„Ich bin genau da, wo ich immer hinwollte“

Artikel: „Ich bin genau da, wo ich immer hinwollte“

Seit März begleitet er Millionen Zuschauer durch die Corona-Krise. DB MOBIL hat Markus Lanz fast ein halbes Jahr lang beobachtet. Im Interview erzählt der Südtiroler Moderator von seinem Stolz auf Deutschland, Anrufen von Politikern und wie seine Sendung ohne den Applaus des Studiopublikums auskommt. Text: Katja Heer

Ein Donnerstag Ende April. Gähnende Leere dort, wo sonst das Publikum auf Einlass wartet. Markus Lanz durchquert die Halle des ehemaligen Eisenwerks Phoenixhof in Hamburg und schiebt die schwere Studiotür auf, hinter der seine Talkgäste warten. Die Krise dauert erst wenige Wochen an. Doch bereits zu diesem Zeitpunkt ist der Moderator mit seiner Sendung nicht mehr wegzudenken, wenn in Deutschland über Abstandsregeln, Ansteckungsmöglichkeiten und Aussichten für die Zukunft diskutiert wird. Das erste Interview mit dem 51-Jährigen führt DB MOBIL nach seiner Talkshow im Aufenthaltsraum des Studios. Die Gäste sind längst gegangen – an diesem Abend waren es Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer, die Pädagogin Maike Finnern und Karl Lauterbach, mal wieder.

Herr Lanz, wie oft wollen Sie Herrn Lauterbach noch einladen?

Wenn es nach mir geht: einmal pro Woche. Weil ich nur wenige kenne, die so glaubwürdig und so fundiert begründen können, was gerade Sache ist. Nur zur Erinnerung: Er war der Erste, der in unserer Sendung klipp und klar sagte, was da auf uns zukommt. Ich werde diesen Moment nie vergessen. Da ging’s gerade los. Man muss dazu wissen: Karl Lauterbach ist jemand, der nachts zum Einschlafen Studien liest. Mir fallen nicht viele ein, die dieses Hobby haben.

Heute ist der 23. April, der Shutdown dauert nun gut einen Monat an. Was war Ihre größte Erkenntnis in den vergangenen Wochen?

Für mich war es ein Schlüsselmoment, als ich begriff, woher diese Zoonosen – also Krankheiten, die von Tier zu Mensch übertragen werden – kommen. Das war mir vorher überhaupt nicht klar. Ich dachte am Anfang zum Beispiel, die Lungenkrankheit SARS sei damals aufgetaucht, weil Menschen in Südostasien Pangoline oder Fledermäuse essen, und die Lungenkrankheit MERS sei aufgetaucht, weil Menschen in Saudi-Arabien Dromedaren viel zu nahe kamen. Aber das hat eine ganz andere Dimension. Diese Krise ist eine Warnung.

Wovor?

Diese Epidemien haben vor allem mit der voranschreitenden Umweltzerstörung zu tun. 60 Prozent aller gefährlichen Viren stammen aus den Urwäldern dieser Erde. Wir dringen immer tiefer in diese Wälder vor, und Viren suchen sich neue Wirte, weil ihre alten ausgerottet werden. Und am Ende haben wir Menschen ein Problem. Das ist nichts, was wir in den Griff kriegen, wenn wir drei Wildtiermärkte in Afrika oder China schließen. Es geht um Millionen Tiere.

Es wird seit Längerem über den Einfluss von Wissenschaftlern auf die Politik diskutiert. Sehen Sie das ähnlich kritisch?

Ich habe die Diskussion darüber, dass angeblich Virologen die Macht übernommen hätten, nie verstanden. Viele von ihnen habe ich persönlich kennengelernt. Das sind exzellente Wissenschaftler, die übrigens ihrerseits völlig überrumpelt worden sind von der Tatsache, dass plötzlich Millionen Menschen an ihren Lippen hingen. Wir machen uns viel zu selten klar, wie viel Druck und Stress das auch für diese Wissenschaftler bedeutet.

Woher rührt die Skepsis gegenüber den Experten?

