ein paar Monate vorbestellen. Wer es nicht tat, hatte Pech, denn nach Ablauf der Frist wurden keine Bestellungen mehr angenommen. Kliemann ließ nur so viele herstellen, wie auch verkauft worden waren. „Weil es umweltfreundlicher ist“, sagt er. Und insgesamt günstiger, da nichts für die Tonne fabriziert wurde. Kliemann produzierte einen Podcast zum Album. Darin zählte er jeden Euro auf, den er bis dahin eingenommen (etwa 667 000 Euro) und ausgegeben hatte: Songproduktion zirka 27 000 Euro, Tattoo-Equipment für das Musikvideo zum Lied „Zuhause“ 1000 Euro, Coverfotos 1500 Euro. Er schätzt die zu erwartenden Steuern auf den Gewinn: 53 000 Euro.

Kliemann kann vielleicht nicht still sitzen, er wirkt lustig und zwanglos, doch er behält auch gern die Kontrolle: „Ich bezahle etwa 50 Mitarbeiter in verschiedenen Firmen. Ich mache von allem die Endabnahme“, sagt Kliemann. Er erwartet volle Einsatzbereitschaft, über den Feierabend hinaus. „Manchmal gibt es Arbeiten, auf die man keinen Bock hat. Aber dann setze ich mich mit den Leuten hin, bestelle Pizza, und wir arbeiten die Nacht durch. Und am nächsten Tag gehen wir schwimmen. Mir ist aber klar, dass ich diese Erwartung nur haben kann, wenn ich komplett mitziehe und auch die Freiheit lasse, dass Leute mal eine Woche nicht arbeiten, weil die Sonne so schön scheint.“ Das Kliemannsland verknüpft Start-up-Mentalität mit Ferienlager-Träumerei. Es heißt, von klein an lernt der Mensch, indem er andere nachahmt. Wer sich beibringen möchte, wie man macht, was man ersponnen hat, ist im Kliemannsland richtig.

Fynn Kliemann mag sich nicht als Vorbild sehen. Aber das kann er sich nicht aussuchen. Für viele Menschen ist er eines – und möglicherweise kein ganz schlechtes.

DIE AUTORIN

Autorin Maria Timtschenko nutzte die Gelegenheit, im Kliemannsland auch mal etwas zu machen, wozu sie sonst selten Gelegenheit hat. Sie kletterte auf die Dächer zweier Autos und drehte ein paar Runden mit Kliemanns neuem Segway.