Wir verlangen von Virologen eine Orakel-Kompetenz, die ultimative Wahrheit. Das Problem ist: Die gibt es nicht, weil wir jeden Tag Neues über dieses Virus dazulernen. Das hat viele Leute enttäuscht und wütend gemacht. Dabei sollten wir alle froh sein, dass wir diese Experten haben. Ich glaube, den Deutschen ist oft gar nicht klar, wie sie im Ausland gesehen werden.

Das müssen Sie erklären.

Deutschland ist immer der Maßstab, an dem sich bis heute alles misst, in Europa, aber auch in vielen anderen Teilen der Welt. Egal ob Sie im Westjordanland unterwegs sind oder in Afrika –  alle fragen sich: „Was machen die Deutschen? Wie machen sie es? Warum funktioniert deren Land und unseres nicht?“ Das ist den Deutschen selbst gar nicht so bewusst. Mir schon. Ich stamme aus einem kleinen Bergdorf in Südtirol. Als jemand, der vor mehr als 25 Jahren in dieses Land gekommen ist, habe ich immer geahnt, was für eine Power Deutschland hat. Und jetzt in der Krise hautnah zu erleben, was da für eine Kraft drinsteckt, macht mich auch ein bisschen stolz. Auch weil ich sehe, wie es in anderen Ländern läuft. Deutschland ist unheimlich gut organisiert und diszipliniert.

Haben Sie ein Beispiel dafür?

Es gibt hier diese bürokratischen Wortungetüme, zum Beispiel „Lohnfortzahlung im Krankheitsfall“. Das ist zwar ein grässlicher Begriff, aber eine feine Sache. Darauf haben die meisten Amerikaner keinen gesetzlichen Anspruch. Oder einen maroden Staat wie Italien zu sehen – das tut mir richtig weh. Jeder italienische Arbeiter zahlt seine Steuern genauso pünktlich wie jeder deutsche auch. Aber der Staat funktioniert trotzdem nicht.

Ihre Mutter lebt in Südtirol. Wie halten Sie Kontakt?

Wir telefonieren täglich. Und meine Geschwister sind vor Ort. Trotzdem hat sich ihr Alltag natürlich dramatisch verändert. Das ist überhaupt eine der wichtigsten Fragen in dieser Krise: Was macht diese Isolation mit alten Menschen? Deshalb finde ich das Gerede darüber, dass man jetzt einfach die Alten ein bisschen isolieren müsste, und dann kann für alle anderen das Leben normal weitergehen, ziemlich zynisch. Wer sind wir, dass wir einer 80 Jahre alten Frau verbieten wollten, in den Supermarkt zu gehen? Und was tun wir unseren alten Eltern an, wenn wir sie nicht mehr besuchen können? Sollte nicht jeder ältere Mensch für sich entscheiden dürfen, ob er seine letzten Tage allein oder mit der Familie verbringt? Ich bin sehr ins Grübeln gekommen, wie weit Bevormundung an dem Punkt gehen darf. Da gibt es sehr viel stilles Leid.

Was erwarten Sie für die nächsten Wochen?

Wir beten alle, dass der Weltuntergang ausbleibt. Die Kehrseite ist: Je länger er ausbleibt, desto härter werden wir die Debatten über mögliche Lockerungen führen.

Zwei Wochen später. Die Sonne scheint, es ist der erste richtig warme Tag Anfang Mai, der Weltuntergang ist ausgeblieben, der Shutdown vorbei. An diesem Freitag hat Markus Lanz eine Sendungswoche hinter sich, in der vor allem über die ersten Lockerungen diskutiert wurde. Restaurants und Cafés sind noch geschlossen, das nächste Treffen findet auf einer Bank mit Blick auf die Hamburger Außenalster statt, um die Markus Lanz einmal am Tag joggt. Der Moderator – abgewetztes Longsleeve, graue Jeans und Cap auf dem Kopf – wohnt um die Ecke und kommt mit einem schwarzen E-Bike angeradelt, mit dem er regelmäßig auch in den Tiroler Bergen unterwegs ist. Er hat die Angewohnheit, sein Gegenüber oft am Anfang oder am Ende eines Satzes mit dem Namen anzusprechen. Damit erzeugt er automatisch Nähe.

Der Shutdown ist zu Ende und nun, Anfang Mai, wird nicht nur über weitergehende Lockerungen diskutiert, auch Verschwörungserzähler werden lauter. Manchmal wird gar bezweifelt, dass es Corona überhaupt gibt. Kennen Sie jemanden, der an Covid-19 erkrankt ist?

Ja, ich kenne inzwischen mehrere Menschen, die erkrankt sind, unter anderem einer meiner engsten Mitarbeiter. Allen geht es wieder besser, aber manche klagen über eine tiefe Erschöpfung. Andere beschreiben, dass es egal sei, ob sie Tee, Wasser, Wein oder Orangensaft trinken: Alles schmecke gleich. In der öffentlichen Debatte geht es ja vor allem um Genesene und Todesopfer. Aber über die dazwischen, über die Patienten mit Spätfolgen, sprechen wir seltsamerweise kaum.

Haben sich Kollegen bei Ihrem Mitarbeiter angesteckt?

Wir haben von Anfang an sehr penibel darauf geachtet, die Abstände einzuhalten. Und ich dachte oft, wenn es stimmt, was die Fachleute erzählen – dass Abstand das Wichtigste sei –  dann dürfte sich keiner von uns angesteckt haben. So war es auch. Das war zu einem Zeitpunkt, als wir noch keine Masken getragen haben. Aber wir haben mindestens zwei Meter Abstand gewahrt, bei Redaktionskonferenzen zum Beispiel, und im kleineren Regieraum haben wir Trennwände aus Plastikduschvorhängen angebracht.

Wie hat sich Ihr Alltag durch Corona verändert?

Kaum. Deshalb bin ich auch der Letzte, der sich beklagen sollte. Ich kann noch joggen, wir machen unsere Sendung. Dass die Restaurants und Bars zu sind, stört mich nicht. Ich bin eh selten unterwegs. Aber ich kenne einige Gastronomen und Hoteliers, für die es gerade um alles geht. Und ich sehe die Auswirkungen des Virus auf die Gesellschaft.

Inwiefern?

Plötzlich ist der andere, dem ich auf der Straße begegne, nicht mehr mein Freund, sondern eine mögliche Bedrohung. Der, den ich gestern noch freudig umarmt habe, bringt mir plötzlich eine potenziell tödliche Krankheit. Was tun wir also? Wir wenden uns vorsichtshalber ab, drehen das Gesicht weg. Wir brauchen Nähe, doch plötzlich sind wir die 1,5-Meter-Gesellschaft. Das macht was mit uns. Da kommt mitunter eine Feindseligkeit auf, die es vorher nicht gab.

Wo erleben Sie die?

Zum Beispiel beim Joggen, aber vor allem auf dem Fahrrad. Plötzlich wirst du böse angeraunzt, wenn du dich jemandem auf zwei Metern näherst.

Wie reagieren Sie in solchen Momenten?

An guten Tagen stecke ich es souverän weg, an weniger guten motze ich auch mal zurück und muss mich daran erinnern, dass die Leute wirklich Angst haben.

Sie auch?

Um meine Mutter vor allem, die 86 Jahre alt ist. Ich habe Angst, dass mit ihr etwas ist, und ich im entscheidenden Moment nicht bei ihr sein kann. Was ich auf der anderen Seite wirklich bewundere, ist, wie gelassen diese Generation mit dem Thema umgeht. Davon können wir viel lernen, die sind viel härter im Nehmen als wir. Was mich selbst betrifft, habe ich keine Angst.

Woran liegt das?

Ich glaube an das Prinzip der Eigenverantwortung. Mir ist vollkommen bewusst, dass Covid-19 gefährlich ist, aber ich richte mich nach dem, was die Wissenschaft sagt: Abstand halten, Maske tragen, fit bleiben. Die gute Nachricht ist: Man kann mit diesen einfachen Dingen das Risiko extrem minimieren. Den Rest nehme ich, wie er kommt. Man muss die Möglichkeit zu sterben akzeptieren. Die Beschäftigung mit dem Tod ist eine, die wir gelegentlich suchen sollten.

Warum?

Jeder weiß: In dem Moment, in dem wir auf die Welt kommen, ist der Tod schon eingepreist. Ich habe mich mal mit dem Philosophen Wilhelm Schmid darüber unterhalten, der sagte: „Erst der Tod macht das Leben wertvoll.“ Ich habe das oft gemerkt, wenn ich zum Beispiel im Winter mit Inuit-Jägern in Grönland unterwegs war. Das Leben ist sehr zerbrechlich.

Sie sagten mal in einem Interview, Sie hätten zwei Leben: eins in Deutschland und eins in Südtirol. Wie unterscheiden sich diese beiden?

Südtirol ist für mich eine Welt mit alten Freunden, ich treffe an jeder Ecke jemanden, den ich kenne, eine kampffreie Zone, in der es vollkommen unwichtig ist, was du machst oder bist. Viele meiner Freunde aus der kleinen Bergschule von damals sind im Winter Skilehrer und im Sommer Handwerker. Ich denke manchmal, das war wohl das Leben, das auch für mich vorgesehen war. Ein gutes Leben.

Wodurch kam es anders?

Ich habe immer wieder Leute getroffen, die sich um mich gekümmert haben. Der Erste war der Dorfpfarrer, der mich mit elf aufs Klosterinternat geschickt hat, aus dem er selbst kam. Das war ein sehr gutes Gymnasium. Die Jahre dort haben mich geprägt. Genauso wie die Zeit beim Militär.

Wo waren Sie stationiert?

In Neapel. Als Südtiroler waren wir „die Deutschen“, ein Unteroffizier beschimpfte uns gern als „deutsche Bastarde“. Dort habe ich das erste Mal Erfahrungen mit Diskriminierung gemacht. Bis heute sitzt in meinem Hinterkopf, wie schnell man der andere sein kann. Aber ich habe mich hineingestürzt in diese Truppe und in dieses chaotische Neapel, ich wollte Teil davon werden. Irgendwann nannten sie mich den „Südtiroler Neapolitaner“. Das war die zweite Lektion: Integration ist auch eine Bringschuld.

Sie sind 1991 nach Deutschland gekommen, haben in der Werbung und beim Radio und ab 1995 bei RTL gearbeitet, wo Sie verschiedene Nachrichten- und Boulevard-Formate moderiert haben. 2008 sind Sie zum ZDF gewechselt. War das ein geplanter Schritt?

Ja, der Wechsel war für mich nötig. Um ehrlich zu sein: Wenn das nicht geklappt hätte, hätte ich mit Fernsehen aufgehört. Alles, was danach kam, ist einfach so passiert.

Was war der größte Tiefschlag in Ihrer Karriere?

Das Scheitern mit „Wetten, dass..?“, ganz klar. Ich habe lange gebraucht, um das zu verwinden. Aber in dieser Niederlage habe ich wahrscheinlich mehr gelernt als in manchen Erfolgen davor.

Klingt wie ein typischer Coaching-Satz …

Ich weiß, aber es stimmt. In solchen Krisen zeigt sich, wer du wirklich bist. Man kann daran zerbrechen – oder sich durchbeißen und weitermachen. Und es ist eine Sache, das theoretisch zu wissen, aber es ist eine ganz andere Sache, da wirklich durchzugehen, über so lange Zeit. Ich wurde niedergeschrieben und niedergebrüllt. Man braucht da eine gewisse psychische Widerstandsfähigkeit, Resilienz, wie der Fachmann sagt.

Was hat Ihnen in der Zeit geholfen?

Meine Südtiroler Erdung. Ich dachte immer: Die Dolomiten standen vorher schon da, sie stehen währenddessen da, und sie werden auch danach noch stehen. Und im Nachhinein habe ich gemerkt: Es war die falsche Entscheidung. Um ehrlich zu sein – mein Drang, um viertel nach acht eine Showtreppe herunterzukommen, ist nicht besonders ausgeprägt. Ich habe mich da ein bisschen drängen lassen. Und vermutlich war ich auch eitel.

Wo sind Sie eitel?

Es gibt ja viele Formen von Eitelkeit. Etwa eine Kopfeitelkeit.

Wie würden Sie die definieren?

Ich glaube, das ist zum Beispiel das, was viele Politiker haben. Ich habe mal mit Olaf Scholz darüber gesprochen. Er hat zu mir sinngemäß gesagt: Ihr Medienleute denkt immer, wir Politiker würden uns von morgens bis abends nur durchs Amt quälen, und am Ende sind wir nur noch kaputt und amtsmüde. Das stimmt zwar, aber es kitzelt auch die Eitelkeit, wenn man morgens mit Macron telefoniert und abends mit Obama. Das fand ich sehr ehrlich.

Welche Anrufe kitzeln Ihre Eitelkeit?

Wenn Jens Spahn anruft. Oder die Sprecherin einer Staatskanzlei: „Der Ministerpräsident würde Sie gern sprechen.“ Neulich habe ich für Entwicklungsminister Gerd Müller eine Veranstaltung moderiert. Dort kam die Kanzlerin auf mich zu und hat mich mit Namen begrüßt. Da habe ich gedacht, ist ja völlig verrückt, sie weiß, wer ich bin! Dabei komme ich doch von der Alm ... (lacht) Aber vielleicht ist es auch wichtig, sich dieses Staunen zu bewahren.

Wenn Sie nicht mehr auf Sendung wären, was wäre das Schlimmste daran?

Ich wäre nicht mehr dabei. Wenn meine Redaktion und ich gut arbeiten, kann es passieren, dass durch unsere Sendung jemand in Berlin unter Druck gerät. Das heißt, wir können etwas vorantreiben, wir sind relevant, wir haben einen gewissen Einfluss.

Zwei Monate später, Anfang Juli. Gaststätten haben unter Auflagen geöffnet, viele Menschen gehen wieder ins Büro, unter strengen Hygienevorschriften. Masken gehören inzwischen für die meisten Deutschen zum Alltag, und zumindest in Deutschland sind die Infektionszahlen heruntergegangen. Auch wenn lokale Ausbrüche wie der beim Fleischverarbeitungsunternehmen Tönnies in Rheda-Wiedenbrück verdeutlichen: Das Virus ist noch da, und es schlägt mit Wucht zu, wenn man es lässt. Es ist der Tag nach der letzten Sendung vor der Sommerpause, als DB MOBIL Markus Lanz am Telefon erreicht. Er ist erschöpft: „Es reicht gerade. Ich freue mich einfach nur noch auf den Urlaub und auf Südtirol. Zeit mit der Familie verbringen, mit dem Mountainbike in die Berge fahren, fotografieren.“

Gut einen Monat später, Mitte August, ist Markus Lanz wieder da. Es ist Freitag, die erste Sendungswoche nach der Sommerpause liegt hinter ihm. Braun gebrannt sitzt er am Tisch des Restaurants Alstercliff, erneut in seiner Nachbarschaft. Das letzte Treffen, wieder scheint die Sonne. Eine ungewöhnliche Hitze hält sich über Norddeutschland, die Temperaturen steigen fast täglich über 30 Grad. Auch die Infektionszahlen gehen hoch, teilweise verursacht durch Reiserückkehrer. Dies und das Wirrwarr um die Wiedereröffnung der Schulen waren Themen bei Markus Lanz. Wie bereits vor seinem Urlaub präsentierte er sich in der Sendung ruhig und konzentriert, schaute kaum auf seine Notizen und streute Wissen ein, das er in den vorangegangenen Sendungen gesammelt hatte. Es scheint ihm und seiner Talkshow gutzutun, dass das Studiopublikum fehlt. Auch die Quoten sind gestiegen: Von Mitte März bis zur Sommerpause schauten im Schnitt gut zwei Millionen Menschen zu, fast eine halbe Million mehr als in den Monaten zuvor.

Die Schulen sind wieder offen. Wie gefällt Ihnen das?

Prinzipiell ist das natürlich gut. Aber es herrscht Chaos. Ich verstehe nicht, dass wir so viele Wochen und Monate verschenkt haben, um uns richtig vorzubereiten. Spätestens im Sommer hätte es doch eine große Schulinitiative geben müssen: Bildungsministerium, Familienministerium, Lehrer, Virologen – alle an einen Tisch. Warum gab es die nicht? Jetzt hatten wir zum Start die seltsame Situation, dass Kinder in Nordrhein-Westfalen mit Maske im Unterricht saßen und alle anderen nicht. Ist das Virus dort ansteckender als in Schleswig-Holstein?

Würden Sie alle Kinder mit Maske in den Unterricht schicken?

Das ist vermutlich weltfremd und nicht durchzuhalten. Und in Nordrhein-Westfalen ist es ja gerade von einem Gericht gekippt worden. Aber natürlich sehen wir eine gewisse Doppelmoral: Dieselben politischen Verantwortlichen, die sich mit zum Teil sehr drastischen Worten über Demonstranten aufregen, die ohne Maske durch Berlin ziehen, ordnen andererseits an, dass 30 Kinder Schulter an Schulter und ohne ausreichende Lüftungsmöglichkeit stundenlang in einem Raum sitzen. Wo ist da der Unterschied?

Was also soll passieren?

Das Land der Baumärkte und Heimwerker sollte es hinkriegen, Klassenfenster so umzurüsten, dass man vernünftig lüften kann. Ich glaube, wir könnten die Klassengrößen verringern, indem wir auch leer stehende Konferenzräume, in Hotels etwa, für den Unterricht nutzen. Es gibt mittlerweile ziemlich gute mobile Filter, die das Virus entfernen. Und wir könnten jede Klasse mit einem CO²-Messgerät ausstatten, das kritische Werte anzeigt, ab denen eine Pause notwendig wird. Natürlich kann man einwenden, dass es weltfremd sei, alle 30 Minuten den Unterricht zu unterbrechen.

Ihre Antwort?

In normalen Zeiten schon. Aber wir leben in einer Ausnahmesituation. Und eine halbe Stunde ist immer noch besser als nichts – wenn nämlich Schulen wieder geschlossen werden müssen.

Seit dem 17. März müssen Sie auf Ihr Studiopublikum verzichten. Vermissen Sie etwas?

Ich gebe zu, dass es mir am Anfang sehr gefehlt hat. Doch wir haben uns darauf eingelassen, und es hat auch Vorteile. Unsere Sendung ist eine andere geworden.

Was hat sich verändert?

Sie ist inzwischen eher wie ein Kammerspiel. Ich habe das Gefühl, die Gäste sind noch konzentrierter, unaufgeregter. Und sie geraten nicht in Versuchung, den einen oder anderen populistischen Ausfallschritt zu machen. Denn dann klatscht jetzt keiner mehr. Das heißt, das Bemühen um das gute Argument ist noch stärker geworden. Das ist im Übrigen auch der Eindruck vieler Zuschauer, die uns schreiben. Die vermissen gar nichts.

Was unterscheidet Ihre Talkshow von den anderen, die die ganze Woche über zu verschiedenen Uhrzeiten laufen?

Unsere Sendung ist anders angelegt. Eher als Folge intensiver Einzelgespräche. Das bedeutet intensives Zuhören und jederzeit bereit zu sein, die geplante Dramaturgie nicht nur komplett über den Haufen zu werfen, sondern im Zweifel gleich ganz zu vergessen. Was wir wollen, sind echte Gespräche.

Sie sind seit mehr als zehn Jahren auf Sendung. Wie lange wollen Sie den Job noch machen?

Ist das die Aufforderung, mich in die Rente zu verabschieden? (lacht) Im Moment bin ich genau da, wo ich immer hinwollte. Wenn man das Glück hat, im Leben eine Tätigkeit zu finden, die einen wirklich ausfüllt, ist das so ziemlich das Beste, was man erreichen kann. Meine Arbeit macht mir so viel Spaß wie nie. Also, meinetwegen kann das noch ewig so weitergehen.

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ITALIENISCHER HAMBURGER

  • Geboren am 16. März in Bruneck, Südtirol. Er hat einen Bruder und eine Schwester und wächst in bescheidenen Verhältnissen auf. Der Vater stirbt an Krebs, als Lanz 13 Jahre alt ist.
  • Er träumt davon, Musikproduzent zu werden, wie sein Südtiroler Vorbild Giorgio Moroder. Es kommt anders: Nach Stationen in einer Agentur und beim Radio geht er zum Fernsehen.
  • Ab 1995 arbeitet Lanz bei RTL, ab 1998 für das Boulevard-Magazin „Explosiv“. 2008 talkt er erstmals im ZDF, seit 2009 läuft seine Sendung dreimal pro Woche.
  • Privates: Aus der Ehe mit TV-Kollegin Birgit Schrowange stammt ein Sohn, 20. Mit seiner zweiten Frau Angela hat er zwei Töchter, zwei und fünf Jahre alt. Die Familie lebt in Hamburg.